Überall Menschen, die dir sagen, was du denken sollst,

anstatt zu zeigen, wie du denken lernst.

Irgendwann begann ich zu zweifeln, vielleicht sollte ich sagen, verstärkt zu zweifeln. Zweifel ist Teil meiner Natur und beginnen ist eindeutig der falsche Ausdruck. Einfach alles, was ich denke, will ich nochmal denken, nochmal die Frage stellen, ist es richtig für mich oder stimmt es inzwischen nicht mehr. Bei vielem dachte ich lange nach, recherchierte, überlegte, lernte und fragte mich, was die richtige Antwort für mich ist. Denn oft war mir klar, was in meinem Umkreis das Richtige ist, was Freunde und Bekannte um mich als korrekt empfanden, muss nicht richtig für mich sein. Vielleicht bin ich gierig, gierig meine Meinung zu finden und nicht im Nachplappern von Akzeptiertem, um von anderen anerkannt zu werden.

Es geschah aber auch aus jenem Grund, weil mich die Sicherheit all jener verwirrte, die laufend von sich geben, was richtig sei, die schimpfen und urteilen. Doch wie will man das ungemütliche, anstrengende Nachdenken verkaufen? Zur Zeit suche ich gezielt nach Personen, bei denen ich lernen kann, respektvoll über anders denkende zu sprechen. Viel zu viel Zeit habe ich mit Menschen verbracht, die sich beschweren oder lustig machen, ob es der Nachbar im Flugzeug ist, oder der Gebrauchtwagenverkäufer oder alle möglichen wichtigeren und unwichtigeren Menschen, die ihre Wege kreuzen. Diese Art sich über Menschen lustig zu machen, ist nicht lustig. Ich mag es nicht. Und ich halte es für dumm und ignorant.

Verkaufen ist alles, ob es Produkte sind, Meinungen oder Politik.

Es sind die Marktschreier, sie verkaufen und rufen immer lauter, bis ich meine Stimme nicht mehr höre. Und ihre Zuhörer klopfen sich auf ihre Schultern, endlich einer der sagt, was sie denken. Und ich spreche hier nicht von den bekannten Populisten, sondern von denen, die sagen, dass sie auf der anderen Seite stehen. Ihre Leser mögen nur die Bestätigung dessen hören, was sie bereits wissen. Also kein Hinführen zum Hinterfragen oder Zweifel, sondern nur mit Säure eingeätzte Vorurteile, die kein Nachdenken, keine Änderung bedürfen.

Dies ist Basis von rechten wie linken Marktschreiern.

Nun wählten Menschen in Amerika jemanden, der ihnen versprach, was sie kennen. Aber auch an was sie glauben. Geschäftemachen. Und das ist nicht immer ein sauberes Geschäft, das wussten die Wähler und viele ignorierten, dass ein Land kein Geschäft ist. Wir wissen nicht, was kommt.

Ein Marktschreier wurde zum Präsidenten gewählt. Das ist, glaube ich, das einzige, dass ich anerkennend feststellen kann, er versteht sich zu verkaufen. (Besonders weil ich es so gar nicht kann) Bei allem anderen habe ich meine Zweifel. Seltsame Gedanken kamen mir. Was ist, wenn er nur gewinnen wollte und er sich nicht einen Augenblick überlegte, dass sein Ziel kein Ziel sondern erst der Anfang einer Arbeit, von der er nicht die geringste Ahnung hat. Er sich überhaupt nicht überlegte, was nach der Wahl kommt. Auf manchen Bildern sieht es so aus, als ob er nun überlegt, wie er sich zu benehmen hat. Wenn seine Hände unterm Tisch sind, habe ich das Gefühl, er fragt sich, was soll ich jetzt tun. Er einfach ein Aufsichtsratsvorsitzender ist und die Arbeit machen andere. Und dann kommt seine Erfahrung als Showmaster durch und er sich nicht zusammenreißen kann und schreit: „You are fired“. Ein 12-jähriger Narziß. Ungemütlich.

Bubbles. Wir leben in unseren Meinungsblasen.

Den ekligen Wahlkampf sah ich kommen, als ich 2014 in den USA war. Ich war vom Mittleren in den Wilden Westen unterwegs und als ich im Radio immer extremere Moderatoren hörte, je weiter ich in den Westen kam, wurden mir die „Bubbles“, die Blasen, in denen sich die jeweiligen Menschen bewegen, sehr bewusst. In den billigen Motels waren nur republikanische Sender. Die Städte und Dörfer waren nicht so prachtvoll wie an der Westküste, es ist kein kuscheliges Land. Ich sah verlassene Farmen, und Bruchbuden, wo Menschen lebten. Ich musste an die blutgetränkte Erde denken, für die Natives genauso wie an die Pioniere. Wie hart es gewesen sein muss. Ohne zu urteilen. Na ja, die Goldgier in den Black Hills machte mich schon zornig. Dieses Land wurde den Sioux zugesagt, bis man Gold fand. Das war der Anfang der letzten Kriege. Es wurde kälter.

Der Hass, der da Obama entgegenschlug, war unglaublich. Und die seltsamsten Geschichten und Gerüchte, die erzählt wurden, machten mir schon damals Gänsehaut. President-elect hat auf einer fundierten Basis beginnen können, die durch die beständige Desavouierung des jetzigen Präsidenten bestand. Was mich wunderte war, wie alleine er da stand. Dort hörte ich immer nur Republikaner, und in meiner Bubble, nur die anderen, aber irgendwie keinen Aufschrei, dass so keine Politik für alle gemacht werden kann.

Und zugleich war ich Gast bei Menschen, die ihre Häuser nicht versperrten, die mir vertrauten und mich alleine in ihren Häuser sein ließen. Es waren Couchsurfer, bei denen ich wohnen durfte. Reisende, die immer weltoffen und neugierig sind, die die Türen für Fremde öffnen, sie brauchte ich, um auch das andere Amerika zu sehen. Und von ihnen lerne ich. Sie trösteten mich immer und waren immer auch mein Amerika. Einschließlich der kiffenden Oma, aber sie war eigentlich in Kanada zuhause.

Jetzt wird ein Showmaster ins Weiße Haus einziehen. Aber anders als Ronald Reagan, der als Schauspieler gewohnt war, ein Skript auswendig zu lernen, hat sich der neue damit laufend schwer getan. So schwer, dass ihm seine eigenen Manager für einige Zeit den Twitter-Account sperrten. Unberechenbar. Weil das nicht absurd genug ist, will sich seine Model-Frau dem Hass im Netz widmen.

Aber neben der ganzen Trauer hat dieses andere Amerika in mir Hoffnung wachsen lassen. Anders als bei uns, wo sämtliche Politik in einem anderen Parteiensumpf steckt, in der alle mit der gleichen Rhetorik und Art und Weise miteinander umgehen, gibt es in den USA Persönlichkeiten, die sich zwar einer Partei zugehörig sehen, aber längst nicht so unheimlich verbunden sind, wie bei uns. (Auch wenn sich bislang das Parteien-Establishment durchgesetzt hat, wie jetzt Clinton gegen Sanders.) Ich habe mit Menschen gesprochen, die mir erzählten, wie sie im Privaten politisch aktiv sind. Sie schrieben Briefe an ihre Abgeordneten mit der Hand, vor 50 Jahren, jetzt schreiben sie emails. Sie diskutieren mit den gewählten Vertretern. Und diese antworten.

Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Und mich regen heute in Österreich exakt, die gleichen Dinge auf, wie vor 40 Jahren. Egal welche Proteste und Bewegungen es in Österreich gab, das Grundgerüst blieb gleich. Ich war in Gewerkschaften, in Parteien aktiv, doch diese klassischen Strukturen hatten alle. „Wir sind die besseren.“ Und innerhalb der Partei, der Gewerkschaft zerfetzten sie sich im gleichen Stil. Deshalb ging ich wieder. Ich konnte es nie ausstehen. Aber zurück zu Amerika.

Ich habe mich einige Tage vor der Wahl noch einmal versucht zu informieren, so gut es geht. Ich habe mir Dokumentationen der beiden Kandidaten angesehen. Ich war mir lange nicht so sicher wie die Umfragen. Ich habe die Sampels der Meinungsforscher gesehen, 1500 Menschen wurden da befragt, und ich hatte Zweifel. Ich habe versucht, Evidenz für die Korruptionsvorwürfe zu finden. Beim einen ja, bei der anderen nein. Ich wollte wissen, was beide „angestellt“ hatten.

Ich habe mir vor der Wahl „Michael Moore in TrumpLand“ angeschaut, ein Film, der mich zum Nachdenken brachte, abseits der lauten, wilden Menschen auf den Veranstaltungen, jene zu sehen, die letztlich nun auch den Wahlausgang bestimmten. Hier ein Interview wenige Tage vor der Wahl. Und ich werde Moore weiter zu hören, er versteht da etwas und kleidet es für mich in Worte, die ich verstehe. Die Zeitungen schreiben jetzt von seinen Prophezeiungen, das war es nicht, er kann zuhören und er sieht die Menschen und spricht mit ihnen. (weil gerade ein Dokumentarfilm über Michael Moore anläuft, gibt es noch ein PS. am Ende dieses Beitrags).

Ich habe mir Videos angeschaut, in denen Van Jones, ein Aktivist und Kommentator, kurze Zeit verantwortlich für Green Jobs unter Obama, mit Bürgern in Gettysburg sprach. Er hört ihnen zu, will mit ihnen sprechen. Menschen, die nicht in seiner Blase sind.

Beide zeichnet aus, dass sie die Menschen, die nicht ihrer Gesinnung sind, ernst nehmen, sie führen ernsthafte Gespräche mit ihnen. Sie machen sich nicht lächerlich über sie, sie stellen sich nicht über sie. Ich denke, wir sind oft verführt, diejenigen, die auf den Wahlveranstaltungen sind, als Prototyp der Wähler dieser „Recht und Ordnung“-Parteien zu sehen. Wahrscheinlich sind sie es nicht. Wahrscheinlich sind es in der Mehrzahl ganz normale Menschen.

Aber, und das ist meine Hoffnung, Amerika ist ein demokratisches Land und die Menschen wehren sich. Ob es die Proteste sein werden, wie sie jetzt durch das Land schwappen, weiß ich nicht. Doch den eitlen Tropf kränkt es: „Very unfair!“, meinte er. Unfair ist es aber auch, dass Eltern nicht mehr wissen, was sie ihren Kindern sagen sollen. Das Bullying hat in den Schulen schon begonnen. Und noch immer sage ich, die Menschen, die so agieren, sind nicht die Mehrheit. Dazu muss ich nur die Statistik herausholen, die Wahlbeteiligung und den tatsächlichen Prozentsatz der Wähler nennt. Und von den 18% der Menschen, die in den USA leben, die ihn wählten, sind nicht alle „böse“ Menschen.

Aber wie Aaron Sorkin sich Sorgen macht und einen Brief an seine Tochter schreibt: „We get involved. We do what we can to fight injustice anywhere we see it—whether it’s writing a check or rolling up our sleeves.“, machen sich viele Sorgen.
Und das ist das Amerika, das ich auch kenne.

Krempeln wir die Ärmel hoch.

In einer anderen Diskussion auf MSNBC kam etwas interessantes (ziemlich am Ende der 44 Minuten) zur Sprache. Die Wähler, die jetzt Trump wählten, hatten sich vorher für Bernie Sanders entschieden und vorher für Obama. Sie verbindet die Hoffnung auf Änderung. Das sollten wir ernst nehmen.

Ich glaube, es ist vielen nicht bewusst, dass ein Präsident ohne die beiden Häuser nicht viel erreichen kann. Sanders wäre mir lieber, aber die USA war schon unter Obama unregierbar. Hier haben viele geschlafen. Ich habe keinen Aufstand gehört über all die Blockaden der Republikaner, aber laufend Berichte über die Unfähigkeit Obamas. Vielleicht wollten Menschen eine Änderung, weil sie den Stillstand satt hatten. Einen Stillstand, den die Republikaner verursachten. Und eine Stimmung, die die Republikaner schürten. Vielleicht wäre Sanders genauso angerannt wie Obama.

Abschließend ein paar Worte zu Hillary Clinton. Ich habe in den vergangenen Monaten viel über meine Eltern nachgedacht, vieles habe ich lange nicht verstanden, ich sehe heute Dinge anders, verständiger als als Teenager. Und das ist gut so. Die Rebellion der Jugend ist gut, und der Ausgleich im Alter ist auch gut.

Hillary wollte etwas ändern und sie hat viel dafür einstecken müssen. Ihr war das Ziel wichtiger, etwas zu verändern, als die Erniedrigungen, die ihr angetan wurden. Nicht alles finde ich toll, aber ich habe tiefsten Respekt vor einem Menschen, über den so hergezogen wurde, der so oft erniedrigt wurde, und immer wieder aufstand. Ich musste darüber nachdenken, was es heißen muss, durchzuhalten. Und sie wusste, dass sie neben charmanten Männern kaum eine Chance hatte, ob es Bill oder Barack war. Und die vielen Ohrfeigen haben sie vorsichtig gemacht. Authentisch sollte sie sein. Da empfehle ich jedem, ihre frühen Jahre anzusehen. Wie oft sie zurückgetreten ist, sich angepasst hat, weil sie etwas erreichen wollte und sie angegriffen wurde, als sie authentisch war. Sie hat sich hinter eine Sache gestellt, egal was es sie als Person kostete. Ob das immer gut war, glaube ich nicht.

Hier eine der kleinen Geschichten, die mich berührten.

http://nyti.ms/2dSmG0f

Hinter allem stand eine erfolgreiche Anwältin, die nun nicht stark, erfolgreich und energisch sein durfte. Stärke wurde ihr angekreidet. Und so war es auch als First Lady. Niederschläge, immer wieder, und sie stand wieder auf. Und dazwischen sah ich immer wieder Bilder, wo ich eine zutiefst herzliche Frau sah, die loyal zu dem stand, was ihr wichtig ist, ob das ihr Mann oder ihr Land ist. Und es war bei Gott nicht immer leicht. Dafür habe ich tiefsten Respekt. Ich habe mich gefragt, ob ich so viel Kraft hätte und ich denke nicht.

Eine Wahl in den USA war bislang immer nur mit Geld zu gewinnen. Blödes System, oder? Eines der riesigen Probleme der Demokratie Amerikas. Denn die meisten Politiker haben potente Finanziers hinter sich. Und das macht bestechlich und die Politik wird Handlanger derjenigen, die zahlen. Und dies gilt für beide Parteien.

Doch ich habe die Hoffnung, dass die aktiven Menschen in den USA uns zeigen, wie Demokratie aussehen kann. Ja, es ist Zeit für eine Änderung. Die Müdigkeit politisch aktiv zu werden, lähmt auch unsere Gesellschaft.

ps. Und wer mit lernen möchte, am 11. November wurden diese Vorträge zusammengestellt: Talks to watch when you need inspiration to change the world

Amerika hat viele Seiten und einen Traum, das ist wahrscheinlich das, was ich am meisten schätze. So gruselig manche sind, so wunderschön sind andere. Diversity!

Ps. Eigentlich erklärt die erste Frage des Interviewer alles: „…wenn man sich Michael Moores Filme anschaut, weiß man doch eigentlich, dass dieser Mann in erster Linie Entertainer ist und die Fakten gern in seine Richtung streckt.“ Spiegel. Dass 2 Dokumentarfilmer darüber einen Film machen, finde ich, interessant. Die Feststellung „Er verschweigt Zusammenhänge und lässt Dinge aus.“ gibt mir das Gefühl, dass die beiden über ihre eigene Arbeit nicht reflektieren. Denn jeder, der schreibt, „manipuliert“ auf die eine oder andere Art. Meist wird es im Zusammenhang mit Statistik verwendet, aber in Wahrheit ist jede Form von Kommunikation mehr oder weniger manipulativ. Und jeder Journalist, der sich dessen nicht bewusst ist, ein Idiot. Ich habe mir neben Trumpland in den letzten Tagen auch Bowling for Columbine angeschaut. Nein, ich bin normalerweise kein Fan dieser Art von Dokumentationen, genau aus dem Grund, aus dem die beiden diesen Film machten (allerdings reicht mir dazu mein Hirn und ich brauche keinen Beleg dafür, dass hier manipuliert wird). Aber bei Michael Moore in Trumpland war ich ausreichend informiert und in manchen Stellen dieses Filmes wird klar, wie bitterernst es Michael Moore ist, und da spricht er ohne Sarkasmus, ohne Spitzen tief aus seinem Herzen. Und das ist, was mich berührt hat. Hirn einschalten muss jeder. Und ich ende, wie ich begonnen habe.

Überall Menschen, die dir sagen, was du denken sollst, anstatt zu zeigen, wie du denken lernst.

Move on

Ist es Rastlosigkeit,
die Schmetterlinge Kontinente überqueren lässt?
Oder den Menschen zum Mond fliegen?

Im Stillstand lässt sich Ruhe finden.
In der Bewegung anderes.

In der Bewegung bekomme ich die Wahl, egal welche.
Im Fluss ergeben sich Lösungen, ob ich will oder nicht.
Warum sollte ich mich entwurzeln und woanders hin gehen?
Ist es Rastlosigkeit? Unruhe?

Das erste Lebewesen, dass sich bewegte, wollte Sicherheit – eine klare, saubere, glatte Oberfläche, um dort bleiben zu können. Doch der Untergrund ist immer in Bewegung, und nicht nur er. Auch über uns Veränderung. Alles bricht, alles verändert sich. Nur sehen wir manches – gefangen in unserer eigenen Zeit – nicht. Wenn Gebirge sich aufbäumen, das Meer sich erhebt. Wenn der Mond sich von uns fort bewegt und die Erde sich ihrem eigenen Taumeln stellen wird müssen in Milliarden Jahre Ferne.

Wenn das Leben hier, wo ich bin, zu schwer wird, dann werde ich dorthin gehen, wo es leichter ist. Nicht das Abenteuer lässt einen Aufbrechen, es ist die Sehnsucht nach Behaglichkeit, einem Zuhause, das gefunden sein will.

Nirgendwo ist es für immer sicher, nirgends auf unserem kleinen blauen Planeten und auch nicht im restlichen Universum. Egal ob Rastlosigkeit oder Verzweiflung an einem gewissen Punkt muss ich aufbrechen. Ob im Geiste, mit meiner Seele oder in meinem Körper.

Sicherheit im Stillstand zu suchen, ist die reine Illusion. Sie in der Veränderung zu finden, unendlich viel schwerer und doch ist sie letztlich nur in der Bewegung, im Wandel wirklich.

Aufbrechen, so wie es die ersten Lebensformen vor 565 Millionen von Jahren erfunden hatten.

Ich habe keine Wahl. Die Natur hat das früh erkannt. Das Leben hat das früh erkannt.

Entweder bewege ich mich – oder ich sterbe.

Deshalb bewegen wir uns. Und hören nie auf uns zu bewegen.

Die wahre Heimat ist der Wandel.

Dies ist eine freie Übersetzung mit kleinen Ergänzungen über die ersten Spuren im Sand, die die ältesten Fossilien der Erde hinterlasse haben.
(Our Earliest Example of an Animal Moving on Its Own).
Ich muss dabei an meine eigenen denken. Es sind meine Bewegungen des Geistes, meine Bewegungen auf der Welt, meine Bewegung von einer Arbeit zur nächsten, einer Berufung zur anderen.
Aber sind dies nicht auch die Bewegungen, die Menschen treiben, ihre Heimat zu verlassen?

Familien-Los

Manchmal scheint es so zu sein, dass Familie ein Los ist, das einem wie bei einer Lotterie zufällig zugeteilt wird. „Du hast ein schweres Los gezogen.“ 5 Tonnen schwer? Oder sind 5 Kilo auch schon zu schwer?

Wie oft ist das Herz so schwer, weil in der Familie etwas nicht so läuft? Meines war schwer, tonnenschwer, so schwer, dass ich mich entschied, weit weg zu leben. Und jeder Besuch legte wieder einen Stein auf mein Herz. Einen ganzen Geröllhaufen auf meinem Herzen. Nach einem Tag begann das Gezeter meiner Eltern, wer, wie und was ich sein sollte, und warum ich nicht so sei, wie meine Eltern es gerne hätten. Das Gezeter war so laut, dass nach dem Tode meines Vaters seine Freunde weiter zeterten.

Und zuhause ein Mann, der meinte, ich solle vergessen, was gewesen. So übt man Verdrängung. Ich stieg in den Zug mit Augen voll mit Tränen und stieg aus, die getrockneten Spuren des salzigen Wassers auf den Wangen und wusste nicht mehr, was gewesen war. Denn es interessierte niemand, oder zumindest nicht jenen, dessen Ohr mir wichtig war. Ich weiß bis heute nicht mehr, was mich so auflösen ließ. Hätte ich so weiter gelebt, wäre mir das Schicksal meiner Eltern garantiert gewesen: Alzheimer, die Krankheit eines verdrängten Lebens. Jetzt habe ich noch eine Chance, dem zu entkommen.

Nur einer hatte erfahren, dass mein Vater und ich es geschafft hatten, Frieden zu finden, Frieden miteinander, Familienfrieden, weil mein Vater erkannte, dass ich nicht so war, wie er dachte. Denn da war sein Herz schwer und ich trug sein Herz in meinen Händen, so gut ich konnte. Ich hatte aufgehört an meine Grenzen zu gehen, Grenzen, die meine Eltern nicht sahen, sondern vom Gegenteil überzeugt waren. Anstatt an die Grenzen meines Herzens zu gehen, blieb ich bei mir und auch bei ihnen. Der Rat des Hausarztes war bei mir: Denken Sie daran, dass Sie das Kind sind. Mit diesem Respekt begleitete ich meine Eltern ins Land des Vergessens.

Und wenn mich jemand fragte, warum ich ihnen nicht ganz den Rücken kehrte, dann sagte, manchmal schrie und manchmal seufzte ich es: „Sie sind die einzigen Eltern, die ich habe. So etwas gibt es nicht noch einmal.“

Dafür liebte ich sie.

Das war bedingungslos.

Das war mein Los.

So oft ging ich an Grenzen, um bei anderen zu sein. Ich kannte den Preis. Als ich diesen Preis nicht mehr zahlte, zahlte ich einen anderen. Selbst das, war mir bewusst. Manchmal kannte ich die Karten, bevor sie noch ausgeteilt waren. Es war kein Pokerspiel. Sie lagen offen vor mir.

Die Treue gehört nun mir, während sie früher den anderen gehörte.

Doch die Angst war auch bei mir, als zuerst mein Vater schneller und meine Mutter langsamer ging. Jahrelang fürchtete ich mich, wie es sein würde, wenn sie gegangen sein wird. Familienlos. Und als sie gingen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Zuerst der eine, dann der andere. Denn ihre Qual war zu Ende. Ich vergaß, dass es nur zwei gewesen waren.

Wieder dachte ich, ich hätte überlebt, überlebt familienlos zu sein.

Ich dachte, die Tränen wären als Bach ins Meer gefloßen, und nicht als Regen auf die Erde gefallen, die Tropfen, die Pflanzen wachsen lassen. Doch nun schneide ich gerade ein weiteres Band zur Heimat durch und die Heimat entzweit sich ebenfalls und ich verliere Halt. Zuerst versteinerte ich, erstarrt wie ein Statue konnte ich das Leben noch leben. Jede Bewegung schmerzte. Als ich die Totenstarre verließ, wurde mir schwindlig und mir zog es den Boden unter den Füßen weg. Jede Drehung und es zog Kreise über mir, und ich wusste nicht, wohin ich den Fuß setzen sollte. Alles bewegte sich um mich, die ganze Welt rotierte um mich wie sie um die Sonne. Inzwischen nur mehr manchmal und nicht mehr die ganze Zeit rundherum.

Du meinst, eine Wahlfamilie sei Ersatz. In Zeiten des Sonnenscheins ganz leicht – ich übertreibe maßlos, für mich relativ leicht. Andere haben nicht so viel Glück. Ich mag Menschen, ich spreche gerne mit ihnen, bin gerne mit ihnen. Doch bei Sturm und Unwetter jeglicher Art spielte ich wieder Lotterie. Und verlor. Ich verlor so oft.

Schon als Stöpsel lachte ich, wenn andere vor mir liefen und mich auslachten, weil ich Pummelchen ihnen nicht nachkam. Ich lachte zurück, den das Weinen hätte selbst diese Verbindung getrennt. Ich zuckte zusammen, als mir die Freundin, die ich wochenlang alleine besuchte, weil sie ans Bett gefesselt war, sagte, die andere, die, die nicht da war, sei ihre beste Freundin. Und ich lachte. Die andere, die meinte, nein, sie können nicht meine Freundin sein, denn die andere hatte sie erpresst, sie oder ich. Und ich verlor. Die nächste, die mich überredete zu ihr zu ziehen, ein Versuch, wie ein Leben in einer WG aussehen könnte, und ich war einsam wie nie zuvor. Denn da war die eine andere Freundin, die sie bräuchte, während ich niemand bräuchte, wie sie sagte, und sie ward nie gesehen. Und ich saß 2 Monate alleine in einem Haus am unbekannten Land, unter der Bettdecke, denn das Jahr war jung, der Winter noch im Lande, bis ich reumütig nach Hause zog. Experiment gescheitert. Ich war eine Last, nicht nur für Eltern, auch für meine Freunde und heiratete den, der mich wollte. Sonst gab es keinen, der mich wollte. Bis auch der mich nicht mehr wollte.

25 Jahre später wagte ich es nochmal. Ich dachte, ich müsse nur klar sagen, was mir gut tut und was mir ein Messer in die Brust rammt. „Authentisch sein“ sagen sie dazu oder „Ehrlich“, „Ganz du“.

Die eine lachte und meinte, das sagtest du schon. Ja, ich sagte, dass es mich verletzt, wenn du auf eine mail von mir, einer zweiten mail und einer dritten du nicht antwortest. Und ich sagte es einmal, zweimal, dreimal. Ich habe aufgegeben. Das Loch im Herzen blieb.

Oder jene, deren verächtlichen Blick ich ignorierte, weil die Liebe zu ihr so groß war. Bis ich die Verachtung nicht mehr aushielt und Abstand suchte. Und hin und wieder bricht die Wunde auf und ich pflege sie, bin gut zu ihr, verbinde sie und warte bis sich wieder eine Kruste bildet.

Das andere Mal bat ich, lass mich zu Wort kommen – einmal, zweimal, dreimal. Und als ich dreimal nicht zu Wort kam, weil die Wörter so tief in mir voll Schmerzen steckten und Zeit brauchten, um an die Oberfläche zu kommen, und trotzdem Wörter über mich ergoßen wurden, drehte ich mich um und ging. Es trampelten Wörter auf mir herum.

Als ich bat, sprich mit mir, sag mir, was ich falsch gemacht habe – einmal, zweimal, dreimal. Da wurde ich mit Schweigen niedergestreckt. Ich erhielt keine Antwort, also fragte ich noch ein viertes Mal und bekam ein fertiges Bild überreicht, wer ich denn sei. Verrückt und ohne Tassen im Schrank. Zumindest damals. Doch damals war ich nicht weniger ver-rückt als heute. Ich hatte nur meine Seele beschützt, doch das interessierte sie nicht, das glaubte sie nicht. Narrisch, wie meine Mutter. So trug ich den Wahnsinn mit Stolz wie meine Mutter und für meine Mutter, die auch niemand in ihrem Sosein ernst nahm.

Ich verbog mich nicht mehr. Aber vertrauen kann ich nicht mehr so wie vor 10 Jahren. Vorsichtig bin ich geworden, werfe mit meiner Liebe nicht mehr so herum, wie die vergangenen 50 Jahre, dabei liebe ich es zu lieben. Oh Gott, wie sehr ich es liebe. Ich liebte es immer schon. Staunte immer über den anderen. War fasziniert über die Menschen in meinem Leben. Doch die Distanz erspart mir heute Tränen. Und manchmal bleib ich fern, weil mich der Neid zerfressen würde. Und der Neid meine Seele.

Zugleich fühle ich mich undankbar, denn mehr als je zuvor habe ich Freunde, gute – beste Freunde in meinem Leben wie nie zuvor. Ich danke euch. Einmal, Zweimal, Dreimal, nein Tausendmal. Doch gehe ich immer einen Schritt zurück, denn nichts ist mir wichtiger als ihr mit euren Familie. Mich brauchen ihr nicht dazu. Und immer hoffe ich, ihr wißt, auf wen Verlass ist, so 100% und ganz und gar. Und ja, ich weiß, dass nicht alle Menschen in diesen Familien so sind, so mit Verlass und Vertrauen ganz und gar. Und ja, ich weiß, dass es Schmerzen gibt in diesen Familien. Oft ist es ein Dornenstrauch, der ganze Clan, aber ja. Trotzdem sehe ich auch die einzelne Rose in diesem Familienstrauch.

Letztens ertappte ich mich dabei, wie ich jemandem sagte, dass ich ihm vertraue. Niemand, den ich besonders gut kenne, auch nicht jemand, in den ich mich blindlings verliebt hätte (was bekanntermaßen blind macht). Nein, keine Liebe, nur ein Mensch. Ein Mensch, dem ich zusah, wie er mit Menschen umgeht, mit ganz Nahen und weit Entfernten. Und ließ mich berühren. Und jede Sekunde, die ich daran denke, ist eine Träne. Gut, dass es viel mehr Sekunden ohne diesen Gedanken dazwischen gibt. Es wurde schwer, weil ich sah, dass ich für 10% seiner Familie alles geben würde, was ich habe. Die Vertrautheit aller, der Frau, der Kinder, der Katze, des Hundes, alter Freunde. Nur 10% davon. Mehr braucht es nicht zum Leben. Und sein Wissen vom Wert dieses Glücks hebelte mich endgültig aus. Er weiß von seinem Glück, er weiß, sein Glück zu schätzen. Gott sei Dank!

Jetzt dreht sich die Erde noch immer ein wenig um mich.

 

Ich schäme mich, wie Österreich Menschenrechte mit Füßen tritt

Alle Menschen sind frei und
gleich an Würde und Rechten geboren

 

68 Jahre wird die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte heuer alt. Und gerade fühlt es sich an, als sei sie dem Kindergarten noch nicht entwachsen.

Nie dachte ich, dass ich in dem Land, in dem ich geboren bin, in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich lebe, jemals zweifeln würde, ob ich diese Rechte, in dem Staat, in dem ich lebe, so in Frage stellen würde.

Wenn ich als Teenager in den 1970er Jahren Filme über die wohl beschämendste Zeit des 20. Jahrhunderts, zumindest hier in Europa für Menschen meiner Generation und jener vor mir, sah, hoffte ich, etwas derartiges nicht erleben zu müssen. Zumindest nicht in meinem Land, oder, wie ich damals dachte, in meinem Europa.

Ob dies das Töten unschuldiger Menschen oder das Beschämende Verhalten der anderen Ländern, die vielen die Flucht nicht ermöglichten, war. Hoffen, denn mir war klar: Nichts ist sicher. Zerschlagen. Wie zerbrechlich diese Menschenrechte auch in Demokratien sind, wollte ich nicht glauben. Doch heute geben rechte nationalistische Staaten die Linie vor. Zumindest hier in Österreich. Im Egoismus. Ich schäme mich.

Früher war es Nationalismus, heute schaut jeder, dass er das Seine ins Reine bringt. Nun treffen sich die Verteidigungsminister, um sich vor unbewaffneten Menschen zu schützen. Aber Geld für jene Länder, die diese Menschen über Jahre aufgenommen haben, hat man schlicht „vergessen“ zu zahlen. Nein, nicht vergessen, unser Budget gehört saniert, wir müssen das Defizit reduzieren, da können wir Menschen in Not nicht helfen. Geld wird für Zäune ausgegeben, nicht für Menschen. Und jenen, die halfen, werden verhöhnt, wenn ihre Spenden plötzlich dafür verwendet werden, um den Staat zu sanieren, den Organisationen, die einsprangen, als der Staat versagte, das gespendete Geld abzieht. Ich schäme mich.

Ich verstehe vieles nicht mehr. Trotz meiner Fragen und meines Nachlesen.

Ich weiß noch, wie ich mich vor 30 Jahren über das Milgram-Experiment unterhielt und mich Freunde betrachteten, als sei ich verrückt geworden, so ein Verhalten (von ihnen) für möglich zu halten. Wir legen heute keine Schalter um, wir hören auch keine Schreie, sehen keine Bilder, wenn wir nicht wollen, dem allen kann ich ausweichen, keine Nachrichten, schnell weiterblättern, bevor das Entsetzliche mein Herz erreicht. Warfen wir nicht genau dies den Menschen vor, die unter dem nationalsozialistischem Staat lebten? Dass sie von nichts wussten? Oder sehen und hören wir das alles und es berührt uns nicht? Es hat nichts mit uns zu tun? Genauso wenig wie der Nationalsozialismus mit unseren Eltern und Großeltern zu tun hatte. Ich schäme mich.

Ich habe nicht vergessen, ich habe die zahlreichen Kämpfe vergessen. Dass die Gleichheit in den USA länger eine Ungleichheit war. Ich habe nicht vergessen, dass Frauen lange nicht wählen durften, in Spanien und Portugal erst wieder nach dem Ende der Diktaturen in den 1970ern, in der Schweiz 1971und Liechtenstein als Schlusslicht Europas 1984. Wobei der Kanton Appenzell Innerrhoden nur durch die Verfassungswidrigkeit ihrer Kantonsverfassung 1990 gegen die Mehrheitsentscheidung der Männer das Frauenwahlrecht einführen „musste“, quasi gezwungen wurde. Gleich und gleicher. Früher war es nicht besser.

Viel zu wenig dachte ich darüber nach, dass meine Mutter damals die Erlaubnis meines Vaters brauchte, um arbeiten zu dürfen. Ich glaube, mein Vater wusste das nicht. Denn sie war es, die nach einer Krebserkrankung nicht mehr in der Nacht in eine Fabrik putzen gehen wollte, Putzen, weil sie die Fließbandarbeit noch viel weniger aushielt. Später war sie auch mal Garderobiere und putze auch wieder, das war das kleine Stückchen Freiheit, ein wenig eigenes Geld. So klein konnte Freiheit sein: ein wenig Taschengeld als Symbol für ein klein wenig Unabhängigkeit. Früher war es nicht besser.

Warum ich daran denke? Weil so viel von unseren Werten die Rede ist und mir die Fragilität dieser jetzt wieder bewusst wird. Wir haben Politiker, die von Werten sprechen. Doch von welchen Werten sprechen sie? Den Menschenrechten?

Alle Menschen sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander
im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Klingt dies nicht wie Hohn? Geiste der Brüderlichkeit? Mir sind all jene unheimlich, die kleine Kinder anschreien: „Wir sind das Volk“, während diese ihre Worte nicht verstehen, nur Ungeheures hinter sich, Ungeheures vor sich sehen.

Christliche Werte? Weihnachten empfand ich zum ersten Mal sehr beschämend. Denn ich fragte mich, welchen Sinn es hat, dass wir von klein auf diese Geschichte hören und dann nicht erkennen, dass genau dies jetzt – und nicht vor 2000 Jahren – passiert.

Mir ist es nicht geheuer, wenn ich höre, wie Menschen heute und hier in Österreich andere anschnauzen, weil sie hören, dass sie sich mit jemand anderem nicht in ihrer Sprache unterhalten. So berichtete es Julya Rabinowich und nicht nur sie in einer Diskussion bei Kreuz und Quer. (http://tvthek.orf.at/program/Kreuz-Quer/8598576 Schade, dass dieses Gespräch nicht länger nachgeschaut werden kann, es gibt Momente da zweifle ich am öffentlich rechtlichen Rundfunk. Wozu zahle ich eine Gebühr, wenn ich es nicht schauen kann, wann ich will?) Mir läuft es kalt hinunter, wie ungeniert rassistische und nationalistische Äußerungen von sich gegeben werden.

Das sind die Menschen, die ich fürchte.

Jede andere Angst ist so gerechtfertigt, wie die Angst vor dem Ziegelstein, der mir auf den Kopf fallen könnte. Aber die aggressiven Nachbarn, Menschen in öffentlichen Verkehrsmittel, Gäste im Kaffeehaus, die sind da, sind ganz nah und wenn die so sprechen, habe ich Angst.

Wo lebe ich heute?

In einem Land, wo seit Jahrzehnten Öl ins Feuer geschüttet wurde, und als Ergebnis Menschen stolz Menschenverachtendes sagen können. Vorbei sind die Zeiten, wo Mitschüler den anderen als Nazi bezeichneten, wenn er rassistische Äußerungen von sich gab. Heute wird dann von Meinungsfreiheit gesprochen, die sich aber dann nur auf die eigene bezieht. Doch die Ruppigkeit zeigt sich auf allen Ebenen, von rechts und links. Ich mochte das nie. Aggression ist mir nicht geheuer.

Wo lebe ich heute?

In einem Land, wo nicht nur rechte, sehr rechte Parteien menschenverachtend sprechen, sondern Mainstream-Politiker diesen Populisten nachhecheln, anstatt stolz zu sein, diese Zeiten hinter sich gelassen zu haben. Wo es egal ist, dass die Wissenschaft schon längst festgestellt hat, dass es Rassen im naturwissenschaftlichen Sinn nicht gibt. Erschreckend genug, dass es rund 30% der österreichischen Bevölkerung ist, die in Unkenntnis des Parteiprogramms, jene wählen, die ihnen noch mehr nehmen wollen. 30% ist nicht die Mehrheit. Doch es sind nicht nur jene 30%, die nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“ herumpöbeln, Menschen in verachtender Weise anschnauzen, und schließlich bedrohen. Sie haben diesen Ton salonfähig gemacht.

Wo lebe ich heute?

In einem Land, wo jede kritische Äußerung egal in welche Richtung, selbst wenn sie nur zum Nachdenken anregen will, zerfetzt wird. Wie gehen wir heute miteinander um?

Sind das die Werte, die Flüchtlinge lernen sollen? Wenn Zäune errichtet werden, um Fluchtsuchende abzuwehren. Wir Österreicher, Europäer, die seit Jahrhunderten auswanderten, weil sie nichts zu essen hatten, ob dies Irland war oder das Burgenland. Heute, wo wir nicht mehr hungern, schimpfen wir auf jene, die kommen, weil sie Hunger haben. Mir macht das mehr Angst als alles andere. Ist es das, was jene, die Schutz suchen, von uns lernen sollen? Dieses Verhalten?

Ich fange nicht an aufzuzählen, mit wem wir Geschäfte machen, weil Schnaps Schnaps ist und Bier Bier. Mit Ländern, denen Menschenrechte egal sind, aber Geld haben. Ich spreche auch nicht von jenen Ländern, die wir als EU in Knüppelverträge zwingen à la TTIP und holländische Zwiebel nach Afrika exportiert werden und die dortigen Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen können. Und wir wundern uns, dass sie zu uns aufbrechen? Ernsthaft? Werden wir von Vollidioten regiert? Ländern, die Menschenrechte nicht kennen, werden sichere Drittländer. Was sind uns die Menschenrechte wert? Ein Stück Kuchen am Sonntagnachmittag? So wie wir Europäer heute mit Menschenrechten umgehen, ist es das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Ich schäme mich.

Was bekomme ich von der EU mit? Aufmarsch im Mittelmeer, seltsame Verordnungen für Bauern und Glühbirnen, Verträge, die meine Großmutter als unmoralisch bezeichnet hätte. Wenn Altpolitiker sich engagieren für ein humanes Europa, weil ihre Kinder eine schandhafte Politik machen. Das soll Europa sein? Mein Europa?

Und dann stehe ich da, spreche mit einem Flüchtling und wir beide haben Tränen in den Augen, weil er seine Familie zurückgelassen hat und nicht weiß, wann er sie wiedersehen wird. Aber Familienzuzug wird durch Quoten geregelt, als ob es sich um ein Stück Ware handelt.

Mir macht es Angst, dass die Mindestsicherung für Flüchtlinge gekürzt wird. Wenn die Hetzer nicht wissen, dass sie nicht arbeiten dürfen, solange das Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Sie zur Untätigkeit gezwungen sind. Was wird aus Menschen, die nichts tun dürfen? Artikel 23. der Menschenrechte: Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen. Menschenrecht, es gilt für alle. Und ich verstehe die Verzweiflung Arbeitsuchender, die sich mehrfach bedroht sehen, nicht nur von Flüchtlingen.

Nur zur Erinnerung: Österreich hat die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte unterschrieben. Was ist das heute wert?

Denn dann reicht es nicht mehr zum Leben. Was ist, wenn nicht sofort ein Job gefunden wird? Was ist, wenn er oder sie Schwierigkeiten beim Lernen der Sprache hat?

Ich lese diese Deklaration und frage mich, was davon noch gilt. Ich schäme mich.

Sie zu lesen, ist ein Hohn. Sie sind in den letzten Jahren so eng ausgelegt worden, dass sie einfach nicht mehr stimmen. Sie werden nicht eingehalten, nicht von irgendwelchen fernen Ländern, nein von uns, den Wohlhabenden, die wir Angst haben vor Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Wohl zurecht, wir führten sie dorthin. Menschenrechte, deren Gültigkeit so eng ausgelegt wird, dass ich inzwischen das Gefühl habe, sie nur mehr wie durch einen Spalt betrachten zu können. Die Menschenrechte waren immer schon mehr Ideal als Realität. Nun ist diese Realität für viele erstrebenswerter als das Ideal. Sie sind verzerrt, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Ich schäme mich.

Dann erscheinen Institute und erklären uns, dass die Welt die Armut bekämpfte, weil heute nicht mehr so viele von 2 oder 3 Dollar täglich leben. Wie beschämend.

Und zugleich fühle ich mich hilflos, weil ich nicht weiß, was ich dagegen tun kann.

„Unsere Werte wie Menschlichkeit, Vielfalt, Solidarität und eine offene Gemeinschaft sind die stärksten Waffen gegen Gewalt und Terror“, erklärte der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nach den Terroranschlägen von Oslo im Jahre 2011.

Wir haben keine offene Gesellschaft mehr. Die Menschlichkeit ist bei vielen geschrumpft. Vielfalt wird als Gefahr angesehen. Solidarität ist kein Prinzip mehr, sondern wird als Gutmensch-Attitüde abgetan.

Die größte Gefahr sind wir selbst.

Was nun?

Die Welt kann ich nicht retten, auch nicht Europa, Österreich oder die kleine Stadt, in der ich lebe. Aber ich habe darüber nachgedacht, was ich kann. Lange. Habe meine Kräfte betrachtet und meine Stärken. Ich bin ein Wörtermensch, ein Mensch, der gerne lernt, nicht in den traditionellen heiligen Hallen der Weisheit, aber begierig nach Wissen und Erkenntnissen ist.

Bildung ist nicht alles, aber es ist ein Versuch, eine bessere Welt zu ermöglichen. Ich will weg von irgendwelchen Hürden. Ich habe an Webseiten gedacht. Viele Seiten zur Lese- und Bildungsförderung richten sich an Pädagogen, oder mit erhobenen Zeigefinger an „Laien“, oder mit kindlich vorgetragenen Referaten an durchschnittliche Bürger. Den Zeigefinger lasse ich zuhause, ich versuche Menschen zu unterstützen, die kein abgeschlossenes einschlägiges Studium haben (so wie ich, ich bin keine Pädagogin). Wenn ich eine Mutter oder Vater bin, brauche ich keine Experten, die mir in ihren Aufsätzen erklären, wie wichtig lesen ist, damit ich vorlese. Auf der einen Seite wird beklagt, wie viel Verantwortung Eltern an Schulen und Kindergärten abgegeben wird, und zugleich erklären Experten in theoretischen Abhandlungen, was alles zu tun sei. Die Forderungen werden immer mehr und die Vogel Strauß Mentalität wächst, wie die Ansprüche des täglichen Lebens. Es wächst uns wohl alles, was wir sollen, über den Kopf.

Dieses Vorgehen, dass überall Experten erklären, wie die Welt sich dreht, hat Menschen entmündigt. Die Rechnung ist da, es werden Verantwortungen abgegeben.

Davon will ich weg. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so gar nicht einschlägig ausgebildet bin, sondern „nur“ denken kann, aber es ist wohl meine Stärke.

Ich will nur wissen, was es etwas gibt, wo ich es bekomme, ob es eine Buchhandlung ist, eine Bücherei, oder Online, als ebook, als video oder anderes. Ich will das Vergnügen teilen, das ich empfinde, etwas zu lernen, ohne Pisa, Bologna oder mit hübschen Namen verzerrte Bildungsvorgaben. Ich brauche keine Experten, die mir erklären, warum es sinnvoll ist. Mir macht es einfach Spaß. Darum mache ich, was ich mache.

Nachdem die Daten der Lesefähigkeit der Kinder am Ende ihrer Volksschulzeit nun bekannt gegeben wurden, fühle ich mich bestätigt, in dieser Richtung weiter zu arbeiten. Ich finde die Schockreaktion der Politiker lächerlich, ich versuche zu handeln und nicht schockiert zu sein.

Das war die Basis für die Überlegungen, die zur Gründung der Webseiten leseorte.org und lesewelten.org.

Das kann ich tun und tu es.

und es geht weiter

8.4.2016: Die Regierung erklärt einen Notstand, wo ich nur die eine Not sehe, von einer solchen Regierung regiert zu werden: Novelle zur Aussetzung des internationalen Rechts schon vor einem „Notstand“ soll kommende Woche in den Innenausschuss und ohne Begutachtung in den Nationalrat – derstandard.at/2000034463023/Regierung-setzt-schaerferes-Asylrecht-im-Eiltempo-durch

14.4.2016 Vertrauliche EU-Dokumente belegen weitgehende Kooperationspläne mit ostafrikanischen Despoten in der Flüchtlingspolitik. Pläne sollten „unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit gelangen“.

Die EU-Direktorin von Human Rights Watch, Lotte Leicht, kritisiert den Grundansatz dieser EU-Politik: „Es ist unglaublich zynisch, wenn die Europäische Union, die auf Werten basiert und die europäischen Regierungen, die sagen, dass ihnen die Menschenrechte etwas bedeuten, mit menschenverachtenden Regierungen zusammenarbeiten, nur mit dem Ziel, Menschen davon abzuhalten nach Europa zu kommen.“

Geborgenheit

Wie seltsam, sich ein Wort zu nehmen, das vertraut wie ein alter Freund ist, und plötzlich ein Gefühl eines ersten Verliebtseins entstehen lässt. Geborgenheit: Geborgensein im Leben – geboren und geborgen – Zuhause im Sein – Sicher ohne Fragen – angenommen im So-Sein – im Sein, wie ich bin – darauf Vertrauen im Guten wie im Schlechten, wissen, in der Not aufgehoben zu sein.

Geborgenheit: bedingungs-, zeit- und raumlos geliebt. Keine Angst zu haben, nicht zu passen, in Vorstellungswelten, in Normen gezwängt, in Rahmen der Vorurteile anderer. Dass ich kein Bild und keine Illusion der Fantasie der anderen mehr bin. Nur ich. Geborgen.

Geborgensein heißt, sicher sein. Dass Verlass ist auf den anderen oder nur mir selbst. Denn die einzige Täuschung wäre, nicht sicher zu sein im Selbersein, im Sosein und sich verirren in den Erwartungen der Welt der Menschen. Geborgen, weil es kein Loslassen des Irrtums geben muss, denn die Enttäuschung ist nur das Erkennen der eigenen Täuschung, die Entdeckung der eigenen Parteilichkeit. Einer Einbildung, die nur in meinem Kopf lebt und nicht in Wirklichkeit. Ich lege das Trugbild zur Seite. Kein Vorwurf wird herausgezogen, weil ich es bin, die sich täuscht. Kein ewiges Schweigegefängnis ob des Anderseins findet Raum. Nur Verstehen der eigenen Verblendung und Akzeptanz der Differenz.

Dann brauche ich dem Überbringer der Botschaft, nicht meine eigene Intoleranz an den Kopf zu werfen. Sie gehört zu mir wie mein falsches Urteil. So hadere ich mehr an mir als am anderen, denn der einzige Betrug, der stattfand, ist jener durch mein Vorurteil. Wie soll ich auf mein Gegenüber sauer sein, wenn ich es bin, die irrte und nicht er, der täuschte. Der Augenschein zeigt nur meinen Fehler, der Schwindel ist nicht der seine, sondern meine Illusion, die mich taumeln lässt.

Geborgenheit weiß nichts davon. Sie vertraut. Ohne Fragen, ohne Zweifel umarmt sie dich und mich. Du bist wie du bist, und ich bin ich, auch wenn wir morgen andere zu sein scheinen, bist immer du, noch immer du und ich noch immer ich. Die Schattenseiten machen uns erst komplett. Geborgen im Schwarzen wie im Weißen, im Kalten wie im Warmen. Sicher in allen Stufen dazwischen.

Akzeptiert, geliebt und ganz gelassen.

Das ist vielleicht die letzte Kunst, den anderen komplett sein lassen. Denn dazu muss ich erkennen, ob meine Erwartungen den anderen drängen, muss ich erkennen, welche Ängste in uns beiden wohnen, die nach Bildern suchen, die wir nicht sind.

Die größte Aufgabe von allen ist, mich zu trennen von meinen Erwartungen.

 

Könntest du mich umbringen?

Diese Frage stellte mir meine Mutter bei einem Spaziergang, einige Monaten, nachdem sie ins Altersheim gekommen war, nicht wegen des Heims, nein, wegen ihrer Erkrankung. Sie hatte Alzheimer.

Ich antwortete, dass ich ins Gefängnis müsste, und ob sie dies wolle.

Sie verneinte.

Da meine Mutter eine gläubige Frau war, fragte ich weiter: „Sprichst du mit Gott?“

„Ja.“

„Dann bitte ihn darum, dass du gehen darfst.“

Wir gingen eine Weile neben einander spazieren. Ich war mir nie sicher, wie lange ein Gedanke noch in ihrem Kopf blieb, deshalb wunderte ich mich, als sie Minuten später weitersprach:

„Was soll ich ihm sagen?“

„Das, was du mir gesagt hast.“

Zugegeben, es überforderte mich massiv und ich denke, auch heute noch darüber nach, denn das meiste, das später kam, machte mir ihren Wunsch verständlich. Hatte ich einfach nur Angst einen anderen Menschen zu töten? Ich wusste nicht, was richtig ist.

Doch hier fing unsere Geschichte nicht an.

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