Marktwert

Ich bin verdammt froh, keinerlei Marktwert anzustreben. Damit ist egal, ob ich einen besitze oder nicht. Dieses sich selbst als Produkt definieren, ist seltsam. Etwas teilen, Begeisterung, ein Lied, einen Text, das ist etwas anderes. Da geht es um Leidenschaft und Freude, die man teilen will. Andere hingegen machen Werbung, und wenn du nicht ihrer Meinung bist, dann bist du weniger wert. Die überzeugen nicht, weil sie Argumente haben, sondern weil sie lauter sind. Hast du nicht deren Tempo, bist du Zweiter. Bist du nicht so laut, bist du Zweiter. Willst du denken, bevor du redest, bist du Zweiter.

Irgendeinen Geschmack suche ich, der bei mir zurückbleibt, wenn es nicht aufrecht ist, dieses Werben um jeden Preis. Aber wie kann ich das beschreiben, was ist es genau? Schneller, lauter, schlagfertiger und dann bist du Nummer eins am Markt. Und das soll einen Wert haben? Vielleicht ist es nur Naivität, die mich führt. Eine Naivität, die wissen will, was ein anderer empfindet, was er denkt, was er braucht. Wenn ich etwas verkaufen will, ist es mir völlig egal, was du empfindest, was du denkst, was du brauchst. Und wenn es nur das Gefühl ist, dass du etwas Besseres seist.
Nur so will ich nicht leben.

Ich teile, weil ich mich freue und hoffe, dass ein anderer sich freut.

Deshalb will ich meinen Marktwert auch gar nicht wissen. Damit bin ich frei. Scheiß drauf. Sollen die anderen geliebt werden wollen. Mir reicht, dass ich finde, dass ich cool bin. Mögen die anderen verbrennen, wenn sie an mich denken. Oder auch nicht, ist mir auch egal.

Wir-Sager

Krankenschwesternplural” oder der „Lieber Onkel Doktor hat auch Bauchweh“-Plural hat jeder schon mal gehört, ich kenne aber niemand, dem schlecht wurde, weil er mit mir sprach, zumindest hat es keiner gesagt oder hat sich übergeben müssen. Denn „uns geht es nicht besser“, noch „fragen wir uns, wie es uns heute so geht.“ Wie geht’s dir, wie geht’s mir, das ist die korrekte Frage. Vielleicht soll es ja nur ein vertrautes Miteinander erzeugen, aber ehrlich gesagt, stehe ich drauf, im Allgemeinen ich zu sein. Wir dürfen gerne miteinander essen gehen, tanzen und singen.

Oder jene, die mir etwas erzählen und mir auf die Schulter klopfen oder wenn jemand von „Wir Armen“ – was auch immer – spricht. Ein Ausdruck von Bescheidenheit soll es sein? Nicht doch. Wenn mir einer erzählt, was ich denke, wie ich reagiere, wie ich fühle, wie ich handele, dann weiß er zuviel, aber nichts von mir. Dies ist wohl eher der überhebliche, übermächtige „Pluralis prae potens“. Manche gewöhnen sich diese Ausdrucksweise so an, dass sie nicht mehr erkennen, wie aufdringlich sie sind. Ich spreche von mir, von meiner Meinung, von meinen Entscheidungen, meinem eigenem Verstand und den verwende ich. Anstatt einzuladen selbst zu denken, müssen wir verstehen, wir überlegen, wir klar erkennen. Im Gleichschritt marsch!

Anscheinend werde ich mit dem Alter pubertierender, kindischer und vielleicht vergesse ich irgendwann alles. Aber vorerst streike ich. Ich nehme Einladungen zum Denken an, höre Überlegungen zu, genieße es abzuwägen und eine Meinung zu haben.  Jeder darf mir erzählen, zu welchen Schlüssen er gekommen ist, aber wir sind nicht prinzipiell einer Meinung. Prinzipiell sind wir erst mal zwei und dann werden wir sehen. Überzeugen Sie mich mal! Und glauben Sie mir, nur weil ich nicht verstehe, was Sie sagen, halte ich mich nicht für dumm. Und Sie haben etwas Essentielles nicht verstanden. Oder haben doch wir etwas nicht verstanden?

Heilige Kuh

Die Regierung ist Schuld, an ….

Setzen Sie ein, was Ihnen beliebt. Die Verantwortung an eine Organisation abzugeben, haben Menschen immer schon geliebt. Früher war es mal der liebe Gott, heute darf es die Regierung oder die EU sein und wenn es nicht passt, kann ich endlich auf jemanden schimpfen, denn ich selbst kann nichts dafür.

Mich stört, auf wieviele Dinge ich keinen Einfluss mehr habe. Es stört mich, dass andere so viel Verantwortung für mich übernehmen und ich keine Chance habe, dieser Entmündigung zu entgehen. Seltsamer Weise würde einen Basiseinkommen tatsächlich Freiheit bedeuten. Die ewigen Herumjammerer würden sich ihres liebsten Hobbys entledigt sehen. Aufgeblähte Verwaltung würde in sich zusammenfallen, sie wäre einfach nicht mehr notwendig. Wenn mir ein Job nicht passt, kann ich gehen. Mitleid mit Bewegungslosen ist nicht mehr notwendig. Die können sich im Kreis drehen, es wird keine Beachtung mehr finden.

Aber in diesem Moment bin ich auf mich zurückgeworfen. Ich denke, ich entscheide, ich gehe, ich stehe, ich lebe. Niemand macht mit mir. Ich bin nicht ohnmächtig. Ich bin nicht einflusslos. Ich bin nicht hilfsbedürftig. Ich bin aktiv. Ich bin zumindest mächtiger, eigenverantwortlicher, trage mehr auf meinen Schultern als früher.

Auch wenn ich ungläubig auf die USA blicke, weil man sich gegen eine allgemeine Krankenversicherung wehrt, so sind Pflichtversicherungen in allen Richtungen in Österreich schon lächerlich. Oder haben Sie gewusst, wenn Sie als neuer Selbständiger im Vorhinein wissen müssen, was Sie verdienen werden (wie ein Angestellter), wenn Sie das nicht melden, 9% Strafe zu zahlen ist. Nun werden Sie denken, jeder muss Steuern zahlen. Da gebe ich Ihnen schon recht, aber wie jemand bei einem Einkommen von 537,78€ im Monat, dann 148,86€ an Pflichtversicherungen zahlen muss, grenzt an, ich weiß nicht was. Es bleiben also 388€ zum Leben. Und beachten Sie, wenn ich unter diesem Einkommen bleibe, das ich vorab angebe, bekomme ich dieses Geld nicht refundiert, wenn ich es aber nicht melde, bezahle ich 9,3% Strafe. So lese ich den Beitrag über Neue Selbständige der Wirtschaftskammer (als Neuer Selbständiger bin ich nicht Kammermitglied, auch so ein Verein, dem ich mich nicht entziehen kann, und so falle ich aus jeglicher Sozialpartnerschaft raus. Das erklärt wohl, wie es zu solchen Vorschriften kommt. No Lobby, no service). Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.  Verstehen Sie das? Ich nicht, ich will das auch nicht verstehen. Vielleicht ist es auch ganz anders. Mir ist schon klar, dass ich das genau wissen will.

Aber über Länder wie die USA schimpfen und unsere Krankenversicherung so toll finden, kann ich nur, wenn ich weiß, welche Bedingungen daran geknüpft sind. So wie die meisten glauben, es gäbe keine Menschen, die nicht versichert sind. Es gibt sie aber. Und es gibt wenige Stellen, wo sie sich behandeln lassen können. In Österreich ist nicht jeder krankenversichert. Das muss einfach gesagt werden. Es ist eine Illusion, wenn ich das nicht weiß. Krankenversichert und mit 388,92 zahle ich dann Wohnung und Essen.

Heilige Kuh der Entmündigung, denn keiner hat davon gewusst. Wenn es nicht so ist, dann nur zu, schreibt mir! Ich wäre froh, wenn das, was ich gelesen und gerechnet habe, falsch ist.

Mit der Axt entzwei

Ich bin verletzlich geworden.

Es ist nicht mangelndes Vertrauen oder Misstrauen, das mich beherrscht, sondern Angst verletzt zu werden. Ich dachte, ich hätte mein Vertrauen im Klo runter gespült. Aber ich bin nur vorsichtig geworden. Es waren nicht Fremde, die bei mir diesen Schrecken auslösten.

Ich habe nie verstanden, wie andere leichtfertig Versprechungen gaben, an denen ich zweifelte, zu groß, zu umfassend, zu schwer wogen sie. Ich kann nicht für immer und ewig Versprechungen geben. Und wenn ich versucht bin so zu denken, dann behalte ich es für mich. Denn auch ich war versucht. Aber in Wahrheit geht es nicht. Eine Freundin, die mich ohne Erklärung stehen gelassen hatte, dachte nach 3 Jahren wäre SIE soweit, wieder mit mir zu sprechen. Egal, was sie mir als Erklärung gegeben hätte, ich wollte mich auf niemanden mehr einlassen, der mich 3 Jahre lang ignoriert. Geheult habe ich deshalb viel, aber das Risiko stillschweigend ignoriert zu werden, wenn ihr etwas an mir nicht passt, war zu groß. Jemand, der nicht wissen will, warum ich so gehandelt hatte, mich nicht einmal sagt, was genau es war, was ihn störte, ist niemand, dem ich vertrauen kann.

Es ist ein Unterschied, wenn sich Wege auseinander bewegen. Immer versuchte ich, wenn ich die Bewegung kommen sah, noch darüber zu sprechen. Die wenigsten konnten. Und manchmal gab es wieder eine Bewegung aufeinander zu. Das heißt im Fluß sein. Keiner hob die Axt und schlug auf die zarte Pflanze Vertrauen entzwei, die durch Kommunikation genährt wird.

Ich bin vorsichtig geworden.

Abenteuer

Abenteuer sind geil. Auch wenn ich sie meist nur in homöopathischen Dosen geniesse, aber das ist nichts gegen die Jahrzehnte, in denen es gar keine Abenteuer in meinem Leben gab.

Ich selbst fand mich als Teenager nicht besonders abenteuerlustig. Im Rückblick sieht es anders aus. Jungen Menschen, die meine Kinder sein könnten, erzähle ich hin und wieder, was ich erlebte, als ich in ihrem Alter war. Sie wollen doch ermahnt werden, ein klein wenig verrückter zu sein und nicht nur eindimensional auf ein unkalkulierbares Übermorgen hinzusteuern. Und manchmal geht es nur darum, wieder einmal herzlich über sich selbst lachen zu können.

Als ich, 18 Jahre alt, mit einer Freundin in Korsika auf Urlaub war, entschlossen wir uns spontan doch noch 2 Tage länger zu bleiben, obwohl das Budget absolut aufgebraucht war. Wir hatten die Karten für die Fähre und für den Zug. Klingt gut, meinen Sie?  Na ja, von der Fähre waren wir 100 km entfernt und sobald wir das Meer überquert hatten, fehlten uns immer noch 150 km bis Florenz. Wir ernährten uns von Zuckerpäckchen, die wir umsichtig Tag für Tag beim morgendlichen Kaffee mitgenommen hatten. Aufmerksame Männern halfen uns mit Nahrungsmittel aus, als sie sahen, wie wir mit feuchten Fingern den Zucker in unsere Münder beförderten. Aber das ist eine andere Geschichte. Korsika war uns gut gesonnen, wir wurden nicht nur zur Fähre transportiert, sondern bekamen noch Berge und Nordküste gezeigt, und wurden auf ein formidables Abendessen eingeladen. Am nächsten Nachmittag erreichten wir Piombino, es dämmerte bereits, ein alter Mercedes hielt und nahm uns mit. Als wir hinten auf der Rückbank saßen, stellten wir fest, dass wir auf einen Kopf mit kurzgeschnittenen Haaren und bulligen Nacken schauten. Vorurteile? Wir doch nicht, er hat uns mitgenommen. Er hat unseren Wunsch erfüllt. Als wir jedoch das Loch in der Windschutzscheibe sahen, dass einem Einschuß verdammt ähnlich sah, wurde die Stille im Innenraum hörbar. Zumindest ich konnte mein Herz laut klopfen hören. Damals wurde monatlich „Aktenzeichen XY … ungelöst“ ausgestrahlt, eine Sendung, in der mit Hilfe von Zuschauerhinweisen, Täter überführt wurden. Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben, aber jedes 2. Verbrechen fand in einem typischen XY-Wald statt, durch den schnurstacks eine einsame Straße verlief. Dort wurden regelmäßig Frauenleichen gefunden. Auf einer solchen Straße befanden wir uns auch, als das Auto stehen blieb und sich dieser gefährlich aussehende Mann umdrehte und fragte, ob wir zu seinem Haus mitkommen wollten. Wir lächelten freundlich, verneinten, stiegen aus und fürchteten uns, weil wir nicht wußten, ob wir von dieser abgeschiedenen Straße jemals wegkommen würden. Kurze Zeit später hielt ein Mailänder, der uns bis zum Bahnhof brachte. Er nahm einen Umweg über Florenz, weil er sich Sorgen machte und seine Freundin in unserem Alter war. Er hoffte, seine gute Tat würde auch Schutz für sie bedeuten. Er hatte gutes Karma angehäuft.

Doch Geschichten will ich sammeln, auch heute noch. Ich war und bin abenteuerlustig. Ich lernte Gefahren einschätzen und gelegentlich habe ich auch später einen Autostopper mitgenommen. Die letzte war Laura. Ihr Vater war Italiener, weshalb sie so oft fror, sagte sie. Getroffen hatte ich sie an einem verregneten Tag auf Vancouver Island. Es war Juli, Hochsommer und sie trug einen Daunenanorak. Ihre Mutter gehörte zu den Ahouat, einer der First Nations in Canada. Ich erzählte ihr von dem Weisskopfadler, den ich gesehen hatte und sie mir, dass dieser das Totemtier ihres Stammes war. Bei jedem Begräbnis zog ein Adler seine Kreise über die Trauernden, wirklich bei jedem, versicherte sie mir. Aus diesem Grund hatte sie begonnen, zu den Elders, zu den Stammesältesten, zu gehen, sie wollte lernen, was sie versäumt hatte über ihre Vorfahren zu erfahren. Sie hatte erwachsene Kinder, 2 Jobs, die 35 km auseinander lagen und kein Auto. Ja, und die Seeschlange war ebenfalls eines ihrer Totemtiere. Sie war stolz auf ihre Kinder, einer war bei den Kanadischen Mounties und eine Krankenschwester. Ich brachte sie heim und schenkte ihr mein Zelt und meinen Kocher und sie mir die Adresse eines Motels, bei dem sie vor Jahren putzte.

Inzwischen kenne ich auch andere Natives oder Indigenes. Indianer darf man ja nicht mehr sagen.

Ich lerne durch Abenteuer. Ein Risiko einzugehen, ist nicht nur gefährlich, sondern bringt Gewinn. Ich bin aufmerksamer, gewinne Sicherheit auch durch Unsicherheit. Abenteuer öffnen neue Türen.

Kein Mitleid

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, mich nervt Herumjammerei über andere, weil sie nicht tun, was das verwöhnte Kinderherz sich wünscht. Und wenn einer sich selbst leid tut, reicht es und kein anderer muss ihn bedauern. Vielleicht bin ich auch nur verrückt, es liegt mir nicht, lauthals bekannt zu geben, wenn mich andere nerven. Wenn ich es tue, nerve ich mich selbst auch. Im besten Fall lache ich über mich selbst, wenn ich ins Maulen abgleite.  Im Schlechtesten versuche ich es mit mir auszumachen. Wenn ich nichts machen kann und es mir zuviel ist, muss ich gehen. Manchmal dauert es, manchmal sogar sehr lange, bis ich endlich aufbreche, aber der Moment kommt und ich stehe auf und verschwinde. Und so wie ich lächerlich bin, wenn ich rummaule, sind auch andere lächerlich.