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Geborgenheit

Wie seltsam, sich ein Wort zu nehmen, das vertraut wie ein alter Freund ist, und plötzlich ein Gefühl eines ersten Verliebtseins entstehen lässt. Geborgenheit: Geborgensein im Leben – geboren und geborgen – Zuhause im Sein – Sicher ohne Fragen – angenommen im So-Sein – im Sein, wie ich bin – darauf Vertrauen im Guten wie im Schlechten, wissen, in der Not aufgehoben zu sein.

Geborgenheit: bedingungs-, zeit- und raumlos geliebt. Keine Angst zu haben, nicht zu passen, in Vorstellungswelten, in Normen gezwängt, in Rahmen der Vorurteile anderer. Dass ich kein Bild und keine Illusion der Fantasie der anderen mehr bin. Nur ich. Geborgen.

Geborgensein heißt, sicher sein. Dass Verlass ist auf den anderen oder nur mir selbst. Denn die einzige Täuschung wäre, nicht sicher zu sein im Selbersein, im Sosein und sich verirren in den Erwartungen der Welt der Menschen. Geborgen, weil es kein Loslassen des Irrtums geben muss, denn die Enttäuschung ist nur das Erkennen der eigenen Täuschung, die Entdeckung der eigenen Parteilichkeit. Einer Einbildung, die nur in meinem Kopf lebt und nicht in Wirklichkeit. Ich lege das Trugbild zur Seite. Kein Vorwurf wird herausgezogen, weil ich es bin, die sich täuscht. Kein ewiges Schweigegefängnis ob des Anderseins findet Raum. Nur Verstehen der eigenen Verblendung und Akzeptanz der Differenz.

Dann brauche ich dem Überbringer der Botschaft, nicht meine eigene Intoleranz an den Kopf zu werfen. Sie gehört zu mir wie mein falsches Urteil. So hadere ich mehr an mir als am anderen, denn der einzige Betrug, der stattfand, ist jener durch mein Vorurteil. Wie soll ich auf mein Gegenüber sauer sein, wenn ich es bin, die irrte und nicht er, der täuschte. Der Augenschein zeigt nur meinen Fehler, der Schwindel ist nicht der seine, sondern meine Illusion, die mich taumeln lässt.

Geborgenheit weiß nichts davon. Sie vertraut. Ohne Fragen, ohne Zweifel umarmt sie dich und mich. Du bist wie du bist, und ich bin ich, auch wenn wir morgen andere zu sein scheinen, bist immer du, noch immer du und ich noch immer ich. Die Schattenseiten machen uns erst komplett. Geborgen im Schwarzen wie im Weißen, im Kalten wie im Warmen. Sicher in allen Stufen dazwischen.

Akzeptiert, geliebt und ganz gelassen.

Das ist vielleicht die letzte Kunst, den anderen komplett sein lassen. Denn dazu muss ich erkennen, ob meine Erwartungen den anderen drängen, muss ich erkennen, welche Ängste in uns beiden wohnen, die nach Bildern suchen, die wir nicht sind.

Die größte Aufgabe von allen ist, mich zu trennen von meinen Erwartungen.

 

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