Suche nach dem Alten Europa

Die Aufre­gung stieg damals 2013, aber die Reise sollte anders ver­laufen als ursprünglich gedacht.

Ich plante sie, um mehr über meinen Vor­fahren zu erfahren und zwar jen­er Europäer, die zum ersten Mal diesen Kon­ti­nent betrat­en.

Wohin nur soll ich mit den Ein­drück­en,
wo ich in eine andere Welt ein­tauche.

Die Welt die Heimat und doch nicht Heimat ist.

Ich liebe kurze Aus­flüge in andere Wel­ten. Die Wel­ten sind vielfältig, egal ob Orte, Musik, Malerei, ein gutes Essen. Reisen ist eine Form, sich dem Uni­ver­sum zu öff­nen.

Nach­dem mich die let­zten großen Reisen nach Aus­tralien und an die West­küste Nor­damerikas geführt hat­ten, wollte ich auch in Europa bleiben — in der Nähe mein­er Mut­ter.

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Ich wollte dem näher kom­men, was die Men­schen, die als erste in Europa lebten, erfuhren. Es geht nach Frankre­ich. Dort gibt es viele Höhlen, die durch ihre Malereien und Fel­sritzun­gen berühmt sind. Ich bin ges­pan­nt, was es noch alles zu erzählen geben wird. Ich werde in die Dor­dogne fahren, um dort die let­zten Reste dieser Men­schen anzuse­hen, aber auch die Land­schaften auf mich wirken zu lassen, durch sie zogen.

Ich werde an meine per­sön­lichen Vor­fahren denken und an jene, die vor paar 10.000 Jahren aus Afri­ka nach Europa kamen. Die Reise wird ruhiger und besinnlich­er wer­den als frühere. Doch ges­pan­nt bin ich auch dies­mal.

Uner­wartet und doch erwartet starb ver­gan­gene Woche meine Mut­ter. Sie wäre bald 81 gewor­den. Es wird also auch eine Reise wer­den, die ich ihr widme. Meine Mut­ter wird bei mir sein.

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ps. Heart Mountain Relocation Center

This time I want to write in Eng­lish for my Eng­lish speak­ing friends. It was dif­fi­cult to be at the Heart Moun­tain Inter­pre­tive Cen­ter. But it was­n’t this camp that made my heart heavy because  my first thoughts went to the camps of Nazi Ger­many. But it is too sim­ple to hear ‘camp’ and put all togeth­er. It is just not cor­rect.

When we speak of camps from WWII, we speak of Exter­mi­na­tion camps. It was the sys­tem­at­i­cal­ly killing of peo­ple by the Nazis: Jews, Romani peo­ple and Sin­ti, but also homo­sex­u­als, Jehovah’s Wit­ness­es, peo­ple with intel­lec­tu­al dis­abil­i­ties and peo­ple from all coun­tries where the Nazis were, last but not least polit­i­cal ene­mies of them.

The camp which is known all over world is Auschwitz. This is the Ger­man name of a small city in Poland named “Oświęcim”. Auschwitz and oth­er very big exter­mi­na­tion camps were in the east of Poland and Belarus. There were 3 camps which belonged to the con­cen­tra­tion camp of Auschwitz. One of them was a labour camp, the oth­ers exter­mi­na­tion camps. Even the labour camp were inhu­man and dif­fer­ent to any­thing else. Many peo­ple were trans­port­ed to these camps and imme­di­ate­ly killed after they arrived. This can’t be com­pared with any oth­er camp. At least 1,1 mil­lion men were killed. At least, we don’t know the exact num­ber.

At least 1.3 mil­lion pris­on­ers died at Auschwitz, around 90 per­cent of them Jew­ish; approx­i­mate­ly 1 in 6 Jews killed in the Holo­caust died at the camp. Oth­ers deport­ed to Auschwitz includ­ed 150,000 Poles, 23,000 Romani and Sin­ti, 15,000 Sovi­et pris­on­ers of war, 400 Jehovah’s Wit­ness­es, homo­sex­u­als, and tens of thou­sands of peo­ple of diverse nation­al­i­ties. Liv­ing con­di­tions were bru­tal, and many of those not killed in the gas cham­bers died of star­va­tion, forced labor, infec­tious dis­eases, indi­vid­ual exe­cu­tions, and med­ical exper­i­ments. (1)

And Auschwitz was just one.

There were 24 KZ base camps which had more than 1.000 sub­camps all over the “Reich” that was all over Europe wher­ev­er they were. These ’nor­mal’ abnor­mal camps were most­ly labor camps, some were incred­i­ble hard.

The biggest camp in Aus­tria was Mau­thausen. I was there a long time ago. And I had no breath to stand it. I saw the stones of the quar­ry they had to break and to car­ry up on the top. The stairs were so big that it was hard for me to take them. The stones were so big that I hard­ly could imag­ine how a per­son can car­ry them. You can see some pic­tures at Wikipedia. I can’t describe them. The steps of death don’t look so high on the pics but believe me I could hard­ly take them. I could hard­ly walk. Can you imag­ine to walk on ground where almost every­where some­one died?

Mau­thausen had gas cham­bers too.

100.000 died in the base camp. 120.000 in one of the 54 sub­camps out­side of Mau­thausen. Mau­thausen was not Auschwitz.

There­fore I say you can’t com­pare. It is impos­si­ble to com­pare inhu­man behav­iour. There is no way to say this is more inhu­man.

I have a friend whose father and broth­er died in Mau­thausen. Anoth­er friend is the grand­daugh­ter of Vik­tor Fran­kl, he was in Auschwitz. He was the only sur­vivor of his fam­i­ly. He wrote Nev­er­the­less, Say “Yes” to Life: A Psy­chol­o­gist Expe­ri­ences the Con­cen­tra­tion Camp. I always admired him that he was able to spend his life encour­ag­ing peo­ple to look for the mean­ing of life.  He was the founder of logother­a­py, which is a form of exis­ten­tial analy­sis, the “Third Vien­nese School of Psy­chother­a­py”. It made me hap­py that I was allowed to sing at the bap­tism of his great-grand­child.

This is the dif­fer­ence between the con­cen­tra­tion camps  of Nazi Ger­man and the relo­ca­tion camps in the USA.

Don’t com­pare cru­el­ties. I had tears in my eyes in Mau­thausen and I had them in Wyoming too. I was afraid to go there because I could remem­ber my heavy heart more than 30 years ago.

Why did I write about it?

I heard twice that there are signs to Auschwitz 200 km apart. There­fore I want­ed to take the time why com­par­i­son with Auschwitz should­n’t be made. One was Anton Treuer who spoke about it on video on. He is an Amer­i­can aca­d­e­m­ic and author spe­cial­is­ing in the Ojib­we lan­guage and Amer­i­can Indi­an stud­ies. He said that there are no such signs in Mau­thausen and Dachau (which is a big, sim­i­lar con­cen­tra­tion camp in Ger­many). Hon­est­ly I don’t know. I read in an arti­cle that you need to know that Auschwitz is Oświęcim. So there might be a sign but not every­where.

It is nec­es­sary to talk and think about this time. We all need to know what peo­ple can do. One sub­camp of Mau­thausen was Ebensee. In Feb­ru­ary a film was pre­sent­ed about this vil­lage made by Sebas­t­ian Brameshu­ber. Und in der Mitte, da sind wir. His­to­ry isn’t just past, it made us, we are chil­dren of the past.

I spend years of my life that I can stand it. I had dif­fer­ent jobs which super­fi­cial­ly had no con­nec­tion to it. But I knew it had. And I learnt, it is too easy to judge and there are many things peo­ple do and did which break my heart. Nev­er for­get! (I am not proud that the Aus­tri­an Holo­caust Memo­r­i­al Ser­vice has dif­fi­cul­ties to finance it’s work. But I am proud that young Aus­tri­ans want to work for it.)

 

Sankt Romedius und Mona Lisa

Was haben die bei­den gemein­sam?

Tja, das ist nicht so leicht zu errat­en, denn sie erin­nern mich an meine Großel­tern: an den Vater meines Vaters und die Mut­ter mein­er Mut­ter.
mg_7373Meinen Opa habe ich nie ken­nen­gel­ernt und es waren immer nur Geschicht­en, die sich manch­mal als falsch her­ausstell­ten. Er ist im Krieg gefall­en. Doch wann und wo, hätte mein Vater gewusst, aber er sprach nicht über ihn. Und ich reimte mir anscheinend auch Geschicht­en zusam­men oder hat es meine Mut­ter erzählt und nicht bess­er gewusst? Ich weiss es nicht. Ich hat­te ein­mal älteren Män­nern zuge­hört und die waren in Rus­s­land. Vielle­icht war das Anlass mein­er Vorstel­lung er sei 1943 in Rus­s­land gefall­en. Doch wenn mein Vater wütend war, dann wäre ich wie mein Groß­vater. Da ich aber mich recht gern habe, habe ich auch meinen Groß­vater zu lieben begonnen. Dazu kam, dass kein­er etwas Gutes über ihn zu bericht­en wusste. Das wiederum machte mich wütend. Nie­mand ist nur schlecht. Selb­st wenn er nur schöne Augen gehabt hätte.

Was blieb von ihm?

Er hat­te meine Groß­mut­ter mit einem une­he­lichen Kind eines reichen Salzburg­er Bauern geheiratet. Eigentlich wäre er auch ein Bauer, er war der Älteste. Und um die oft kleinen Land­wirtschaften zu erhal­ten, wur­den sie nicht geteilt, es erbte nur ein­er. Mein Groß­vater hat also auf den Hof verzichtet und eine Frau mit einem une­he­lichem Kind geheiratet. Er wurde Maler und arbeit­ete unter der Woche irgend­wo in Tirol. Aber worüber immer wieder gesprochen wurde, war, dass mein Vater und seine Schwest­er ihn am Fre­itag aus der Wirtschaft holen mussten, weil er son­st alles ver­trank. Mehr war hier als Infor­ma­tion nicht her­auszu­holen: Wie alt sie waren? Wie spät es war? War er wirk­lich stock­trunk­en oder war er nur am Ende der Woche ein Bier trinken? Doch das Schlimm­ste kam noch, er hat­te Bruch­holz im Wald gesam­melt, doch der Wald war nicht sein­er. Waldbe­sitzer ver­ste­hen keinen Spass. Obwohl heute der Wald rund um Inns­bruck lange nicht so “ordentlich” aussieht wie noch vor 30 Jahren, doch ver­boten ist es auch heute noch. Aber es ist auch ver­boten in Frankre­ich, auch wenn für den Eigenbe­darf dur­chaus ein Auge zuge­drückt wird, hat mir Pierre erzählt. Mein Groß­vater wan­derte ins Gefäng­nis. Dies war eine Riesen­schande. Als mein Vater wieder ein­mal sehr wütend auf mich war, weil ich
mg_7374seinen Geburt­stag vergessen hat­te und erst 2 Tage später grat­ulierte, hat er mir einen Brief geschrieben, wie ent­täuscht er von mir ist, wie bei seinem Vater. Da schrieb er mir davon. Ich dachte nur, wenn mein Groß­vater nur annäh­ernd so schlim­mer Dinge tat wie ich, dann kann er nicht ganz so schlimm gewe­sen sein. Damals erfuhr ich, dass mein Groß­vater 1945 knapp vor Kriegsende im früheren Jugoslaw­ien gefall­en ist.

Mein Groß­vater hieß Romed.

Als ich bei der Rück­reise im Trenti­no schlief, erzählte mir, die Tochter der Wirtin, dass ein Wall­fahrt­sort in der Nähe sei. San Rome­dio, der Heilige nach dem mein Groß­vater genan­nt wurde. Er wurde ange­blich in Thaur, einem kleinen Dorf in der Nähe von Inns­bruck, im 7. oder 8. Jahrhun­dert geboren. Und da es damals noch nicht Tirol hieß, wan­derte er nach Rom und nach Tri­ent und schien sich nicht son­der­lich um anständi­ge Lan­des­gren­zen zu küm­mern. Vielle­icht war er
mg_7390auch ein Adeliger aus Thaur. Ist das wirk­lich wichtig? Die Ein­siedelei wurde errichtet, die Leute pil­gern heute noch hin und danken für gesunde Kinder und die Ret­tung bei furcht­baren Unfällen. Als Romedius alt war, wollte er den Bischof in Tri­ent besuchen. Als ein Bär sein Pferd aufge­fressen hat­te, befahl er den Bären zu sat­teln und ritt auf diesem ins Tal. Heute lebt dort die Mut­ter des Prob­lem­bären “Bruno”, den die Bay­ern erschossen, aber da ich es nicht so gern habe, einges­per­rte Tiere zu sehen, bin ich sie nicht suchen gegan­gen.

Ich glaube, mein Vater hat da etwas ver­mis­cht, vor 30 Jahren habe ich ihn ein­mal gefragt, ob er wisse, wo unser Name herkommt. Mein Geburt­sname ist ein alter typ­is­ch­er Tirol­er Name, Jen­newein. Doch was er mir erzählt hat, passt bess­er zu San Rome­dio. Das muss ihm mein Gross­vater erzählt haben. Eine schöne Geschichte, die von meinem Opa zu meinem Papa zu mir gekom­men ist.

Hier zün­dete ich noch eine Kerze an für meine Vor­fahren, es ist der let­zte Tag mein­er Reise. Was für ein wun­der­bar­er Abschluß!

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Als ich das Kloster ver­ließ, war ich erstaunt ein Bild von Andreas Hofer hän­gen zu sehen, der dort auch als Vertei­di­ger gefeiert wor­den. Darunter ein Kranz der Welschtirol­er Schützenkom­panie, eine der unheim­lichen Ein­rich­tun­gen meines Heimat­landes sind deren Schützen.

Ich wollte es genauer wis­sen — die Schule ist gar zu lange her — Welschtirol, was ist das nun wirk­lich? Es ist das heutige Trenti­no (und ein bis­serl was dazu) war ab 1200 Teil der Graf­schaft Tirol: Nord‑, Süd‑, Ost- und Welschtirol. Ab 1365 kam diese Graf­schaft an den näch­sten Ver­wandten der let­zten Gräfin von Tirol, Mar­garete Maultasch, dem Hab­s­burg­er Rudolf dem Stifter. Dieses Tirol blieb erhal­ten bis zum Ende des 1. Weltkriegs, wo Südtirol und das Trenti­no an Ital­ien gin­gen.

Wer sind diese Schützen und was vertei­digten die Schützen gegenüber Napoleon? Ich weiß noch wie ich in Kor­si­ka darauf ange­sprochen wurde, denn Tirol wider­stand Paris so wie die Kors­en Wider­stand gegen Frankre­ich übten. Es waren die Rechte der freien Bauern, die sie vertei­digten. Doch nicht alle waren frei, nicht alle waren Besitzer eines Bauern­hofes. Nur nichts Neues! Wed­er von den Bay­ern, noch von den Fran­zosen, egal ob gut oder schlecht. Ein ziem­lich stures Volk! wehe dem, der nicht dieser Mei­n­ung war.

Das führt mich zu mein­er Oma, eine Südtiro­lerin. Sie und mein Opa heirateten erst spät, sie gehörten zu jenen Bauernkindern, die leer aus­gin­gen. Da war es nicht so leicht Kinder durchzufüt­tern, trotz­dem beka­men sie 9. Bei mein­er Mut­ter war sie 40 und meine Mama, war mit­ten drin­nen in der ganzen Kinder­schar. Meine Großel­tern sahen sich als Tirol­er, sprachen Deutsch und waren sehr gläu­bige Men­schen.

Als in Südtirol unter Mus­soli­ni nur mehr in Ital­ienisch unter­richtet wurde, gin­gen sie mit ihren Kindern nach Inns­bruck, denn ein Brud­er lebte bere­its in Nordtirol. Und mein Groß­vater sah sich nicht als Ital­ie­nier, er kämpfte als Kaiser­jäger im 1. Weltkrieg und er hat­te nichts, was er in Südtirol zurück­lassen hätte müssen. Doch dort hätte er seine Sprache ver­loren. So wur­den meine Großel­tern Südtirol­er Optan­ten. Es hat­te nichts mit Hitler zu tun, son­dern mit ihrer Vorstel­lung ihres Lebens.
betenIn dem Kloster fand ich dann diese 4 Damen. Von Katha­ri­na, Bar­bara und Mar­garete wußte ich, dass sie auch als 3 Beten gel­ten, die man in Südtirol oft auch auf Häusern find­et, als Ambet, Bor­bet und Wil­bet. Die Ursu­la ist im katholis­chen Raum als 4. Jungfrau dazu gekom­men. Die drei Madeln sind in vie­len Kul­ten vorhan­den, was sie einst sym­bol­isierten, ist offen. Ich mag die Vorstel­lung der drei weisen Frauen, der Jungfrau, der reifen und der alten Frau. Sie dienen als Sym­bol für die Vergänglichkeit des Lebens. Sie erin­nern mich aber auch an diese tiefe, stille Volks­gläu­bigkeit mein­er Großel­tern.

Meine Großel­tern haben mein­er Mut­ter auch dieses Beten beige­bracht, das sie solange sie kon­nte, wie ein Mantra pflegte. Ich bewun­derte es und benei­dete sie, dass sie auf diese Stütze in Zeit­en der Not zurück­greifen kon­nte.

Was ist nun mit der Mona Lisa? Ich habe in den let­zten Tagen einen Artikel über sie gele­sen und plöt­zlich war mir klar, warum ich ein­er­seits das Lächeln nie ver­stand und es mir ander­er­seits so ver­traut war. Ihre Art zu lächeln, entsprach dem Lächeln mein­er Oma. Still, zurück­hal­tend, ein­fach, demütig, das Leben so nehmen, wie es kommt. Es gibt nichts Aufre­gen­des, aber doch einiges, was ich ler­nen kann.

Meinen Großel­tern sei dieser let­zte Tag mein­er Heim­reise gewid­met.

Wäre ich reich …

Ab dem 15. wird das Geld knapp, erk­lärt mir Pierre, ab dann ist am Fre­itag Nach­mit­tag, aber auch am Sam­stag wenig los im Super­markt hier in Bor­deaux. In Frankre­ich werde ich auf eigene Art und Weise an die finanziellen Krisen erin­nert.

Ein­er­seits sind große Häuser in Bor­deaux teuer wie noch nie und doch halb so teuer wie in Paris. Kleine sind im Ver­hält­nis kaum leichter zu bekom­men und sie kosten gle­ich viel. Pierre würde gern sein großes Haus, dass an diesem und jenen Eck verän­dert wer­den müsste, um dem Schickim­ic­ki-Stan­dard zu entsprechen, gegen ein kleineres aus­tauschen. Ums gle­iche Geld. Es klappt nicht. _MG_6950

In Les Arcs, wo Corinne wohnt, sind Häuser, die vor zwei Jahren noch viel Geld bracht­en, schw­er zu verkaufen. Es sind tolle Häuser für Durch­schnitts­men­schen, nichts für Reiche. Doch Reiche kaufen sich etwas anderes, der Durch­schnitt kann sich solche Häuser nicht mehr leis­ten. Nicht nur Corinne, auch ihre kanadis­che Fre­undin und ihre Mut­ter wollen verkaufen. Corinne hat auf gut 1/3 verzichtet. Hinge­gen in so abgele­ge­nen Gegen­den wie The­ly im Zen­tral­mas­siv, wer­den einem die Häuser nachge­wor­fen.

Für Kün­stler wie Corinne, diese vie­len kleinen, die unser Leben ganz still bere­ich­ern, weil sie hier und dort ein Fest beleben, ist eine schwere Zeit. Denn jene, die sich das leis­ten kon­nten, geht das Geld aus. Selb­ständig wer­den? Chris­tine, eine Fre­undin Corinne’s, war selb­ständig, sie hat­te ein Geschäft und verkaufte lokale Pro­duk­te. Sie sper­rte let­ztes Jahr zu und muss nun noch immer zahlen. Mehr Mut zur Selb­ständigkeit? Damit das, dein Leben beherrscht? Sie ste­ht jet­zt mit Corinne und Claude am Stand, wo Kinder zum malen angeregt wer­den. Beim Mit­tagessen meinte sie, sie habe die Nase voll davon, auch wenn ihr ein ander­er Fre­und zure­det wieder selb­ständig zu wer­den.

Doch was hätte ich lieber? Ein Leben im Über­fluss?

Dann würde ich in einem Hotel sitzen, würde nicht für Fre­unde kochen, würde nicht drei Tage mit einem Lit­er­atur­pro­fes­sor inter­es­sante Gespräche führen.

Ich hätte ein aus­tauschbares Hotelz­im­mer, mit aus­tauschbarem Essen, das über­all auf der Welt gle­ich schmeckt.

Ich würde nicht wis­sen, welch­es Essen Fran­zosen schätzen. Wie sie es geniessen gemein­sam zu essen.

Ich hätte keinen exzel­len­ten 12-jähri­gen Bor­deaux genossen und über ihn bei einem äußerst inter­es­san­ten Gespräch die Zeit vergessen.

Ich hätte keine Ahnung, wie Häuser in Bor­deaux oder in der Provence von Innen ausse­hen.

Ich hätte einen Urlaub gemacht, der nicht viel Unter­schied hätte, von einem Film über Frankre­ich. Hätte ich reiche Fre­unde besucht, hätte ich nicht kochen dür­fen, wir hät­ten nicht zu dritt in einem kleinen Apparte­ment geschlafen: denn Claude, weil sie nicht gerne alleine schläft, ist, obwohl sie zwei Türen weit­er wohnt, zu uns gekom­men und hat ihren Schlaf­sack aus­gepackt. Sie ist mehr als 60 Jahre alt.
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Bei reichen Fre­un­den hät­ten wir getren­nte Zim­mer, wir hät­ten nicht selb­st gekocht.

Ich wüsste nicht, auf was Fran­zosen in einem Super­markt acht­en. Ich wüsste auch nicht, wie Kau­ma­gen schmeckt (Auch ich habe nach­schauen müssen, um rauszufind­en, was das ist). Das ist so eine Art Vor­ma­gen bei Geflügel, das bei der Ver­dau­ung hil­ft, eine Spezial­ität Bor­deaux.

Ich hätte wahrschein­lich nicht mit­bekom­men, das Bor­deaux die Ver­legerhaupt­stadt Frankre­ichs ist, mit vie­len und ein­er ganz riesi­gen Buch­hand­lung, aber auch ein­er Buch­hand­lung, die sich Ver­boten­em wid­met: der Erotik, nicht nur bil­ligem Schund, nein auch Erotik in der Lit­er­atur von namhaften Schrift­stellern ist zu find­en.

Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buchhandlung in Bordeaux.
Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buch­hand­lung in Bor­deaux.

Ich werde auch noch einen Beitrag in Wikipedia über einen Maler und Fotografen Bor­deaux’ schreiben, denn darüber hat Pierre geschrieben und auf Deutsch fehlt der Ein­trag.

Für die Neugieri­gen unter euch: Pierre Molin­ier. Wer nun unanständig über seine Fotografien denkt, sollte sich Zeit lassen beim vorschnellen Urteil. Er hat bewusst, manche Mon­ta­gen als Man­dalas gemacht, welch­er Form von Schaman­is­mus er sich wid­mete, weiß ich nicht genau, aber ich kann es nachvol­lziehen. Auch wenn Sex­u­al­ität eine große Rolle in seinem Leben spielte, so war doch noch mehr.

Nichts davon hätte ich erlebt, wäre ich reich.

Seit ich meine Urlaube bil­liger gestalte, wer­den sie span­nen­der und aufre­gen­der. Wer ist nun reich­er? Der, der alles kaufen kann oder ich, der sein Leben gestal­ten kann. Ich hat­te früher anders Urlaub gemacht. Irgend­wie fühlt es sich wie ein Plas­tikurlaub an gegen die Tage, die ich nun erleben darf.

Ich bin dabei meine Bedürfnisse zu über­denken und zu reor­gan­isieren. Das lehrte mich mein Urlaub.

Meine Franzosen

Mein Frankre­ich entspricht nicht dem, was ich von außen gel­ernt habe, was Fernse­hen und Zeitun­gen mir erzählten, mein Frankre­ich ist anders. Das war nicht immer so, denn als junger Men­sch war ich natür­lich in Paris. Aber auch das hätte mir Zeichen genug sein dür­fen, denn wo ver­brachte ich meine Zeit: vor dem Cen­tre George Pom­padou, nicht drin­nen. Draußen, denn dort spielte sich das Leben ab. Nicht nur die üblichen Straßen­musik­er waren dort zu find­en, oder die selt­samen Karikatur-oder Por­trait­maler, alle möglichen Kün­stler tum­melten sich hier rum. Das gefiel mir. Das ist lange her. Damals hat­te ich vergessen, was mir Schreiben und Fotografieren bedeutet. Denn ich hat­te es ver­loren. Es gab eine Zeit, da ergab das, was ich schrieb, keinen Sinn für andere und manch­mal auch kaum für mich. Es war so, dass Worte mir nicht mehr halfen, mich mitzuteilen.

Das ist sehr lange her — mehr als 30 Jahre.

Und es war auch weit weg von meinem heuti­gen Frankre­ich.
Corinne, in deren fast leerem Haus ich sitze, war die erste, die mich hier­her ver­führte. Ach, warum halb leer? Sie zieht um nach The­ly, ein winziger Ort, kaum zu find­en, um den Traum, den sie, seit ich sie kenne, träumt, zu ver­wirk­lichen. Sie hat ihren Bauern­hof gekauft, und wird dort ihren spir­ituellen, magis­chen, ökol­o­gis­chen Garten endlich umset­zen kön­nen. Ihren Fre­und Piam habe ich noch immer nicht ken­nen­gel­ernt, denn der ist ger­ade mit dem ersten Laster unter­wegs nach Nor­den. Corinne ist Kün­st­lerin und vor allem, eine wun­der­bare Leben­skün­st­lerin. Bei ihr füh­le ich mich immer so ganz ganz, auch wenn sie immer ganz viel im Kopf hat und an vie­len Plätzen gle­ichzeit­ig ist. Aber sie hat die wun­der­bare Fähigkeit andere so sein zu lassen, wie sie sind. Was zur Zeit zwar etwas prob­lema­tisch ist, denn ihr Jüng­ster ist 17 und so wie Siebzehn­jährige nun mal sind. Und nicht für jedes Kind ist diese Art von Frei­heit geeignet.

Sie hat nie viel Geld, lebt öfters mal von Not­stand und wenn das Geld gar knapp wird, dann meldet sich jemand für eine Mas­sage. So habe ich sie auch ken­nen­gel­ernt: in Thai­land, als wir gemein­sam einen Mas­sagekurs besucht­en. Und auch dort erlebten wir Momente, wo unsere Herzen gemein­sam schlu­gen.

Sie war die erste, die sich bei mir meldete, als meine Mut­ter starb.
Immer wieder passiert es, dass ein­er von uns etwas erzählt und der andere ver­wun­dert ist, weil es ihm auch passierte. Es ist unglaublich viel Syn­chro­niz­ität in unser bei­der Leben, auch von den nicht so schö­nen Seit­en.

Ich freu mich, dass ich ihr eine Hil­fe war. Während sie nun in ihr neues Haus fährt, bin ich Rich­tung Öster­re­ich unter­wegs. Ich bin schon sehr ges­pan­nt auf The­ly.

Doch bevor ich zu ihr fuhr, wollte ich den Atlantik sehen. Und den bekam ich zu sehen durch Pierre. Pierre ist ein 68-Jähriger Pro­fes­sor aus Bor­deaux. Ein nor­maler Pro­fes­sor? Ach, nein, das würde nicht zu meinem Frankre­ich passen. Mit 49 beschloss er aus dem 10-stündi­gen Uni-All­t­ag auszusteigen und wenn es ihm beliebte, Büch­er zu schreiben. Wie Corinne pfiff er auf das, was heutzu­tage als “nor­males” Leben ange­se­hen wird. Da waren Lebensver­sicherun­gen, von deren Zin­sen er Geld bekam, in Bor­deaux lebten seine Eltern, die froh waren, dass der einzige Sohn endlich wieder zurück­kam, denn er war zulet­zt Pro­fes­sor in New Zealand, von wo er zwar zweimal im Jahr heim­fuhr, aber es war weit weg. Pierre war mein Gast­ge­ber, als ich in Bor­deaux couch­surfte. Couch­surf­ing: Diese geniale Erfind­ung, wo man in anderen Städten und Län­dern pri­vat bei Men­schen unterkommt!

Als Tourist bekommt man weltweit gle­iche Hotels mit gle­ich fre­undlichem oder unfre­undlichem Per­son­al zu sehen. Das Früh­stücks­büf­fet ist über­all gle­ich, die Zim­mer sind aus­tauschbar. Keinen Moment sehne ich mich danach.

Aber es ist viel aufre­gen­der fremde Men­schen ken­nen­zuler­nen. Ich liebe diese Erfahrun­gen und ich ver­suche über­all, zumin­d­est einige Tage so unterzukom­men. Ich lernte immer wieder Men­schen an ver­schiede­nen Orten von innen und außen geze­ich­net ken­nen. Es waren alle ganz beson­dere Men­schen. Und sie brin­gen immer auch Erin­nerun­gen zurück in mein Leben, was ich großar­tig finde.

So jet­zt muss ich unter­brechen, denn Corinne bere­it­et ihren Gara­gen­verkauf vor. Bet­ty hat mir das in Madi­son, Wis­con­sin gezeigt, wo am Woch­enende am Ende des Stu­di­en­jahres an diesem und jenen Eck ein Fäh­nchen oder Schild zum stöbern ein­lud. Bet­ty gehört auch zu meinen ganz pri­vat­en Schätzen.

Nun ich bin nicht von großer Hil­fe. Ich spreche kein Franzö­sisch und Corinne hat ihre eigene Ord­nung, die ich nicht stören mag. Aber sie ruft mich, wenn nie­mand da ist, damit wir plaud­ern kön­nen.

Die Men­schen, die ich ken­nen­lerne, haben ver­schiedene Dinge gemein­sam. Sie schätzen gutes Essen, sie lieben Kun­st, bei­des und jed­er auf seine Art. From­mage und Frais­es bekam ich bei über­all.

Ich musste ger­ade wieder unter­brechen, denn die alte einäugige Katze wollte gestre­ichelt wer­den. Nun ist genug, doch schon stellt sich der Tigerkater an, hat aber lange nicht die Aus­dauer der anderen geplagten. Von der Straße höre ich jeman­den beim Klopfen von Steinen, wozu auch immer, und immer wieder begin­nt er zu sin­gen. Die Sonne ist warm, aber nicht zu heiß. Es ist Früh­ling in der Provence. Die Regen­t­age der let­zten Zeit sind vergessen. Und auch die Kälte, die mich mein wärm­stes Fließjäck­elchen in Bor­deaux aus dem Auto holen ließen. Den ganzen Tag bei 11 Grad und dann noch bei Regen nach­hause laufen. Woll­sock­en, warme Jog­ging­hose kamen ger­ade recht. Ich rech­nete nicht damit, dass ich die vie­len war­men Sachen brauchen würde, aber sie erfüll­ten gute Dien­ste. Für Mai ist es ein­deutig zu kalt gewe­sen. Auch wenn ich jet­zt auf der Ter­rasse unter der frischge­wasch­enen Wäsche sitze, und es lange nicht so gemütlich, wie vor ein paar Jahren ist, weil nur mehr das Notwendig­ste aus­gepackt ist, der Wind ist immer nich kühl. Das Dur­chat­men tut gut.

Inzwis­chen tröpfeln nur mehr vere­inzelt Men­schen in Corinne’s Garage und wir sitzen vor der ver­schlosse­nen Kirche ihrem Haus gegenüber und trinken Tee und essen die Kirschen und Erd­beeren, die wir vorher am Markt kauften.

Wir bei­de müssen darüber nach­denken, wie selt­sam es ist, dass sich unsere Wege immer zu beson­deren Zeit­en kreuzten. Kurz bevor wir uns ken­nen­lern­ten, starb mein Vater und ich ver­lor meinen Job, sie war ger­ade dabei sich von ihrem Fre­und zu tren­nen. Ich denke damals haben wir gemein­sam das erste Mal miteinan­der geweint. Wir stam­men aus der gle­ichen See­len­fam­i­lie, sagt sie. Das gle­iche Buch, das ich vor 10 Tagen für sie gekauft hat­te, hielt sie vor 3 Tagen in Hän­den und sagte, dass sie sich es kaufen müsse. Das sind die Gänse­haut­mo­mente in meinem Leben.

Marie-Jeanne war auch kurz hier, eine ganz reizende ältere Dame, die ich vor 5 Jahren bei Coco ken­nen­lernte, sehr erdig, sehr weise, ganz gelassen. Inzwis­chen kom­men immer mehr Fre­unde, von denen ich einige in den let­zten Jahren ken­nen­ler­nen durfte. Der Gara­gen­verkauf ist auch eine Möglichkeit sich zu ver­ab­schieden, so gibt es selb­st­gemacht­en Orangen­wein und andere Dinge zum Ver­wöh­nen. Die Deutsche, mit der ich Man­dalas malte und mit der ich über etwas ganz Trau­riges sprach, kommt noch vor­bei. Eine andere, bei der ich vor Jahren zum Grillen ein­ge­laden war, schaut auch here­in.

Das Her­rliche hier ist, dass ich mich soviel mehr auf das Schauen und Wahrnehmen ver­lassen muss. Was erzählt mir die Kör­per­sprache? Vielle­icht ist mir nur alles so fremd, dass es mir fre­undlich­er erscheint. Aber das kann auch nicht sein. Beim Aut­o­fahren etwa spürt man, wo man unter­wegs ist, sobald es städtis­ch­er wird, wer­den die Aut­o­fahrer nervös­er und drän­geln. Hinge­gen am Land rund um Mon­ti­gnac, war ich immer wieder über­rascht, wie wenige Autos zum Über­holen anset­zten. Ich war let­ztes Jahr in Öster­re­ich am Land unter­wegs und fühlte mich wie eine Getriebene. Erst gestern Mar­seille im Rück­en, Niz­za und Mona­co vor der Nase, da waren die eili­gen teueren Autos, die es nicht erwarten kon­nten, wo anzukom­men, wo sie eigentlich schon wieder weg waren. Welchen Ort erre­ichen sie wirk­lich, wenn die Gedanken über­all sind nur nicht im Augen­blick?

Die Garage wird noch eine Stunde offen sein, von 10 bis 19 Uhr. Vorher dachte ich mir, wie es bei uns wäre, wenn ich auf 2 Klappses­seln auf einem kleinen Platz sitzen würde, auf dem immer wieder Autos vor­beifahren. Es ist nur jet­zt eng gewor­den, weil Fre­unde ein­fach am Platz ste­hen blieben, so wird gehupt, das Auto ein wenig vorge­fahren, damit der andere vor­bei kann und dann wird weit­erge­plaud­ert.

Inzwis­chen kaufte ich noch Brot. Der Wind behagt mir nicht beson­ders. Der Mis­tral bläst seit Tagen kalten Wind aus Skan­di­navien und trotz Son­nen­schein frieren wir oft. Ich hätte nicht gedacht, soviel­mal Leute in Fließ­jack­en rum­laufen zu sehen. Aber windgeschützt kon­nte man die 17 Grad im Schat­ten, was in der Sonne doch viel mehr ist, genießen.

Gara­gen­verkauf ist zu Ende. Spät nach 10 Uhr Abend kommt Corinne’s Schwiegersohn und dessen Fre­und mit dem Laster zurück, mor­gen wird gepackt und die bei­den wer­den los­fahren. Corinne arbeit­et am Woch­enende bei einem Fes­ti­val der Natur in einem kleinen Örtchen auf­nahm Berg hin­ter Saint-Tropez.

Ps. Ich bin schon längst wieder in der Arbeit. Aber einiges ging mir noch durch den Kopf, einiges hat­te ich schon notiert, also ich schau mal. Wie lange es noch in meinem Hirn urlaub­smäs­sig rotiert.