Suche nach dem Alten Europa

Die Aufre­gung stieg damals 2013, aber die Reise sollte anders ver­laufen als ursprünglich gedacht.

Ich plante sie, um mehr über meinen Vor­fahren zu erfahren und zwar jen­er Europäer, die zum ersten Mal diesen Kon­ti­nent betrat­en.

Wohin nur soll ich mit den Ein­drück­en,
wo ich in eine andere Welt ein­tauche.

Die Welt die Heimat und doch nicht Heimat ist.

Ich liebe kurze Aus­flüge in andere Wel­ten. Die Wel­ten sind vielfältig, egal ob Orte, Musik, Malerei, ein gutes Essen. Reisen ist eine Form, sich dem Uni­ver­sum zu öff­nen.

Nach­dem mich die let­zten großen Reisen nach Aus­tralien und an die West­küste Nor­damerikas geführt hat­ten, wollte ich auch in Europa bleiben — in der Nähe mein­er Mut­ter.

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Ich wollte dem näher kom­men, was die Men­schen, die als erste in Europa lebten, erfuhren. Es geht nach Frankre­ich. Dort gibt es viele Höhlen, die durch ihre Malereien und Fel­sritzun­gen berühmt sind. Ich bin ges­pan­nt, was es noch alles zu erzählen geben wird. Ich werde in die Dor­dogne fahren, um dort die let­zten Reste dieser Men­schen anzuse­hen, aber auch die Land­schaften auf mich wirken zu lassen, durch sie zogen.

Ich werde an meine per­sön­lichen Vor­fahren denken und an jene, die vor paar 10.000 Jahren aus Afri­ka nach Europa kamen. Die Reise wird ruhiger und besinnlich­er wer­den als frühere. Doch ges­pan­nt bin ich auch dies­mal.

Uner­wartet und doch erwartet starb ver­gan­gene Woche meine Mut­ter. Sie wäre bald 81 gewor­den. Es wird also auch eine Reise wer­den, die ich ihr widme. Meine Mut­ter wird bei mir sein.

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Sankt Romedius und Mona Lisa

Was haben die bei­den gemein­sam?

Tja, das ist nicht so leicht zu errat­en, denn sie erin­nern mich an meine Großel­tern: an den Vater meines Vaters und die Mut­ter mein­er Mut­ter.
mg_7373Meinen Opa habe ich nie ken­nen­gel­ernt und es waren immer nur Geschicht­en, die sich manch­mal als falsch her­ausstell­ten. Er ist im Krieg gefall­en. Doch wann und wo, hätte mein Vater gewusst, aber er sprach nicht über ihn. Und ich reimte mir anscheinend auch Geschicht­en zusam­men oder hat es meine Mut­ter erzählt und nicht bess­er gewusst? Ich weiss es nicht. Ich hat­te ein­mal älteren Män­nern zuge­hört und die waren in Rus­s­land. Vielle­icht war das Anlass mein­er Vorstel­lung er sei 1943 in Rus­s­land gefall­en. Doch wenn mein Vater wütend war, dann wäre ich wie mein Groß­vater. Da ich aber mich recht gern habe, habe ich auch meinen Groß­vater zu lieben begonnen. Dazu kam, dass kein­er etwas Gutes über ihn zu bericht­en wusste. Das wiederum machte mich wütend. Nie­mand ist nur schlecht. Selb­st wenn er nur schöne Augen gehabt hätte.

Was blieb von ihm?

Er hat­te meine Groß­mut­ter mit einem une­he­lichen Kind eines reichen Salzburg­er Bauern geheiratet. Eigentlich wäre er auch ein Bauer, er war der Älteste. Und um die oft kleinen Land­wirtschaften zu erhal­ten, wur­den sie nicht geteilt, es erbte nur ein­er. Mein Groß­vater hat also auf den Hof verzichtet und eine Frau mit einem une­he­lichem Kind geheiratet. Er wurde Maler und arbeit­ete unter der Woche irgend­wo in Tirol. Aber worüber immer wieder gesprochen wurde, war, dass mein Vater und seine Schwest­er ihn am Fre­itag aus der Wirtschaft holen mussten, weil er son­st alles ver­trank. Mehr war hier als Infor­ma­tion nicht her­auszu­holen: Wie alt sie waren? Wie spät es war? War er wirk­lich stock­trunk­en oder war er nur am Ende der Woche ein Bier trinken? Doch das Schlimm­ste kam noch, er hat­te Bruch­holz im Wald gesam­melt, doch der Wald war nicht sein­er. Waldbe­sitzer ver­ste­hen keinen Spass. Obwohl heute der Wald rund um Inns­bruck lange nicht so “ordentlich” aussieht wie noch vor 30 Jahren, doch ver­boten ist es auch heute noch. Aber es ist auch ver­boten in Frankre­ich, auch wenn für den Eigenbe­darf dur­chaus ein Auge zuge­drückt wird, hat mir Pierre erzählt. Mein Groß­vater wan­derte ins Gefäng­nis. Dies war eine Riesen­schande. Als mein Vater wieder ein­mal sehr wütend auf mich war, weil ich
mg_7374seinen Geburt­stag vergessen hat­te und erst 2 Tage später grat­ulierte, hat er mir einen Brief geschrieben, wie ent­täuscht er von mir ist, wie bei seinem Vater. Da schrieb er mir davon. Ich dachte nur, wenn mein Groß­vater nur annäh­ernd so schlim­mer Dinge tat wie ich, dann kann er nicht ganz so schlimm gewe­sen sein. Damals erfuhr ich, dass mein Groß­vater 1945 knapp vor Kriegsende im früheren Jugoslaw­ien gefall­en ist.

Mein Groß­vater hieß Romed.

Als ich bei der Rück­reise im Trenti­no schlief, erzählte mir, die Tochter der Wirtin, dass ein Wall­fahrt­sort in der Nähe sei. San Rome­dio, der Heilige nach dem mein Groß­vater genan­nt wurde. Er wurde ange­blich in Thaur, einem kleinen Dorf in der Nähe von Inns­bruck, im 7. oder 8. Jahrhun­dert geboren. Und da es damals noch nicht Tirol hieß, wan­derte er nach Rom und nach Tri­ent und schien sich nicht son­der­lich um anständi­ge Lan­des­gren­zen zu küm­mern. Vielle­icht war er
mg_7390auch ein Adeliger aus Thaur. Ist das wirk­lich wichtig? Die Ein­siedelei wurde errichtet, die Leute pil­gern heute noch hin und danken für gesunde Kinder und die Ret­tung bei furcht­baren Unfällen. Als Romedius alt war, wollte er den Bischof in Tri­ent besuchen. Als ein Bär sein Pferd aufge­fressen hat­te, befahl er den Bären zu sat­teln und ritt auf diesem ins Tal. Heute lebt dort die Mut­ter des Prob­lem­bären “Bruno”, den die Bay­ern erschossen, aber da ich es nicht so gern habe, einges­per­rte Tiere zu sehen, bin ich sie nicht suchen gegan­gen.

Ich glaube, mein Vater hat da etwas ver­mis­cht, vor 30 Jahren habe ich ihn ein­mal gefragt, ob er wisse, wo unser Name herkommt. Mein Geburt­sname ist ein alter typ­is­ch­er Tirol­er Name, Jen­newein. Doch was er mir erzählt hat, passt bess­er zu San Rome­dio. Das muss ihm mein Gross­vater erzählt haben. Eine schöne Geschichte, die von meinem Opa zu meinem Papa zu mir gekom­men ist.

Hier zün­dete ich noch eine Kerze an für meine Vor­fahren, es ist der let­zte Tag mein­er Reise. Was für ein wun­der­bar­er Abschluß!

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Als ich das Kloster ver­ließ, war ich erstaunt ein Bild von Andreas Hofer hän­gen zu sehen, der dort auch als Vertei­di­ger gefeiert wor­den. Darunter ein Kranz der Welschtirol­er Schützenkom­panie, eine der unheim­lichen Ein­rich­tun­gen meines Heimat­landes sind deren Schützen.

Ich wollte es genauer wis­sen — die Schule ist gar zu lange her — Welschtirol, was ist das nun wirk­lich? Es ist das heutige Trenti­no (und ein bis­serl was dazu) war ab 1200 Teil der Graf­schaft Tirol: Nord‑, Süd‑, Ost- und Welschtirol. Ab 1365 kam diese Graf­schaft an den näch­sten Ver­wandten der let­zten Gräfin von Tirol, Mar­garete Maultasch, dem Hab­s­burg­er Rudolf dem Stifter. Dieses Tirol blieb erhal­ten bis zum Ende des 1. Weltkriegs, wo Südtirol und das Trenti­no an Ital­ien gin­gen.

Wer sind diese Schützen und was vertei­digten die Schützen gegenüber Napoleon? Ich weiß noch wie ich in Kor­si­ka darauf ange­sprochen wurde, denn Tirol wider­stand Paris so wie die Kors­en Wider­stand gegen Frankre­ich übten. Es waren die Rechte der freien Bauern, die sie vertei­digten. Doch nicht alle waren frei, nicht alle waren Besitzer eines Bauern­hofes. Nur nichts Neues! Wed­er von den Bay­ern, noch von den Fran­zosen, egal ob gut oder schlecht. Ein ziem­lich stures Volk! wehe dem, der nicht dieser Mei­n­ung war.

Das führt mich zu mein­er Oma, eine Südtiro­lerin. Sie und mein Opa heirateten erst spät, sie gehörten zu jenen Bauernkindern, die leer aus­gin­gen. Da war es nicht so leicht Kinder durchzufüt­tern, trotz­dem beka­men sie 9. Bei mein­er Mut­ter war sie 40 und meine Mama, war mit­ten drin­nen in der ganzen Kinder­schar. Meine Großel­tern sahen sich als Tirol­er, sprachen Deutsch und waren sehr gläu­bige Men­schen.

Als in Südtirol unter Mus­soli­ni nur mehr in Ital­ienisch unter­richtet wurde, gin­gen sie mit ihren Kindern nach Inns­bruck, denn ein Brud­er lebte bere­its in Nordtirol. Und mein Groß­vater sah sich nicht als Ital­ie­nier, er kämpfte als Kaiser­jäger im 1. Weltkrieg und er hat­te nichts, was er in Südtirol zurück­lassen hätte müssen. Doch dort hätte er seine Sprache ver­loren. So wur­den meine Großel­tern Südtirol­er Optan­ten. Es hat­te nichts mit Hitler zu tun, son­dern mit ihrer Vorstel­lung ihres Lebens.
betenIn dem Kloster fand ich dann diese 4 Damen. Von Katha­ri­na, Bar­bara und Mar­garete wußte ich, dass sie auch als 3 Beten gel­ten, die man in Südtirol oft auch auf Häusern find­et, als Ambet, Bor­bet und Wil­bet. Die Ursu­la ist im katholis­chen Raum als 4. Jungfrau dazu gekom­men. Die drei Madeln sind in vie­len Kul­ten vorhan­den, was sie einst sym­bol­isierten, ist offen. Ich mag die Vorstel­lung der drei weisen Frauen, der Jungfrau, der reifen und der alten Frau. Sie dienen als Sym­bol für die Vergänglichkeit des Lebens. Sie erin­nern mich aber auch an diese tiefe, stille Volks­gläu­bigkeit mein­er Großel­tern.

Meine Großel­tern haben mein­er Mut­ter auch dieses Beten beige­bracht, das sie solange sie kon­nte, wie ein Mantra pflegte. Ich bewun­derte es und benei­dete sie, dass sie auf diese Stütze in Zeit­en der Not zurück­greifen kon­nte.

Was ist nun mit der Mona Lisa? Ich habe in den let­zten Tagen einen Artikel über sie gele­sen und plöt­zlich war mir klar, warum ich ein­er­seits das Lächeln nie ver­stand und es mir ander­er­seits so ver­traut war. Ihre Art zu lächeln, entsprach dem Lächeln mein­er Oma. Still, zurück­hal­tend, ein­fach, demütig, das Leben so nehmen, wie es kommt. Es gibt nichts Aufre­gen­des, aber doch einiges, was ich ler­nen kann.

Meinen Großel­tern sei dieser let­zte Tag mein­er Heim­reise gewid­met.

Wäre ich reich …

Ab dem 15. wird das Geld knapp, erk­lärt mir Pierre, ab dann ist am Fre­itag Nach­mit­tag, aber auch am Sam­stag wenig los im Super­markt hier in Bor­deaux. In Frankre­ich werde ich auf eigene Art und Weise an die finanziellen Krisen erin­nert.

Ein­er­seits sind große Häuser in Bor­deaux teuer wie noch nie und doch halb so teuer wie in Paris. Kleine sind im Ver­hält­nis kaum leichter zu bekom­men und sie kosten gle­ich viel. Pierre würde gern sein großes Haus, dass an diesem und jenen Eck verän­dert wer­den müsste, um dem Schickim­ic­ki-Stan­dard zu entsprechen, gegen ein kleineres aus­tauschen. Ums gle­iche Geld. Es klappt nicht. _MG_6950

In Les Arcs, wo Corinne wohnt, sind Häuser, die vor zwei Jahren noch viel Geld bracht­en, schw­er zu verkaufen. Es sind tolle Häuser für Durch­schnitts­men­schen, nichts für Reiche. Doch Reiche kaufen sich etwas anderes, der Durch­schnitt kann sich solche Häuser nicht mehr leis­ten. Nicht nur Corinne, auch ihre kanadis­che Fre­undin und ihre Mut­ter wollen verkaufen. Corinne hat auf gut 1/3 verzichtet. Hinge­gen in so abgele­ge­nen Gegen­den wie The­ly im Zen­tral­mas­siv, wer­den einem die Häuser nachge­wor­fen.

Für Kün­stler wie Corinne, diese vie­len kleinen, die unser Leben ganz still bere­ich­ern, weil sie hier und dort ein Fest beleben, ist eine schwere Zeit. Denn jene, die sich das leis­ten kon­nten, geht das Geld aus. Selb­ständig wer­den? Chris­tine, eine Fre­undin Corinne’s, war selb­ständig, sie hat­te ein Geschäft und verkaufte lokale Pro­duk­te. Sie sper­rte let­ztes Jahr zu und muss nun noch immer zahlen. Mehr Mut zur Selb­ständigkeit? Damit das, dein Leben beherrscht? Sie ste­ht jet­zt mit Corinne und Claude am Stand, wo Kinder zum malen angeregt wer­den. Beim Mit­tagessen meinte sie, sie habe die Nase voll davon, auch wenn ihr ein ander­er Fre­und zure­det wieder selb­ständig zu wer­den.

Doch was hätte ich lieber? Ein Leben im Über­fluss?

Dann würde ich in einem Hotel sitzen, würde nicht für Fre­unde kochen, würde nicht drei Tage mit einem Lit­er­atur­pro­fes­sor inter­es­sante Gespräche führen.

Ich hätte ein aus­tauschbares Hotelz­im­mer, mit aus­tauschbarem Essen, das über­all auf der Welt gle­ich schmeckt.

Ich würde nicht wis­sen, welch­es Essen Fran­zosen schätzen. Wie sie es geniessen gemein­sam zu essen.

Ich hätte keinen exzel­len­ten 12-jähri­gen Bor­deaux genossen und über ihn bei einem äußerst inter­es­san­ten Gespräch die Zeit vergessen.

Ich hätte keine Ahnung, wie Häuser in Bor­deaux oder in der Provence von Innen ausse­hen.

Ich hätte einen Urlaub gemacht, der nicht viel Unter­schied hätte, von einem Film über Frankre­ich. Hätte ich reiche Fre­unde besucht, hätte ich nicht kochen dür­fen, wir hät­ten nicht zu dritt in einem kleinen Apparte­ment geschlafen: denn Claude, weil sie nicht gerne alleine schläft, ist, obwohl sie zwei Türen weit­er wohnt, zu uns gekom­men und hat ihren Schlaf­sack aus­gepackt. Sie ist mehr als 60 Jahre alt.
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Bei reichen Fre­un­den hät­ten wir getren­nte Zim­mer, wir hät­ten nicht selb­st gekocht.

Ich wüsste nicht, auf was Fran­zosen in einem Super­markt acht­en. Ich wüsste auch nicht, wie Kau­ma­gen schmeckt (Auch ich habe nach­schauen müssen, um rauszufind­en, was das ist). Das ist so eine Art Vor­ma­gen bei Geflügel, das bei der Ver­dau­ung hil­ft, eine Spezial­ität Bor­deaux.

Ich hätte wahrschein­lich nicht mit­bekom­men, das Bor­deaux die Ver­legerhaupt­stadt Frankre­ichs ist, mit vie­len und ein­er ganz riesi­gen Buch­hand­lung, aber auch ein­er Buch­hand­lung, die sich Ver­boten­em wid­met: der Erotik, nicht nur bil­ligem Schund, nein auch Erotik in der Lit­er­atur von namhaften Schrift­stellern ist zu find­en.

Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buchhandlung in Bordeaux.
Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buch­hand­lung in Bor­deaux.

Ich werde auch noch einen Beitrag in Wikipedia über einen Maler und Fotografen Bor­deaux’ schreiben, denn darüber hat Pierre geschrieben und auf Deutsch fehlt der Ein­trag.

Für die Neugieri­gen unter euch: Pierre Molin­ier. Wer nun unanständig über seine Fotografien denkt, sollte sich Zeit lassen beim vorschnellen Urteil. Er hat bewusst, manche Mon­ta­gen als Man­dalas gemacht, welch­er Form von Schaman­is­mus er sich wid­mete, weiß ich nicht genau, aber ich kann es nachvol­lziehen. Auch wenn Sex­u­al­ität eine große Rolle in seinem Leben spielte, so war doch noch mehr.

Nichts davon hätte ich erlebt, wäre ich reich.

Seit ich meine Urlaube bil­liger gestalte, wer­den sie span­nen­der und aufre­gen­der. Wer ist nun reich­er? Der, der alles kaufen kann oder ich, der sein Leben gestal­ten kann. Ich hat­te früher anders Urlaub gemacht. Irgend­wie fühlt es sich wie ein Plas­tikurlaub an gegen die Tage, die ich nun erleben darf.

Ich bin dabei meine Bedürfnisse zu über­denken und zu reor­gan­isieren. Das lehrte mich mein Urlaub.

Meine Franzosen

Mein Frankre­ich entspricht nicht dem, was ich von außen gel­ernt habe, was Fernse­hen und Zeitun­gen mir erzählten, mein Frankre­ich ist anders. Das war nicht immer so, denn als junger Men­sch war ich natür­lich in Paris. Aber auch das hätte mir Zeichen genug sein dür­fen, denn wo ver­brachte ich meine Zeit: vor dem Cen­tre George Pom­padou, nicht drin­nen. Draußen, denn dort spielte sich das Leben ab. Nicht nur die üblichen Straßen­musik­er waren dort zu find­en, oder die selt­samen Karikatur-oder Por­trait­maler, alle möglichen Kün­stler tum­melten sich hier rum. Das gefiel mir. Das ist lange her. Damals hat­te ich vergessen, was mir Schreiben und Fotografieren bedeutet. Denn ich hat­te es ver­loren. Es gab eine Zeit, da ergab das, was ich schrieb, keinen Sinn für andere und manch­mal auch kaum für mich. Es war so, dass Worte mir nicht mehr halfen, mich mitzuteilen.

Das ist sehr lange her — mehr als 30 Jahre.

Und es war auch weit weg von meinem heuti­gen Frankre­ich.
Corinne, in deren fast leerem Haus ich sitze, war die erste, die mich hier­her ver­führte. Ach, warum halb leer? Sie zieht um nach The­ly, ein winziger Ort, kaum zu find­en, um den Traum, den sie, seit ich sie kenne, träumt, zu ver­wirk­lichen. Sie hat ihren Bauern­hof gekauft, und wird dort ihren spir­ituellen, magis­chen, ökol­o­gis­chen Garten endlich umset­zen kön­nen. Ihren Fre­und Piam habe ich noch immer nicht ken­nen­gel­ernt, denn der ist ger­ade mit dem ersten Laster unter­wegs nach Nor­den. Corinne ist Kün­st­lerin und vor allem, eine wun­der­bare Leben­skün­st­lerin. Bei ihr füh­le ich mich immer so ganz ganz, auch wenn sie immer ganz viel im Kopf hat und an vie­len Plätzen gle­ichzeit­ig ist. Aber sie hat die wun­der­bare Fähigkeit andere so sein zu lassen, wie sie sind. Was zur Zeit zwar etwas prob­lema­tisch ist, denn ihr Jüng­ster ist 17 und so wie Siebzehn­jährige nun mal sind. Und nicht für jedes Kind ist diese Art von Frei­heit geeignet.

Sie hat nie viel Geld, lebt öfters mal von Not­stand und wenn das Geld gar knapp wird, dann meldet sich jemand für eine Mas­sage. So habe ich sie auch ken­nen­gel­ernt: in Thai­land, als wir gemein­sam einen Mas­sagekurs besucht­en. Und auch dort erlebten wir Momente, wo unsere Herzen gemein­sam schlu­gen.

Sie war die erste, die sich bei mir meldete, als meine Mut­ter starb.
Immer wieder passiert es, dass ein­er von uns etwas erzählt und der andere ver­wun­dert ist, weil es ihm auch passierte. Es ist unglaublich viel Syn­chro­niz­ität in unser bei­der Leben, auch von den nicht so schö­nen Seit­en.

Ich freu mich, dass ich ihr eine Hil­fe war. Während sie nun in ihr neues Haus fährt, bin ich Rich­tung Öster­re­ich unter­wegs. Ich bin schon sehr ges­pan­nt auf The­ly.

Doch bevor ich zu ihr fuhr, wollte ich den Atlantik sehen. Und den bekam ich zu sehen durch Pierre. Pierre ist ein 68-Jähriger Pro­fes­sor aus Bor­deaux. Ein nor­maler Pro­fes­sor? Ach, nein, das würde nicht zu meinem Frankre­ich passen. Mit 49 beschloss er aus dem 10-stündi­gen Uni-All­t­ag auszusteigen und wenn es ihm beliebte, Büch­er zu schreiben. Wie Corinne pfiff er auf das, was heutzu­tage als “nor­males” Leben ange­se­hen wird. Da waren Lebensver­sicherun­gen, von deren Zin­sen er Geld bekam, in Bor­deaux lebten seine Eltern, die froh waren, dass der einzige Sohn endlich wieder zurück­kam, denn er war zulet­zt Pro­fes­sor in New Zealand, von wo er zwar zweimal im Jahr heim­fuhr, aber es war weit weg. Pierre war mein Gast­ge­ber, als ich in Bor­deaux couch­surfte. Couch­surf­ing: Diese geniale Erfind­ung, wo man in anderen Städten und Län­dern pri­vat bei Men­schen unterkommt!

Als Tourist bekommt man weltweit gle­iche Hotels mit gle­ich fre­undlichem oder unfre­undlichem Per­son­al zu sehen. Das Früh­stücks­büf­fet ist über­all gle­ich, die Zim­mer sind aus­tauschbar. Keinen Moment sehne ich mich danach.

Aber es ist viel aufre­gen­der fremde Men­schen ken­nen­zuler­nen. Ich liebe diese Erfahrun­gen und ich ver­suche über­all, zumin­d­est einige Tage so unterzukom­men. Ich lernte immer wieder Men­schen an ver­schiede­nen Orten von innen und außen geze­ich­net ken­nen. Es waren alle ganz beson­dere Men­schen. Und sie brin­gen immer auch Erin­nerun­gen zurück in mein Leben, was ich großar­tig finde.

So jet­zt muss ich unter­brechen, denn Corinne bere­it­et ihren Gara­gen­verkauf vor. Bet­ty hat mir das in Madi­son, Wis­con­sin gezeigt, wo am Woch­enende am Ende des Stu­di­en­jahres an diesem und jenen Eck ein Fäh­nchen oder Schild zum stöbern ein­lud. Bet­ty gehört auch zu meinen ganz pri­vat­en Schätzen.

Nun ich bin nicht von großer Hil­fe. Ich spreche kein Franzö­sisch und Corinne hat ihre eigene Ord­nung, die ich nicht stören mag. Aber sie ruft mich, wenn nie­mand da ist, damit wir plaud­ern kön­nen.

Die Men­schen, die ich ken­nen­lerne, haben ver­schiedene Dinge gemein­sam. Sie schätzen gutes Essen, sie lieben Kun­st, bei­des und jed­er auf seine Art. From­mage und Frais­es bekam ich bei über­all.

Ich musste ger­ade wieder unter­brechen, denn die alte einäugige Katze wollte gestre­ichelt wer­den. Nun ist genug, doch schon stellt sich der Tigerkater an, hat aber lange nicht die Aus­dauer der anderen geplagten. Von der Straße höre ich jeman­den beim Klopfen von Steinen, wozu auch immer, und immer wieder begin­nt er zu sin­gen. Die Sonne ist warm, aber nicht zu heiß. Es ist Früh­ling in der Provence. Die Regen­t­age der let­zten Zeit sind vergessen. Und auch die Kälte, die mich mein wärm­stes Fließjäck­elchen in Bor­deaux aus dem Auto holen ließen. Den ganzen Tag bei 11 Grad und dann noch bei Regen nach­hause laufen. Woll­sock­en, warme Jog­ging­hose kamen ger­ade recht. Ich rech­nete nicht damit, dass ich die vie­len war­men Sachen brauchen würde, aber sie erfüll­ten gute Dien­ste. Für Mai ist es ein­deutig zu kalt gewe­sen. Auch wenn ich jet­zt auf der Ter­rasse unter der frischge­wasch­enen Wäsche sitze, und es lange nicht so gemütlich, wie vor ein paar Jahren ist, weil nur mehr das Notwendig­ste aus­gepackt ist, der Wind ist immer nich kühl. Das Dur­chat­men tut gut.

Inzwis­chen tröpfeln nur mehr vere­inzelt Men­schen in Corinne’s Garage und wir sitzen vor der ver­schlosse­nen Kirche ihrem Haus gegenüber und trinken Tee und essen die Kirschen und Erd­beeren, die wir vorher am Markt kauften.

Wir bei­de müssen darüber nach­denken, wie selt­sam es ist, dass sich unsere Wege immer zu beson­deren Zeit­en kreuzten. Kurz bevor wir uns ken­nen­lern­ten, starb mein Vater und ich ver­lor meinen Job, sie war ger­ade dabei sich von ihrem Fre­und zu tren­nen. Ich denke damals haben wir gemein­sam das erste Mal miteinan­der geweint. Wir stam­men aus der gle­ichen See­len­fam­i­lie, sagt sie. Das gle­iche Buch, das ich vor 10 Tagen für sie gekauft hat­te, hielt sie vor 3 Tagen in Hän­den und sagte, dass sie sich es kaufen müsse. Das sind die Gänse­haut­mo­mente in meinem Leben.

Marie-Jeanne war auch kurz hier, eine ganz reizende ältere Dame, die ich vor 5 Jahren bei Coco ken­nen­lernte, sehr erdig, sehr weise, ganz gelassen. Inzwis­chen kom­men immer mehr Fre­unde, von denen ich einige in den let­zten Jahren ken­nen­ler­nen durfte. Der Gara­gen­verkauf ist auch eine Möglichkeit sich zu ver­ab­schieden, so gibt es selb­st­gemacht­en Orangen­wein und andere Dinge zum Ver­wöh­nen. Die Deutsche, mit der ich Man­dalas malte und mit der ich über etwas ganz Trau­riges sprach, kommt noch vor­bei. Eine andere, bei der ich vor Jahren zum Grillen ein­ge­laden war, schaut auch here­in.

Das Her­rliche hier ist, dass ich mich soviel mehr auf das Schauen und Wahrnehmen ver­lassen muss. Was erzählt mir die Kör­per­sprache? Vielle­icht ist mir nur alles so fremd, dass es mir fre­undlich­er erscheint. Aber das kann auch nicht sein. Beim Aut­o­fahren etwa spürt man, wo man unter­wegs ist, sobald es städtis­ch­er wird, wer­den die Aut­o­fahrer nervös­er und drän­geln. Hinge­gen am Land rund um Mon­ti­gnac, war ich immer wieder über­rascht, wie wenige Autos zum Über­holen anset­zten. Ich war let­ztes Jahr in Öster­re­ich am Land unter­wegs und fühlte mich wie eine Getriebene. Erst gestern Mar­seille im Rück­en, Niz­za und Mona­co vor der Nase, da waren die eili­gen teueren Autos, die es nicht erwarten kon­nten, wo anzukom­men, wo sie eigentlich schon wieder weg waren. Welchen Ort erre­ichen sie wirk­lich, wenn die Gedanken über­all sind nur nicht im Augen­blick?

Die Garage wird noch eine Stunde offen sein, von 10 bis 19 Uhr. Vorher dachte ich mir, wie es bei uns wäre, wenn ich auf 2 Klappses­seln auf einem kleinen Platz sitzen würde, auf dem immer wieder Autos vor­beifahren. Es ist nur jet­zt eng gewor­den, weil Fre­unde ein­fach am Platz ste­hen blieben, so wird gehupt, das Auto ein wenig vorge­fahren, damit der andere vor­bei kann und dann wird weit­erge­plaud­ert.

Inzwis­chen kaufte ich noch Brot. Der Wind behagt mir nicht beson­ders. Der Mis­tral bläst seit Tagen kalten Wind aus Skan­di­navien und trotz Son­nen­schein frieren wir oft. Ich hätte nicht gedacht, soviel­mal Leute in Fließ­jack­en rum­laufen zu sehen. Aber windgeschützt kon­nte man die 17 Grad im Schat­ten, was in der Sonne doch viel mehr ist, genießen.

Gara­gen­verkauf ist zu Ende. Spät nach 10 Uhr Abend kommt Corinne’s Schwiegersohn und dessen Fre­und mit dem Laster zurück, mor­gen wird gepackt und die bei­den wer­den los­fahren. Corinne arbeit­et am Woch­enende bei einem Fes­ti­val der Natur in einem kleinen Örtchen auf­nahm Berg hin­ter Saint-Tropez.

Ps. Ich bin schon längst wieder in der Arbeit. Aber einiges ging mir noch durch den Kopf, einiges hat­te ich schon notiert, also ich schau mal. Wie lange es noch in meinem Hirn urlaub­smäs­sig rotiert.

Eine Höhle — alle Höhlen gesehen? FALSCH

Die Lim­i­tierung der Besuch­er ist nicht nur ein Schutz für die Höh­le, son­dern auch ein Gewinn für die Besuch­er. In kleinen Grup­pen ist die Führung intimer, für mich ganz intim, da ich nicht Franzö­sisch spreche. Nur an weni­gen Stellen hätte ich gern gewusst, was da alles erzählt wird. Aber so kon­nte ich mehr Staunen. Ich hätte ja über­all noch gerne Zeit für mich ver­bracht, aber das geht nun mal nicht. Und so ist es auch gut.

Das Selt­same ist, wenn ich mir Bilder betra­chte, ich deren Unter­schiede schon sehen kann, aber die Art der Höh­le hat noch ganz viel mit der Wirkung dieser Malereien, Zeich­nun­gen, Gravuren, Reliefs zu tun. Ich habe immer nur von der Wirkung der Bilder gele­sen, aber die Höh­le an sich hat ganz viel Aus­druck­skraft.

Es ist ein Unter­schied, ob es eine schmale, niedrige Höh­le ist, in die man hineinkrabbeln musste, um etwas in den weichen Kalk­stein zu ritzen, ich aber die Begren­zun­gen der Höh­le rund um mich erkenne (Les Com­barelles). Um sie heute betreten zu kön­nen, wurde extra gegraben, damit wir aufrecht durchge­hen kön­nen. Irgend­wie nimmt uns dies die Chance zu erken­nen, wie es sich anfühlte, als vor 15000 Jahren in diese Wände ger­itzt wurde.

Com­barelles I enthält an die 800 Ritzze­ich­nun­gen. meist han­delt es sich um Tier­darstel­lun­gen, aber auch einige men­schliche Abbil­dun­gen sind zu sehen (ins­ge­samt 48). Am häu­fig­sten sind die Wildpferde, von denen an die 140 Abbil­dun­gen vorhan­den sind, gefol­gt von Wisen­ten, Aue­rochsen, Bären, Ren­tieren, Mam­muts und Hirschar­ti­gen. Men­schen­darstel­lun­gen sind meist nur stil­isiert dargestellt. Daneben gibt es abstrak­te Abbil­dun­gen, die soge­nan­nten tek­ti­for­men (von lat. tēc­tum = Dach) bzw. dachför­mi­gen Zeichen.

Sie krabbel­ten auf allen Vieren hinein, mit dabei waren Lam­p­en, die gefun­den wur­den, mit Tier­fett gefüllt und mit Wachold­erzweigen entzün­det. Frisch hinein­ger­itzt waren sie viel deut­lich­er sicht­bar als heute, denn der frische weiche Kalk­stein zeich­nete sich deut­lich weiß ab. Die Schat­ten, die durch das flack­ernde Licht gewor­fen wur­den, mussten viel lebendi­ger gewirkt haben, als heute.

Es muss eine sehr stille, med­i­ta­tive Stim­mung geherrscht haben, denn es war nur möglich hin­tere­inan­der in die Höh­le zu kriechen. Vielle­icht war es tat­säch­lich immer nur ein­er, der sich in die Tiefe des Berges vor­wagte, und hier auf eine sehr intime Art mit den Tieren kom­mu­nizierte. Wie in einem Traum muss die Dunkel­heit auf diese Men­schen gewirkt haben.

In der anderen, die ver­gle­ich­bar schmal ist, doch sich die Höh­le nach oben hin ver­liert, weil es 8 Meter hin­aufge­ht, ver­lor sich die Bedeu­tung des Men­schen auf andere Art und Weise. In Font-de-Gaume ist es nicht nur die Tiefe, die man ahnen kon­nte, die Tiere erhiel­ten Far­ben, sie wur­den größer und sie trat­en auch miteinan­der in Kon­takt. Der Hirsch, der sich zu äsenden Hirschkuh hin­abbeugt, über­raschte mir auf Grund der Zärtlichkeit, die dieses Bild ausstrahlt. Die Fack­eln oder Fet­t­lam­p­en kön­nen dies gar nicht ausleuchtet haben. Sie haben immer nur im direk­ten Umkreis sehen kön­nen. Und weil es nicht unheim­lich genug ist, haben sie noch einige Meter ober­halb des Bodens Tiere abge­bildet, die ich als Besucherin gar nicht sehen kann. Das bedeutet sie haben Gerüste gebaut oder sind auf den Schul­tern eines anderen ges­tanden. Die Art und Weise, wie hier mit den Tieren kom­mu­niziert wurde, fühlt sich völ­lig anders an. Es ist ein Unter­schied, ob ich liegend die Tiere verklein­ert in die Wände kratze, oder ob ich aufrecht ste­hend, vielle­icht noch erhöht, die gewaltige Kraft eines Büf­fels auf die Wand sprühe, mit der Farbe in meinem Mund. Es ist so als ob ich die Energie und Lebendigkeit in mich aufnehmen kön­nte.

Es war Font-De-Gaume, wo ich nochmal eine Führung auf Eng­lish mit­machte. Sie hat mich nicht so beein­druckt wie andere. Und auch die englis­che war nicht so gut. Vielle­icht nehmen sie viel von der Impres­sion des Ganzen, da auf den verkauften Bildern die Objek­te viel deut­lich­er zu sehen sind, als in der Höh­le selb­st. Deshalb wollte ich auch nochmal hinein. Lei­der erschien mich das viel mehr an eine Verkaufsver­anstal­tung zu erin­nern. Wenn mir ein ander­er sagt, dass etwas gewaltig ist und ich beein­druckt sein muss, stiehlt er mir mein Gefühl. Sie zeich­nen mit einem Point­er die Gestalt der Tiere nach und ich kon­nte mir nicht helfen, es enthielt viel mehr von der Über­raschung dieses Tier zu erken­nen, als von dem Fak­tum, dass hier ein Men­sch einen Büf­fel oder einen Hirsch darstellen wollte.

Doch die riesige Höh­le in Rouffini­ac über­fiel mich völ­lig uner­wartet. Es ging tief hinein, viele Abzwei­gun­gen macht­en es zu einem Aben­teuer für sich. 700 Meter sind wir mit ein­er kleinen Eisen­bahn hineinge­fahren. Über­all Abzwei­gun­gen, Löch­er, die ins schwarze tiefe Unbekan­nte gin­gen, die Ausspülun­gen, die ein Fluss, viele Jahre bevor ein Men­sch die Höh­le betrat, als bizarre Bilder zeich­nete, nah­men mir den Atem. Und dann taucht plöt­zlich eine Herde von Mam­muts auf, die sich hin­tere­inan­der auf unbekan­ntes Land zu bewegten. Men­schen stiegen in diese Untiefen hinab, um unten weit­ere Bilder zu zeich­nen. Und in dem heute riesi­gen Saal lagen sie am Rück­en, zeich­neten Tiere in real­is­tis­ch­er Größe, die sie nicht ein­mal als Ganzes sahen, denn der Abstand zu Decke, war nur sehr ger­ing. Während in Com­barelles die seitlichen Wände benutzt wur­den, ist hier auch die Decke als Bett für diese Tier­bilder ver­wen­det wor­den. Auf dem Rück­en liegend hat ein Men­sch mit Manganox­id die Umrisse wirk­lichkeits­ge­treu zeich­nen kön­nen, ohne die großen Tiere jemals kom­plett erfassen zu kön­nen, weil es nicht möglich war, einen Schritt zurück­zuge­hen.

Mein Entschluss Pech-Mer­le zu besuchen war richtig. Hier fand ich erst­mals nicht nur einen Saal. Es war kein Ort, den ein­er allein auf­suchen musste, hier war Platz für viele. Die Fußab­drücke von einem Jugendlichen und kleinen Kindern, die hier kon­serviert wur­den, geben davon Zeug­nis. Als uns die Höh­le gezeigt wurde und das Echo der Führerin den Raum erfüllte, legte bei mir einen Schal­ter um. Ich hörte Trom­meln und Stim­men, die hier die Winkeln und Eck­en aus­füll­ten. Zu den Bildern gesell­ten sich die Sta­lak­titen und Sta­lag­miten, die den Raum zusät­zlich verzierten. Hier war endlich auf Platz für Bewe­gung und Tanz. Hier waren es andere Dinge, die zu beson­deren Erfahrun­gen ein­lu­den. Ob Manganox­id tat­säch­lich, wenn es mit Spucke ver­set­zt, bewusst­seinsverän­dernde Zustände aus­löst, wie ich wo lesen kon­nte, weiß ich nicht. Doch die zahlre­ichen Umrisse von Hän­den, die damit erzeugt wur­den, lassen diese Idee glaub­haft erscheinen.

Höhlen waren Plätze, die nie als Wohnorte dien­ten. Anders als in den Abri oder Über­hän­gen, wo unglaublich viele Über­reste des All­t­agslebens gefun­den wur­den, waren dort kaum vorhan­den. Es waren beson­dere Stellen, die zu beson­derem ein­lu­den und auf­forderten. Tief, viel tiefer als ich mir je vorgestellt habe, sind Men­schen in diese Höhlen hinein und haben dort etwas hin­ter­lassen, das wir heute nur inter­pretieren kön­nen. Das Geheim­nis wird ver­bor­gen bleiben. Doch da diese etwas so Beson­deres sind, wer­den es für mich spir­ituelle Orte sein. Orte, wo man mit ein­er anderen Welt Kon­takt auf­nahm. Was immer sie dort erlebten, es wird ihnen im All­t­ag eine Hil­fe gewe­sen sein. Denn wäre es nicht so gewe­sen, wozu hät­ten sie diese Unan­nehm­lichkeit­en auf sich genom­men. Es wird einen Nutzen gehabt haben. Vielle­icht sind wir diejeni­gen, die etwas ver­loren haben, da wir nicht mehr fähig sind, auf diese Hil­fe zurück­greifen zu kön­nen.

Wer von uns würde tief hin­ab­steigen, um ein Bild eines Com­put­ers oder eines Autos zu zeich­nen. Wieviel Gegen­stände unser­er Welt haben eine tief­ere Bedeu­tung und wären so wichtig für uns, dass wir darauf ver­traut­en, dass sie mehr als “nur” ein Gegen­stand sind? Dass sie uns mehr geben kön­nten, als das, wozu wir sie kon­stru­ierten? Wir glauben in ein­er reicheren Welt zu leben, doch ist es wirk­lich so? Ver­spricht die Real­ität mehr als unser Geist und unsere Fan­tasie und Träume?

Ich hätte gern mehr Zeit für mich gehabt, aber das ist aus ver­ständlichen Grün­den nicht möglich. Für mich sind es spir­ituelle Orte und der alltägliche Touris­ten­strom erlaubt es nicht, sie auf eine andere Art zu erfahren. Es ist nicht möglich, so vie­len Men­schen diese Zeit zu geben.

Welche Hin­ter­gründe hin­ter den Tieren, den sex­uellen Abbil­dun­gen und abstrak­ten Motiv­en ste­hen, weiß ich nicht. Auss­er Respekt und Achtung bleibt mir nicht viel zu sagen.