Suche nach dem Alten Europa

Die Aufre­gung stieg damals 2013, aber die Reise sollte anders ver­laufen als ursprünglich gedacht.

Ich plante sie, um mehr über meinen Vor­fahren zu erfahren und zwar jen­er Europäer, die zum ersten Mal diesen Kon­ti­nent betrat­en.

Wohin nur soll ich mit den Ein­drück­en,
wo ich in eine andere Welt ein­tauche.

Die Welt die Heimat und doch nicht Heimat ist.

Ich liebe kurze Aus­flüge in andere Wel­ten. Die Wel­ten sind vielfältig, egal ob Orte, Musik, Malerei, ein gutes Essen. Reisen ist eine Form, sich dem Uni­ver­sum zu öff­nen.

Nach­dem mich die let­zten großen Reisen nach Aus­tralien und an die West­küste Nor­damerikas geführt hat­ten, wollte ich auch in Europa bleiben — in der Nähe mein­er Mut­ter.

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Ich wollte dem näher kom­men, was die Men­schen, die als erste in Europa lebten, erfuhren. Es geht nach Frankre­ich. Dort gibt es viele Höhlen, die durch ihre Malereien und Fel­sritzun­gen berühmt sind. Ich bin ges­pan­nt, was es noch alles zu erzählen geben wird. Ich werde in die Dor­dogne fahren, um dort die let­zten Reste dieser Men­schen anzuse­hen, aber auch die Land­schaften auf mich wirken zu lassen, durch sie zogen.

Ich werde an meine per­sön­lichen Vor­fahren denken und an jene, die vor paar 10.000 Jahren aus Afri­ka nach Europa kamen. Die Reise wird ruhiger und besinnlich­er wer­den als frühere. Doch ges­pan­nt bin ich auch dies­mal.

Uner­wartet und doch erwartet starb ver­gan­gene Woche meine Mut­ter. Sie wäre bald 81 gewor­den. Es wird also auch eine Reise wer­den, die ich ihr widme. Meine Mut­ter wird bei mir sein.

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Sankt Romedius und Mona Lisa

Was haben die bei­den gemein­sam?

Tja, das ist nicht so leicht zu errat­en, denn sie erin­nern mich an meine Großel­tern: an den Vater meines Vaters und die Mut­ter mein­er Mut­ter.
mg_7373Meinen Opa habe ich nie ken­nen­gel­ernt und es waren immer nur Geschicht­en, die sich manch­mal als falsch her­ausstell­ten. Er ist im Krieg gefall­en. Doch wann und wo, hätte mein Vater gewusst, aber er sprach nicht über ihn. Und ich reimte mir anscheinend auch Geschicht­en zusam­men oder hat es meine Mut­ter erzählt und nicht bess­er gewusst? Ich weiss es nicht. Ich hat­te ein­mal älteren Män­nern zuge­hört und die waren in Rus­s­land. Vielle­icht war das Anlass mein­er Vorstel­lung er sei 1943 in Rus­s­land gefall­en. Doch wenn mein Vater wütend war, dann wäre ich wie mein Groß­vater. Da ich aber mich recht gern habe, habe ich auch meinen Groß­vater zu lieben begonnen. Dazu kam, dass kein­er etwas Gutes über ihn zu bericht­en wusste. Das wiederum machte mich wütend. Nie­mand ist nur schlecht. Selb­st wenn er nur schöne Augen gehabt hätte.

Was blieb von ihm?

Er hat­te meine Groß­mut­ter mit einem une­he­lichen Kind eines reichen Salzburg­er Bauern geheiratet. Eigentlich wäre er auch ein Bauer, er war der Älteste. Und um die oft kleinen Land­wirtschaften zu erhal­ten, wur­den sie nicht geteilt, es erbte nur ein­er. Mein Groß­vater hat also auf den Hof verzichtet und eine Frau mit einem une­he­lichem Kind geheiratet. Er wurde Maler und arbeit­ete unter der Woche irgend­wo in Tirol. Aber worüber immer wieder gesprochen wurde, war, dass mein Vater und seine Schwest­er ihn am Fre­itag aus der Wirtschaft holen mussten, weil er son­st alles ver­trank. Mehr war hier als Infor­ma­tion nicht her­auszu­holen: Wie alt sie waren? Wie spät es war? War er wirk­lich stock­trunk­en oder war er nur am Ende der Woche ein Bier trinken? Doch das Schlimm­ste kam noch, er hat­te Bruch­holz im Wald gesam­melt, doch der Wald war nicht sein­er. Waldbe­sitzer ver­ste­hen keinen Spass. Obwohl heute der Wald rund um Inns­bruck lange nicht so “ordentlich” aussieht wie noch vor 30 Jahren, doch ver­boten ist es auch heute noch. Aber es ist auch ver­boten in Frankre­ich, auch wenn für den Eigenbe­darf dur­chaus ein Auge zuge­drückt wird, hat mir Pierre erzählt. Mein Groß­vater wan­derte ins Gefäng­nis. Dies war eine Riesen­schande. Als mein Vater wieder ein­mal sehr wütend auf mich war, weil ich
mg_7374seinen Geburt­stag vergessen hat­te und erst 2 Tage später grat­ulierte, hat er mir einen Brief geschrieben, wie ent­täuscht er von mir ist, wie bei seinem Vater. Da schrieb er mir davon. Ich dachte nur, wenn mein Groß­vater nur annäh­ernd so schlim­mer Dinge tat wie ich, dann kann er nicht ganz so schlimm gewe­sen sein. Damals erfuhr ich, dass mein Groß­vater 1945 knapp vor Kriegsende im früheren Jugoslaw­ien gefall­en ist.

Mein Groß­vater hieß Romed.

Als ich bei der Rück­reise im Trenti­no schlief, erzählte mir, die Tochter der Wirtin, dass ein Wall­fahrt­sort in der Nähe sei. San Rome­dio, der Heilige nach dem mein Groß­vater genan­nt wurde. Er wurde ange­blich in Thaur, einem kleinen Dorf in der Nähe von Inns­bruck, im 7. oder 8. Jahrhun­dert geboren. Und da es damals noch nicht Tirol hieß, wan­derte er nach Rom und nach Tri­ent und schien sich nicht son­der­lich um anständi­ge Lan­des­gren­zen zu küm­mern. Vielle­icht war er
mg_7390auch ein Adeliger aus Thaur. Ist das wirk­lich wichtig? Die Ein­siedelei wurde errichtet, die Leute pil­gern heute noch hin und danken für gesunde Kinder und die Ret­tung bei furcht­baren Unfällen. Als Romedius alt war, wollte er den Bischof in Tri­ent besuchen. Als ein Bär sein Pferd aufge­fressen hat­te, befahl er den Bären zu sat­teln und ritt auf diesem ins Tal. Heute lebt dort die Mut­ter des Prob­lem­bären “Bruno”, den die Bay­ern erschossen, aber da ich es nicht so gern habe, einges­per­rte Tiere zu sehen, bin ich sie nicht suchen gegan­gen.

Ich glaube, mein Vater hat da etwas ver­mis­cht, vor 30 Jahren habe ich ihn ein­mal gefragt, ob er wisse, wo unser Name herkommt. Mein Geburt­sname ist ein alter typ­is­ch­er Tirol­er Name, Jen­newein. Doch was er mir erzählt hat, passt bess­er zu San Rome­dio. Das muss ihm mein Gross­vater erzählt haben. Eine schöne Geschichte, die von meinem Opa zu meinem Papa zu mir gekom­men ist.

Hier zün­dete ich noch eine Kerze an für meine Vor­fahren, es ist der let­zte Tag mein­er Reise. Was für ein wun­der­bar­er Abschluß!

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Als ich das Kloster ver­ließ, war ich erstaunt ein Bild von Andreas Hofer hän­gen zu sehen, der dort auch als Vertei­di­ger gefeiert wor­den. Darunter ein Kranz der Welschtirol­er Schützenkom­panie, eine der unheim­lichen Ein­rich­tun­gen meines Heimat­landes sind deren Schützen.

Ich wollte es genauer wis­sen — die Schule ist gar zu lange her — Welschtirol, was ist das nun wirk­lich? Es ist das heutige Trenti­no (und ein bis­serl was dazu) war ab 1200 Teil der Graf­schaft Tirol: Nord‑, Süd‑, Ost- und Welschtirol. Ab 1365 kam diese Graf­schaft an den näch­sten Ver­wandten der let­zten Gräfin von Tirol, Mar­garete Maultasch, dem Hab­s­burg­er Rudolf dem Stifter. Dieses Tirol blieb erhal­ten bis zum Ende des 1. Weltkriegs, wo Südtirol und das Trenti­no an Ital­ien gin­gen.

Wer sind diese Schützen und was vertei­digten die Schützen gegenüber Napoleon? Ich weiß noch wie ich in Kor­si­ka darauf ange­sprochen wurde, denn Tirol wider­stand Paris so wie die Kors­en Wider­stand gegen Frankre­ich übten. Es waren die Rechte der freien Bauern, die sie vertei­digten. Doch nicht alle waren frei, nicht alle waren Besitzer eines Bauern­hofes. Nur nichts Neues! Wed­er von den Bay­ern, noch von den Fran­zosen, egal ob gut oder schlecht. Ein ziem­lich stures Volk! wehe dem, der nicht dieser Mei­n­ung war.

Das führt mich zu mein­er Oma, eine Südtiro­lerin. Sie und mein Opa heirateten erst spät, sie gehörten zu jenen Bauernkindern, die leer aus­gin­gen. Da war es nicht so leicht Kinder durchzufüt­tern, trotz­dem beka­men sie 9. Bei mein­er Mut­ter war sie 40 und meine Mama, war mit­ten drin­nen in der ganzen Kinder­schar. Meine Großel­tern sahen sich als Tirol­er, sprachen Deutsch und waren sehr gläu­bige Men­schen.

Als in Südtirol unter Mus­soli­ni nur mehr in Ital­ienisch unter­richtet wurde, gin­gen sie mit ihren Kindern nach Inns­bruck, denn ein Brud­er lebte bere­its in Nordtirol. Und mein Groß­vater sah sich nicht als Ital­ie­nier, er kämpfte als Kaiser­jäger im 1. Weltkrieg und er hat­te nichts, was er in Südtirol zurück­lassen hätte müssen. Doch dort hätte er seine Sprache ver­loren. So wur­den meine Großel­tern Südtirol­er Optan­ten. Es hat­te nichts mit Hitler zu tun, son­dern mit ihrer Vorstel­lung ihres Lebens.
betenIn dem Kloster fand ich dann diese 4 Damen. Von Katha­ri­na, Bar­bara und Mar­garete wußte ich, dass sie auch als 3 Beten gel­ten, die man in Südtirol oft auch auf Häusern find­et, als Ambet, Bor­bet und Wil­bet. Die Ursu­la ist im katholis­chen Raum als 4. Jungfrau dazu gekom­men. Die drei Madeln sind in vie­len Kul­ten vorhan­den, was sie einst sym­bol­isierten, ist offen. Ich mag die Vorstel­lung der drei weisen Frauen, der Jungfrau, der reifen und der alten Frau. Sie dienen als Sym­bol für die Vergänglichkeit des Lebens. Sie erin­nern mich aber auch an diese tiefe, stille Volks­gläu­bigkeit mein­er Großel­tern.

Meine Großel­tern haben mein­er Mut­ter auch dieses Beten beige­bracht, das sie solange sie kon­nte, wie ein Mantra pflegte. Ich bewun­derte es und benei­dete sie, dass sie auf diese Stütze in Zeit­en der Not zurück­greifen kon­nte.

Was ist nun mit der Mona Lisa? Ich habe in den let­zten Tagen einen Artikel über sie gele­sen und plöt­zlich war mir klar, warum ich ein­er­seits das Lächeln nie ver­stand und es mir ander­er­seits so ver­traut war. Ihre Art zu lächeln, entsprach dem Lächeln mein­er Oma. Still, zurück­hal­tend, ein­fach, demütig, das Leben so nehmen, wie es kommt. Es gibt nichts Aufre­gen­des, aber doch einiges, was ich ler­nen kann.

Meinen Großel­tern sei dieser let­zte Tag mein­er Heim­reise gewid­met.

Wäre ich reich …

Ab dem 15. wird das Geld knapp, erk­lärt mir Pierre, ab dann ist am Fre­itag Nach­mit­tag, aber auch am Sam­stag wenig los im Super­markt hier in Bor­deaux. In Frankre­ich werde ich auf eigene Art und Weise an die finanziellen Krisen erin­nert.

Ein­er­seits sind große Häuser in Bor­deaux teuer wie noch nie und doch halb so teuer wie in Paris. Kleine sind im Ver­hält­nis kaum leichter zu bekom­men und sie kosten gle­ich viel. Pierre würde gern sein großes Haus, dass an diesem und jenen Eck verän­dert wer­den müsste, um dem Schickim­ic­ki-Stan­dard zu entsprechen, gegen ein kleineres aus­tauschen. Ums gle­iche Geld. Es klappt nicht. _MG_6950

In Les Arcs, wo Corinne wohnt, sind Häuser, die vor zwei Jahren noch viel Geld bracht­en, schw­er zu verkaufen. Es sind tolle Häuser für Durch­schnitts­men­schen, nichts für Reiche. Doch Reiche kaufen sich etwas anderes, der Durch­schnitt kann sich solche Häuser nicht mehr leis­ten. Nicht nur Corinne, auch ihre kanadis­che Fre­undin und ihre Mut­ter wollen verkaufen. Corinne hat auf gut 1/3 verzichtet. Hinge­gen in so abgele­ge­nen Gegen­den wie The­ly im Zen­tral­mas­siv, wer­den einem die Häuser nachge­wor­fen.

Für Kün­stler wie Corinne, diese vie­len kleinen, die unser Leben ganz still bere­ich­ern, weil sie hier und dort ein Fest beleben, ist eine schwere Zeit. Denn jene, die sich das leis­ten kon­nten, geht das Geld aus. Selb­ständig wer­den? Chris­tine, eine Fre­undin Corinne’s, war selb­ständig, sie hat­te ein Geschäft und verkaufte lokale Pro­duk­te. Sie sper­rte let­ztes Jahr zu und muss nun noch immer zahlen. Mehr Mut zur Selb­ständigkeit? Damit das, dein Leben beherrscht? Sie ste­ht jet­zt mit Corinne und Claude am Stand, wo Kinder zum malen angeregt wer­den. Beim Mit­tagessen meinte sie, sie habe die Nase voll davon, auch wenn ihr ein ander­er Fre­und zure­det wieder selb­ständig zu wer­den.

Doch was hätte ich lieber? Ein Leben im Über­fluss?

Dann würde ich in einem Hotel sitzen, würde nicht für Fre­unde kochen, würde nicht drei Tage mit einem Lit­er­atur­pro­fes­sor inter­es­sante Gespräche führen.

Ich hätte ein aus­tauschbares Hotelz­im­mer, mit aus­tauschbarem Essen, das über­all auf der Welt gle­ich schmeckt.

Ich würde nicht wis­sen, welch­es Essen Fran­zosen schätzen. Wie sie es geniessen gemein­sam zu essen.

Ich hätte keinen exzel­len­ten 12-jähri­gen Bor­deaux genossen und über ihn bei einem äußerst inter­es­san­ten Gespräch die Zeit vergessen.

Ich hätte keine Ahnung, wie Häuser in Bor­deaux oder in der Provence von Innen ausse­hen.

Ich hätte einen Urlaub gemacht, der nicht viel Unter­schied hätte, von einem Film über Frankre­ich. Hätte ich reiche Fre­unde besucht, hätte ich nicht kochen dür­fen, wir hät­ten nicht zu dritt in einem kleinen Apparte­ment geschlafen: denn Claude, weil sie nicht gerne alleine schläft, ist, obwohl sie zwei Türen weit­er wohnt, zu uns gekom­men und hat ihren Schlaf­sack aus­gepackt. Sie ist mehr als 60 Jahre alt.
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Bei reichen Fre­un­den hät­ten wir getren­nte Zim­mer, wir hät­ten nicht selb­st gekocht.

Ich wüsste nicht, auf was Fran­zosen in einem Super­markt acht­en. Ich wüsste auch nicht, wie Kau­ma­gen schmeckt (Auch ich habe nach­schauen müssen, um rauszufind­en, was das ist). Das ist so eine Art Vor­ma­gen bei Geflügel, das bei der Ver­dau­ung hil­ft, eine Spezial­ität Bor­deaux.

Ich hätte wahrschein­lich nicht mit­bekom­men, das Bor­deaux die Ver­legerhaupt­stadt Frankre­ichs ist, mit vie­len und ein­er ganz riesi­gen Buch­hand­lung, aber auch ein­er Buch­hand­lung, die sich Ver­boten­em wid­met: der Erotik, nicht nur bil­ligem Schund, nein auch Erotik in der Lit­er­atur von namhaften Schrift­stellern ist zu find­en.

Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buchhandlung in Bordeaux.
Die gesamte Häuserzeile ist EINE Buch­hand­lung in Bor­deaux.

Ich werde auch noch einen Beitrag in Wikipedia über einen Maler und Fotografen Bor­deaux’ schreiben, denn darüber hat Pierre geschrieben und auf Deutsch fehlt der Ein­trag.

Für die Neugieri­gen unter euch: Pierre Molin­ier. Wer nun unanständig über seine Fotografien denkt, sollte sich Zeit lassen beim vorschnellen Urteil. Er hat bewusst, manche Mon­ta­gen als Man­dalas gemacht, welch­er Form von Schaman­is­mus er sich wid­mete, weiß ich nicht genau, aber ich kann es nachvol­lziehen. Auch wenn Sex­u­al­ität eine große Rolle in seinem Leben spielte, so war doch noch mehr.

Nichts davon hätte ich erlebt, wäre ich reich.

Seit ich meine Urlaube bil­liger gestalte, wer­den sie span­nen­der und aufre­gen­der. Wer ist nun reich­er? Der, der alles kaufen kann oder ich, der sein Leben gestal­ten kann. Ich hat­te früher anders Urlaub gemacht. Irgend­wie fühlt es sich wie ein Plas­tikurlaub an gegen die Tage, die ich nun erleben darf.

Ich bin dabei meine Bedürfnisse zu über­denken und zu reor­gan­isieren. Das lehrte mich mein Urlaub.

Meine Franzosen

Mein Frankre­ich entspricht nicht dem, was ich von außen gel­ernt habe, was Fernse­hen und Zeitun­gen mir erzählten, mein Frankre­ich ist anders. Das war nicht immer so, denn als junger Men­sch war ich natür­lich in Paris. Aber auch das hätte mir Zeichen genug sein dür­fen, denn wo ver­brachte ich meine Zeit: vor dem Cen­tre George Pom­padou, nicht drin­nen. Draußen, denn dort spielte sich das Leben ab. Nicht nur die üblichen Straßen­musik­er waren dort zu find­en, oder die selt­samen Karikatur-oder Por­trait­maler, alle möglichen Kün­stler tum­melten sich hier rum. Das gefiel mir. Das ist lange her. Damals hat­te ich vergessen, was mir Schreiben und Fotografieren bedeutet. Denn ich hat­te es ver­loren. Es gab eine Zeit, da ergab das, was ich schrieb, keinen Sinn für andere und manch­mal auch kaum für mich. Es war so, dass Worte mir nicht mehr halfen, mich mitzuteilen.

Das ist sehr lange her — mehr als 30 Jahre.

Und es war auch weit weg von meinem heuti­gen Frankre­ich.
Corinne, in deren fast leerem Haus ich sitze, war die erste, die mich hier­her ver­führte. Ach, warum halb leer? Sie zieht um nach The­ly, ein winziger Ort, kaum zu find­en, um den Traum, den sie, seit ich sie kenne, träumt, zu ver­wirk­lichen. Sie hat ihren Bauern­hof gekauft, und wird dort ihren spir­ituellen, magis­chen, ökol­o­gis­chen Garten endlich umset­zen kön­nen. Ihren Fre­und Piam habe ich noch immer nicht ken­nen­gel­ernt, denn der ist ger­ade mit dem ersten Laster unter­wegs nach Nor­den. Corinne ist Kün­st­lerin und vor allem, eine wun­der­bare Leben­skün­st­lerin. Bei ihr füh­le ich mich immer so ganz ganz, auch wenn sie immer ganz viel im Kopf hat und an vie­len Plätzen gle­ichzeit­ig ist. Aber sie hat die wun­der­bare Fähigkeit andere so sein zu lassen, wie sie sind. Was zur Zeit zwar etwas prob­lema­tisch ist, denn ihr Jüng­ster ist 17 und so wie Siebzehn­jährige nun mal sind. Und nicht für jedes Kind ist diese Art von Frei­heit geeignet.

Sie hat nie viel Geld, lebt öfters mal von Not­stand und wenn das Geld gar knapp wird, dann meldet sich jemand für eine Mas­sage. So habe ich sie auch ken­nen­gel­ernt: in Thai­land, als wir gemein­sam einen Mas­sagekurs besucht­en. Und auch dort erlebten wir Momente, wo unsere Herzen gemein­sam schlu­gen.

Sie war die erste, die sich bei mir meldete, als meine Mut­ter starb.
Immer wieder passiert es, dass ein­er von uns etwas erzählt und der andere ver­wun­dert ist, weil es ihm auch passierte. Es ist unglaublich viel Syn­chro­niz­ität in unser bei­der Leben, auch von den nicht so schö­nen Seit­en.

Ich freu mich, dass ich ihr eine Hil­fe war. Während sie nun in ihr neues Haus fährt, bin ich Rich­tung Öster­re­ich unter­wegs. Ich bin schon sehr ges­pan­nt auf The­ly.

Doch bevor ich zu ihr fuhr, wollte ich den Atlantik sehen. Und den bekam ich zu sehen durch Pierre. Pierre ist ein 68-Jähriger Pro­fes­sor aus Bor­deaux. Ein nor­maler Pro­fes­sor? Ach, nein, das würde nicht zu meinem Frankre­ich passen. Mit 49 beschloss er aus dem 10-stündi­gen Uni-All­t­ag auszusteigen und wenn es ihm beliebte, Büch­er zu schreiben. Wie Corinne pfiff er auf das, was heutzu­tage als “nor­males” Leben ange­se­hen wird. Da waren Lebensver­sicherun­gen, von deren Zin­sen er Geld bekam, in Bor­deaux lebten seine Eltern, die froh waren, dass der einzige Sohn endlich wieder zurück­kam, denn er war zulet­zt Pro­fes­sor in New Zealand, von wo er zwar zweimal im Jahr heim­fuhr, aber es war weit weg. Pierre war mein Gast­ge­ber, als ich in Bor­deaux couch­surfte. Couch­surf­ing: Diese geniale Erfind­ung, wo man in anderen Städten und Län­dern pri­vat bei Men­schen unterkommt!

Als Tourist bekommt man weltweit gle­iche Hotels mit gle­ich fre­undlichem oder unfre­undlichem Per­son­al zu sehen. Das Früh­stücks­büf­fet ist über­all gle­ich, die Zim­mer sind aus­tauschbar. Keinen Moment sehne ich mich danach.

Aber es ist viel aufre­gen­der fremde Men­schen ken­nen­zuler­nen. Ich liebe diese Erfahrun­gen und ich ver­suche über­all, zumin­d­est einige Tage so unterzukom­men. Ich lernte immer wieder Men­schen an ver­schiede­nen Orten von innen und außen geze­ich­net ken­nen. Es waren alle ganz beson­dere Men­schen. Und sie brin­gen immer auch Erin­nerun­gen zurück in mein Leben, was ich großar­tig finde.

So jet­zt muss ich unter­brechen, denn Corinne bere­it­et ihren Gara­gen­verkauf vor. Bet­ty hat mir das in Madi­son, Wis­con­sin gezeigt, wo am Woch­enende am Ende des Stu­di­en­jahres an diesem und jenen Eck ein Fäh­nchen oder Schild zum stöbern ein­lud. Bet­ty gehört auch zu meinen ganz pri­vat­en Schätzen.

Nun ich bin nicht von großer Hil­fe. Ich spreche kein Franzö­sisch und Corinne hat ihre eigene Ord­nung, die ich nicht stören mag. Aber sie ruft mich, wenn nie­mand da ist, damit wir plaud­ern kön­nen.

Die Men­schen, die ich ken­nen­lerne, haben ver­schiedene Dinge gemein­sam. Sie schätzen gutes Essen, sie lieben Kun­st, bei­des und jed­er auf seine Art. From­mage und Frais­es bekam ich bei über­all.

Ich musste ger­ade wieder unter­brechen, denn die alte einäugige Katze wollte gestre­ichelt wer­den. Nun ist genug, doch schon stellt sich der Tigerkater an, hat aber lange nicht die Aus­dauer der anderen geplagten. Von der Straße höre ich jeman­den beim Klopfen von Steinen, wozu auch immer, und immer wieder begin­nt er zu sin­gen. Die Sonne ist warm, aber nicht zu heiß. Es ist Früh­ling in der Provence. Die Regen­t­age der let­zten Zeit sind vergessen. Und auch die Kälte, die mich mein wärm­stes Fließjäck­elchen in Bor­deaux aus dem Auto holen ließen. Den ganzen Tag bei 11 Grad und dann noch bei Regen nach­hause laufen. Woll­sock­en, warme Jog­ging­hose kamen ger­ade recht. Ich rech­nete nicht damit, dass ich die vie­len war­men Sachen brauchen würde, aber sie erfüll­ten gute Dien­ste. Für Mai ist es ein­deutig zu kalt gewe­sen. Auch wenn ich jet­zt auf der Ter­rasse unter der frischge­wasch­enen Wäsche sitze, und es lange nicht so gemütlich, wie vor ein paar Jahren ist, weil nur mehr das Notwendig­ste aus­gepackt ist, der Wind ist immer nich kühl. Das Dur­chat­men tut gut.

Inzwis­chen tröpfeln nur mehr vere­inzelt Men­schen in Corinne’s Garage und wir sitzen vor der ver­schlosse­nen Kirche ihrem Haus gegenüber und trinken Tee und essen die Kirschen und Erd­beeren, die wir vorher am Markt kauften.

Wir bei­de müssen darüber nach­denken, wie selt­sam es ist, dass sich unsere Wege immer zu beson­deren Zeit­en kreuzten. Kurz bevor wir uns ken­nen­lern­ten, starb mein Vater und ich ver­lor meinen Job, sie war ger­ade dabei sich von ihrem Fre­und zu tren­nen. Ich denke damals haben wir gemein­sam das erste Mal miteinan­der geweint. Wir stam­men aus der gle­ichen See­len­fam­i­lie, sagt sie. Das gle­iche Buch, das ich vor 10 Tagen für sie gekauft hat­te, hielt sie vor 3 Tagen in Hän­den und sagte, dass sie sich es kaufen müsse. Das sind die Gänse­haut­mo­mente in meinem Leben.

Marie-Jeanne war auch kurz hier, eine ganz reizende ältere Dame, die ich vor 5 Jahren bei Coco ken­nen­lernte, sehr erdig, sehr weise, ganz gelassen. Inzwis­chen kom­men immer mehr Fre­unde, von denen ich einige in den let­zten Jahren ken­nen­ler­nen durfte. Der Gara­gen­verkauf ist auch eine Möglichkeit sich zu ver­ab­schieden, so gibt es selb­st­gemacht­en Orangen­wein und andere Dinge zum Ver­wöh­nen. Die Deutsche, mit der ich Man­dalas malte und mit der ich über etwas ganz Trau­riges sprach, kommt noch vor­bei. Eine andere, bei der ich vor Jahren zum Grillen ein­ge­laden war, schaut auch here­in.

Das Her­rliche hier ist, dass ich mich soviel mehr auf das Schauen und Wahrnehmen ver­lassen muss. Was erzählt mir die Kör­per­sprache? Vielle­icht ist mir nur alles so fremd, dass es mir fre­undlich­er erscheint. Aber das kann auch nicht sein. Beim Aut­o­fahren etwa spürt man, wo man unter­wegs ist, sobald es städtis­ch­er wird, wer­den die Aut­o­fahrer nervös­er und drän­geln. Hinge­gen am Land rund um Mon­ti­gnac, war ich immer wieder über­rascht, wie wenige Autos zum Über­holen anset­zten. Ich war let­ztes Jahr in Öster­re­ich am Land unter­wegs und fühlte mich wie eine Getriebene. Erst gestern Mar­seille im Rück­en, Niz­za und Mona­co vor der Nase, da waren die eili­gen teueren Autos, die es nicht erwarten kon­nten, wo anzukom­men, wo sie eigentlich schon wieder weg waren. Welchen Ort erre­ichen sie wirk­lich, wenn die Gedanken über­all sind nur nicht im Augen­blick?

Die Garage wird noch eine Stunde offen sein, von 10 bis 19 Uhr. Vorher dachte ich mir, wie es bei uns wäre, wenn ich auf 2 Klappses­seln auf einem kleinen Platz sitzen würde, auf dem immer wieder Autos vor­beifahren. Es ist nur jet­zt eng gewor­den, weil Fre­unde ein­fach am Platz ste­hen blieben, so wird gehupt, das Auto ein wenig vorge­fahren, damit der andere vor­bei kann und dann wird weit­erge­plaud­ert.

Inzwis­chen kaufte ich noch Brot. Der Wind behagt mir nicht beson­ders. Der Mis­tral bläst seit Tagen kalten Wind aus Skan­di­navien und trotz Son­nen­schein frieren wir oft. Ich hätte nicht gedacht, soviel­mal Leute in Fließ­jack­en rum­laufen zu sehen. Aber windgeschützt kon­nte man die 17 Grad im Schat­ten, was in der Sonne doch viel mehr ist, genießen.

Gara­gen­verkauf ist zu Ende. Spät nach 10 Uhr Abend kommt Corinne’s Schwiegersohn und dessen Fre­und mit dem Laster zurück, mor­gen wird gepackt und die bei­den wer­den los­fahren. Corinne arbeit­et am Woch­enende bei einem Fes­ti­val der Natur in einem kleinen Örtchen auf­nahm Berg hin­ter Saint-Tropez.

Ps. Ich bin schon längst wieder in der Arbeit. Aber einiges ging mir noch durch den Kopf, einiges hat­te ich schon notiert, also ich schau mal. Wie lange es noch in meinem Hirn urlaub­smäs­sig rotiert.

Welches Leben will ich leben?

Ich weiß, es ist Urlaub und nicht mit nor­malem Leben zu ver­gle­ichen. Den­noch beginne ich mich inten­siv zu fra­gen, wie ich wirk­lich leben will und wie ich dieses Leben auch ver­wirk­lichen kön­nte. Es geht nicht darum, nichts zu tun, es geht darum, etwas sin­nvolles zu tun.

Seit ich unter­wegs bin, geht mir die Ver­mark­tung, die auf den soge­nan­nten sozialen Plat­tfor­men nicht aus dem Sinn. Muss ich mich wirk­lich verkaufen? ist es wirk­lich nor­mal einen Men­schen wie eine Ware anzupreisen?

Ein­er schreibt als Titel­bild: “mir hat auch kein­er gesagt, wie man Kap­i­tal­ist wird!” Und ich denke mir nur, ich will das nicht wis­sen. Schon gar nicht, dass mir ein­er erk­lärt, wie ich dazu werde. Ich will ein Men­sch sein und das ist irgend­wie gar nicht so leicht. Ich will doch nicht wis­sen, wie ich zu ein­er bes­timmten Schublade werde. Und es ist mir egal, ob diese Schublade viel Geld bringt oder nicht.

Ob es die 200-Zeichen­welt ist, der man sich mit­teilt, oder 500 Zeichen, bizarr ist bei­des. Teilt man sich hier mit? Wird hier nicht vielmehr ein Bild, ein Image, ent­wor­fen, ohne es vielle­icht zu wis­sen, ohne sich dessen bewusst zu sein, oder vielle­icht noch schlim­mer, ohne es zu wollen? Aus welchem Zweck soll ich diese Medi­en ver­wen­den? Geht es nicht ein­fach nur darum, was andere von mir denken sollen? Doch was geben ein paar Wörter schon von mir preis? Es ist doch nur eine Annäherung an das, was wir sind.

Und immer wieder muss ich daran denken, wieviele mein­er besten Fre­unde nichts davon benutzen. Also darf ich mich hin­set­zen und ihnen schreiben. Und sie schreiben mir. Oder ich besuche sie, wie jet­zt Corinne. Ihr Englisch ist nicht so gut. Aber wir sind miteinan­der inten­siv ver­bun­den.

Ein­mal las ich: “ich wün­sche den anderen das Dop­pelte von dem, was sie mir wün­schen” kam mir nicht in den Sinn, dass der­jenige davon sprach, dass andere ihm Gutes wün­scht­en. Nein, es war wie ein bös­er Fluch. Die anderen wün­schen mir bös­es und ihnen sei es mit dem dop­pel­ten ver­golten. Schlim­mer als “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, denn das sollte der Blu­tra­che Ein­halt gebi­eten. Es stimmte mich trau­rig. Was so zynisch und selb­stzufrieden dahin gesagt war, und ich kenne den­jeni­gen, der das sagte, gut genug, um es so zu deuten, tut mir weh. Welchem Zweck dient dieser Sarkas­mus?

Lustig ist, dass ich erkenne, dass ich mich nicht so wichtig nehme, dass sich jemand x‑beliebiger die Zeit nimmt, mir irgen­det­was zu wün­schen. Dafür bin ich mir sich­er, dass mir meine Fre­unde das Allerbeste wün­schen, so wie ich ihnen. Die anderen mögen mir verzei­hen, ich glaube, ich bin abso­lut egal für ihr Leben. Und wenn ich der Rede Wert bin, dann inter­essiert es mich eigentlich nicht. Was soll ich mit der Mei­n­ung mir fremder Men­schen anfan­gen, die mich entwed­er nicht mögen oder vielle­icht gar nicht ken­nen. Was soll ihre Mei­n­ung mir über mich aus­sagen?

Allein unter­wegs zu sein bedeutet auch, viel Zeit zu haben, über das, was mir begeg­net, was ich lese, nachzu­denken. In einem frem­den Land unter­wegs zu sein nochmal mehr. Und wenn ich die Sprache nicht spreche erst recht.

Sind mir die Blicke in Öster­re­ich wirk­lich so ver­traut, dass ich in ihnen Lesens kann? Klar weiß ich, dass ich hier in Frankre­ich auffiel, wenn ich in der Apparte­men­tan­lage unter­wegs war, wo son­st nur Paare und Fam­i­lien waren, doch war dies leichter auszuhal­ten, als jeden Tag allein in einem Hotel zu sein.

Oder bin ich mir vielle­icht der Indi­vid­u­al­ität so bewusst, dass mir sehr klar ist, dass ich nicht ein­er Gruppe zuge­hörig sein kann. Eine Gruppe ist dadurch gekennze­ich­net, dass sie sich von anderen unter­schei­det, sie tren­nt. Grup­pen sind definiert, was sie verbindet: Durch das, was wir arbeit­en, wo wir leben, ob am Land oder in der Stadt, wo wir herkom­men, was für Aus­bil­dung wir erhal­ten haben, wie wir unsere Freizeit ver­brin­gen, was für Hob­bys wir haben. Und es geht weit­er, was wir anziehen, welche Frisur wir haben, was wir essen, wie wir unseren Urlaub ver­brin­gen. Die Basis der Vorurteile.

Das alles weist uns ein­er Schublade zu. Je mehr wir mit dieser Box verbinden und je genauer wir es definieren, um so bess­er ist unser Vorurteil definiert. Diese Box­en wer­den dann miteinan­der verknüpft und fer­tig ist ein bes­timmtes Bild.

Kurz durchge­spielt, funk­tion­iert es ganz leicht an Hand von Berufen: ein Bib­lio­thekar ist … Ein Jour­nal­ist ist … Ein Kün­stler ist.… Oder Öster­re­ich­er, Deutsch­er, Fran­zose, das ganze noch weib­lich und die Vorurteile sprießen nur so her­aus.
Ich lade jeden ein, dieses Spiel für sich durchzus­pie­len. Da tun sich Wel­ten auf. Mit ein­er sim­plen Beze­ich­nung wird unglaublich viel ver­bun­den.

Also ist es ganz leicht, diesem Bild nicht zu entsprechen. Nur eine Eigen­schaft, die wir ganz eng damit verbinden und der­jenige fällt aus der Rei­he. Es sind keine Grup­pen, denen du wie einem Vere­in beitrittst, nein es ist die Struk­turierung, die wir als Vere­in­fachung unseres Lebens ver­wen­den. Sie ist zu ver­führerisch, um sie nicht zu benutzen. Sie ist auch notwendig, denn wenn alles immer neu und unge­wohnt ist, bedeutet es auch eine ständi­ge Aufmerk­samkeit, aber auch Anstren­gung und Aufre­gung. In einem gewis­sen Umfang ist das ganz wun­der­bar und fein, doch gibt es Gren­zen. Wenn du wie ein Men­sch, der an Alzheimer erkrankt ist, jeden Tag deinen Schlüs­sel aufs Neue suchst, dann wird es dich verzweifeln lassen.

Hier bin ich wieder an jen­em Punkt, wo ich immer bess­er ver­ste­he, was mit dem mit­tleren Weg der Bud­dhis­ten gemeint ist. Es ist nicht Schwarz oder Weiß. Ich mag es auch nicht wie Bil­ly Joel “shad­ows of grey” nen­nen, nein, es soll ein bunt wie ein Regen­bo­gen sein, alle Far­ben enthal­ten und dadurch jedes beliebige Bild entste­hen lassen, sei es ein lustiges oder ein trau­riges, ein stilles oder ein lautes. Und manch­mal wird es schwarz sein und manch­mal weiss. Es ist nicht nur ger­adeaus, aber auch nicht nur ver­winkelt. Es ist min­destens bei­des.

Das Leben enthält alles und wir Men­schen sind mehr, als uns klar ist. Was wir hier brauchen ist, die Ein­sicht, dass es mehr gibt. Diese Erken­nt­nis hil­ft uns offen­er zu sein und die Vari­a­tio­nen des Lebens zu sehen.

Kunst oder was?

Die Malereien, Zeich­nun­gen, Gravuren, Ritzun­gen, Bas­re­liefs, Reliefs beein­druck­en mich zu tief­st. Während viele vor sich hin philoso­phieren, was der Hin­ter­grund für diese Aus­drucks­for­men sei, bin ich noch beim Nach­denken, wie sie das über­haupt kon­nten.

Wenn ich an die Bilder in Le Toth denke, die Kinder anfer­tigten, dann ist jed­er­mann klar, so schaut es aus, wenn man begin­nt zu malen.

Aber so sehen diese prähis­torischen Bilder nicht aus. Es sind keine Bilder von Anfängern, das ist nicht das erste Mal, dass diese Men­schen hier zeich­neten oder mal­ten. Ich kann keines dieser Tiere so darstellen. Und nur weil ich etwas sehr lange beobachte, bin ich immer noch nicht fähig, es abzu­bilden. Das wäre ja so, wenn ich nur lange genug einem Opern­sänger zu höre, lange genug mitsinge, dann würde ich wie er. Nichts da! So ein­fach geht das ein­fach nicht.

Die Beobach­tung allein genügt nicht, um etwas wiederzugeben. Da muss geübt wer­den. Und zwar geduldig. Man kon­nte nicht ein­fach herge­hen und das Blatt Papi­er weg­w­er­fen, man kon­nte es auch nicht ein­fach aus­radieren. Ein­mal ger­itzt, für immer ger­itzt. Ein­mal hin gesprüht, für die Ewigkeit gesprüht.

Um mit einem Zug ein Mam­mut vom Schwanz bis zum Rüs­sel authen­tisch in eine Wand zu ritzen, reicht nicht der Entschluss es zu wollen, auch nicht, dass ich das Bild eines Mam­muts vor meinem inneren Auge sehe.

Diejeni­gen die diese Bilder fer­tigten, mussten vorher schon geübt haben. Geduldig und aus­dauernd. Da wären wir wieder bei Zeit und Muße. Waren sie so getrieben, wie wir heute? War die Jagd so zeitraubend, dass für nichts mehr Platz war? Wohl nicht. Es musste Zeit­en gegeben haben, wo anderes im Mit­telpunkt stand.

Waren es also Kün­stler?

Auch das ist bei genauer­er Betra­ch­tung unre­al­is­tisch. Seit wann sprechen wir denn von Kun­st? Aber waren es beson­ders begabte Men­schen? Das vielle­icht wohl. Men­schen, die eine beson­dere Begabung hat­ten und diese auch pflegten. Das heißt sie übten. Kun­st von Kön­nen. Vielle­icht außer­halb, an Stellen, die heute ver­wit­tert sind oder vielle­icht den näch­sten Regen und Schneefall nicht über­dauerten. Bis sie dann soweit waren, dass sie fin­ger­fer­tig genug waren und sie an beson­deren Stellen anbracht­en.

Auch wenn Ritzun­gen keine bild­hauerische Schw­er­star­beit waren, sie gezielt und genau durchzuführen, ohne viele Kor­rek­turen anzubrin­gen, ist etwas Beson­deres. Mit einem Stück Manganox­id mal schwungvoll einen Stein­bock zu zeich­nen, das soll mir mal jemand vor­ma­chen. Ich kann es nicht. Selb­st wenn ich ein Buch zeich­nen würde, käme es nicht wirk­lich überzeu­gend hinüber. Wie hat das jemand mal so schön gesagt, es ist mehr Aus­drucks­malerei oder Art brut.

Waren es Schama­nen?

Wer sich schon ein­mal mit schaman­is­ch­er Prax­is auseinan­der geset­zt hat, weiß, dass es ein­er lan­gen Schu­lung bedarf, bevor sie sich mit der Geis­ter­welt auseinan­der­set­zten. Ob das die richti­gen Gesänge, die wirkungsvollen Zer­e­monien, mit Trom­meln, Musik jeglich­er Art, schaus­pielerischen Dar­bi­etun­gen, Trance war. Auch hier ist es jahre­lange Prax­is, die einen erst zum Schama­nen macht. Und ich spreche hier noch nicht von den Geheimnis­sen der Kräuter. Denn dass sie davon wussten, glaube ich. Nicht umson­st hat­te Ötzi vor über 5000 Jahren den Pilz Birken­por­ling mit sich geführt, der eine antibi­o­tis­che Wirkung hat­te. Nicht alles was wir als Zauberei und Hum­bug klas­si­fizieren, war nur Show. Es hat­te auch Wirkung. So wie die Indi­an­er dur­chaus Mit­tel gegen Syphilis hat­ten. Nur weil wir nichts darüber wis­sen, heißt es nicht, dass es nichts gibt. Wenn wir heute groß von Place­bo sprechen, dann soll­ten wir vielle­icht von unseren Selb­s­theilungskräften sprechen. Die kön­nen wir aktivieren und helfen uns beim Gesundw­er­den, aber eben nicht nur. Ob es nun eine Geis­ter­welt gibt oder nicht, will ich hier nicht disku­tieren, aber dass die Seele Hil­festel­lun­gen annimmt, um wieder gesund zu wer­den, glaube ich. Auch wenn nicht alles mit natur­wis­senschaftlichen Meth­o­d­en erk­lär­bar ist, heißt es nicht, dass es diese Dinge nicht gibt. Vor nicht allzu langer Zeit war Mag­net­ismus ein solch­es unerk­lär­lich­es Phänomen. Egal ob Kräuter, Pilze oder mod­erne Medika­mente, sie unter­stützen uns, wenn unser Kör­p­er gesund wer­den will.

Ein Schamane ist also eben­so ein Spezial­ist, der beson­dere Fähigkeit­en hat. So wie ich glaube, dass es Ärzte gibt, die einen bess­er unter­stützen wieder gesund zu wer­den, wie andere. Denn Heilung ist mehr als nur ein Kraut.

Diese Gedanken führten mich zu Spezial­is­ten.

Während das Anfer­ti­gen von Stein­klin­gen und Beilen Fähigkeit­en waren, die jed­er beherrschen musste, weil son­st ein Über­leben nicht möglich war, kann ich mir dur­chaus vorstellen, dass für diese speziellen Auf­gaben wie das Anfer­ti­gen von Bild­nis­sen und Objek­ten, und der Kom­mu­nika­tion mit der anderen Welt, beson­dere Men­schen sich auser­wählt fühlten. In der Eth­nolo­gie habe ich immer wieder von Schama­nen gehört, die nicht begeis­tert waren, diesen Weg einzuschla­gen. Durch schwere Krankheit­en getrieben entsch­ieden sie sich dafür. Nicht immer ist das, was man kann, ein leichter Weg. Vielle­icht macht man es lieber, aber ein­fach­er muss es nicht sein.

Wenn also ein Men­sch, seine Fer­tigkeit ein Abbild eines Tieres anzufer­ti­gen, per­fek­tion­iert hat­te, kam ein ander­er Men­sch, der die Fähigkeit erlangt hat­te mit der anderen Welt zu kom­mu­nizieren, auf ihn zu und sie planten gemein­sam an einem Rit­u­al tief drin­nen in ein­er Höh­le zu arbeit­en. Nicht nur Kom­mu­nika­tion, son­dern auch die soziale Kom­pe­tenz dieser Men­schen gemein­sam etwas auszuführen, mag dahin­ter ges­tanden sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein­er allein sich dachte: Ach, heute geh ich mal ein paar hun­dert Meter tief in eine Höh­le und male ein Mam­mut, aber so dass es kein­er sieht und an ein­er beson­ders schwieri­gen Stelle, damit nur ich es sehen kann.

Für so ein schwieriges Unter­fan­gen braucht es Pla­nung und Zweck. Während die Bilder in den Abri oder Über­hän­gen und Wohn­höhlen aus anderen Grün­den ange­fer­tigt wur­den, ist es bei Höhlen, die nicht im alltäglichen Leben benutzt wur­den, ein anderes Ziel, das ver­fol­gt wurde.

Ich bin davon überzeugt, dass es rit­uelle Hand­lun­gen waren. Was sie genau bezweck­ten, ob sie nun die Tiergeis­ter beschworen oder andere Geis­ter zu Hil­fe riefen, ist reine Fan­tasie. Das wer­den wir nicht sagen kön­nen.

Als ich in Pech-Mer­le war, wurde mir bewusst, dass hier andere Men­schen die Abbil­dun­gen anfer­tigten. Viele Bilder waren abstrak­ter, enthiel­ten mehr Andeu­tun­gen als real­is­tis­che Darstel­lun­gen. Sie waren anders als weit­er nördlich im Val­lé de Vézére.

Jede der Höhlen, in denen ger­itzt, geze­ich­net, gemalt und gesprüht wurde, emp­fand ich anders. Es waren unter­schiedliche Emo­tio­nen, die in mir hochka­men. Es gibt nicht den einen Zweck, den sie erfüll­ten. Meinem Empfind­en nach waren sie unter­schiedlichen Zweck­en gewid­met. Ger­ade in Pech-Mer­le, das eine wun­der­bare Akkustik hat und her­rliche Säle bietet, kon­nte ich förm­lich die Trom­meln und Gesänge hören. In Les Cam­barelles, wo man nur auf allen vieren die Höh­le erobern kann, wird es still, ein heim­lich­es Zwiege­spräch mit der Geis­ter­welt bietet sich direkt an.

Aber es waren beson­dere Fähigkeit­en von beson­deren Men­schen, die nicht jedem zugänglich waren und nicht jed­er fähig war auszuführen. Und dass ich mich nicht alleine so tief in eine Höh­le vor­wa­gen würde, ste­ht noch auf einem ganz anderen Blatt. Mir war nicht bewusst, wie weit inner­halb sich viele dieser Bilder, Zeich­nun­gen und Gravuren sich befind­en. Mir ist nicht ein­mal klar, wie sie aus dem oft sehr verzweigten Höh­len­sys­tem wieder her­aus­fan­den, denn mein Ori­en­tierungssinn ist in unser­er mod­er­nen Zeit ein äußerst beschränk­ter, auch wenn ich nicht über­all das Navi brauche.

Und Spezial­is­ten hat­ten sie. Auch wenn wir heute nur an Hand der Abschläge der Stein­werkzeuge fest­stellen kön­nen, dass es Begabtere und weniger Begabte gab, so wird es welche gegeben haben, die gut kochen kon­nten, die gut jagen kon­nten, die bess­er Spuren lesen kon­nten als andere, die früher die Zeichen des Früh­lings lesen kon­nten, die Klei­dung bess­er anpassen und lan­glebiger anfer­ti­gen kon­nten. Es gab immer schon Unter­schiede zwis­chen Men­schen. Unter­schiede, die das Leben span­nend machen, die aufre­gend sind und erst zum Übel wer­den, sobald sie verurteilen. Nur zur Erin­nerung möchte ich ein­wer­fen, dass es Kul­turen gibt, wo Geis­teskrankheit­en als eine beson­dere Gabe gese­hen wer­den, die eine außergewöhn­liche Verbindung zu ein­er anderen Welt mit sich brin­gen. Schwarz-Weiß ist die Welt der Naiv­en, Shad­ows of Grey, jen­er der Ungläu­bi­gen, im Rege­bo­gen erstrahlt die Welt als Ganzes. Es ist eine Sache des Glaubens, wer dem wider­spricht, glaubt ein­fach nur an anderes. Denn wis­sen tun wir bei­de es nicht. Falsch denkt jen­er, der rechthaben will.

Wald — Steppe — Tundra — wie mag es hier vor 20.000 Jahren ausgesehen haben

Die Dor­dogne ist eine reizvolle Land­schaft. Neben den vie­len Eichen­bäu­men habe ich auch Kiefern gese­hen und auch einen Feigen­baum zeigte mir wie fre­undlich es hier ist.

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Doch wie sah es aus, als diese Höhlen Zen­tren — aus welchen Grün­den auch immer — wur­den? Wie ein­fach habe ich mir das alles vorgestellt und wie kom­pliziert ist das alles bei genauerem Hin­se­hen.

Die let­zte Eiszeit, die Würmeiszeit, dauerte 115.000 BP bis 10.000 BP. Wie schnell ist das hingeschrieben, bis ich dann genauer schaute und sehen müsste, dass es auch in dieser let­zten Kaltzeit wärmere Phasen gab. Wenn es nur kalt gewe­sen wäre, dann hätte ich schnell mal Tun­dra getippt. Steppe vielle­icht noch. Aber das war in den käl­teren Phasen, die auch trock­enere Zeit­en waren, da so viel Wass­er gebun­den war (jet­zt wird’s bei uns wärmer, also sollte es auch mehr reg­nen, tja nix mit Son­nen­schein jahrein, jahraus.). Der Tun­dra fol­gte der bore­ale Nadel­wald oder Taiga. Auch von Park­tun­dra mit vere­inzel­ten Baum­grup­pen ist die Rede.

Ich habe mich also auf die Suche begeben und geschaut, in welch­er Umge­bung jene Tiere lebten, die hier abge­bildet sind. Nach­dem ich zu fast allen Tieren nachgeschla­gen habe, notiert habe in welch­er Umge­bung sie lebten, stolperte ich zulet­zt auf die Mam­mut­steppe oder Step­pen­tun­dra. Warum nicht gle­ich?

Die Wikipedia schreibt dazu:

Die Land­schaft war nahezu baum­frei, zu den vorherrschen­den Pflanzenarten zählten Gräs­er, Ried­gräs­er, Kräuter, Zwerg-Birken und Polar-Wei­den. Häu­fig wird die Mam­mut­steppe auf­grund dieser Mis­chung mit der heuti­gen Tun­dra ver­glichen, stimmte aber nur bed­ingt übere­in. Tren­nende Merk­male sind vor allem die unter­schiedlichen Son­nen­stände und die damit ver­bun­de­nen Jahreszeitzyklen, die die Mam­mut­steppe mit ihren in weit­en Teilen vorherrschen­den Lichtver­hält­nis­sen der mit­tleren Bre­it­en von der nördlichen Tun­dra mit aus­geprägten Polar­som­mern und ‑win­tern abset­zt. Dadurch ent­stand eine arten- und vor allem nährstof­fre­iche Veg­e­ta­tion, zusät­zlich begün­stigt durch die auf­grund der nahen Gletsch­er auftre­tenden lang andauern­den Hochdruck­la­gen.

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Hier hat man im Laténe Muse­um eine kleine Fläche entsprechend der Tun­dra angelegt. Ich weiß nicht recht, ob das im Bild so auch klar wird.

Woll­haar­mam­mut (Mam­muthus prim­i­ge­nius), auch andere Großsäuger wie das Woll­nashorn (Coelodon­ta antiq­ui­tatis), der Moschu­sochse (Ovi­bos moscha­tus), das Ren (Rangifer taran­dus), die Saiga-Anti­lope (Saiga tatar­i­ca) aber auch der aus­gestor­bene Step­pen­bi­son (Bison priscus) und die eiszeitliche Wildpferdeun­ter­art Equ­us cabal­lus lenen­sis. Nicht gek­lärt ist, ob durch die Wei­deak­tiv­itäten dieser Mega­her­bi­voren diese spez­i­fis­che Land­schafts­form ent­stand und sie ver­schwand, nach­dem die Tiere ausstar­ben oder ob das Ver­schwinden dieser Land­schafts­form dazu führte, dass die typ­is­chen Großsäuger ausstar­ben.

Das passt nun auch, was ich zu Ren­tier und Stein­bock gefun­den habe.

Span­nend war dann noch der Ein­trag zum Höh­len­löwen:

Ihre Nahrung bestand vor allem aus größeren Huftieren der dama­li­gen Zeit, etwa Wildpfer­den, Hirschen, Wildrindern und Antilopen. In jung­pleis­tozä­nen Ablagerun­gen des Rheins von Hes­se­naue bei Darm­stadt wurde das Schien­bein eines Höh­len­löwen gefun­den, das trotz ein­er schw­eren Entzün­dung des Knochen­marks, die das Tier vorüberge­hend jag­dun­fähig machte, später wieder ver­heilt ist. Das Tier muss dem­nach noch län­gere Zeit mit dieser Behin­derung über­lebt haben. Das legt nahe, dass dieses Tier von Artgenossen an der Beute geduldet oder mit Fut­ter ver­sorgt wurde. Möglicher­weise war der Höh­len­löwe also ähn­lich wie heutige Löwen ein Rudelti­er.

Ich habe viel gele­sen und geschaut in let­zter Zeit und da wurde auch betont, wie sozial der frühe Men­sch (ich denke, es war der Nean­der­taler — Gott Lob bin ich kein Wis­senschaftler — der Wasser­stand der Donau tut es bei mir auch, denn ich schaue mir seit etlichen Aben­den alle möglichen Doku­men­ta­tio­nen über die Entwick­lung des Men­schen an, da wurde es irgend­wo erwäh­nt 🙂 war, als man einen Kopf eines älteren Men­schen fand, der 2 Jahre lang keine Zähne mehr hat­te, der also mitver­sorgt wurde (u.a. das Fleisch vorgekaut). Da musste ich an meine Mut­ter denken, die auch 2 Jahre lang püri­ertes Essen bekam.

Was bedeutet das nun alles?

Der Wald hier rund herum ist ein­er­seits sehr kusche­lig, aber ander­er­seits ver­liere ich jegliche Ori­en­tierung.

Man sieht ein­fach nicht weit. Außer­dem kon­nte ich mir nicht recht vorstellen, dass riesige Tier­her­den durch so dicht bewaldetes Gebi­et zogen. Viele der Tiere zogen jahreszeitlich bed­ingt durch das Land. Gehört hab ich das natür­lich von Ren oder den Bisons, bei den Pfer­den war ich mir da nicht so sich­er, aber bei denen war das auch der Fall. Selb­st der Stein­bock zieht bei uns in den Alpen rauf und runter.

Um das alles noch ver­wirren­der zu machen, hörte ich nun in ein­er Führung, dass Ren dur­chaus sta­tionär hier lebten, denn es wur­den Gewei­he von Weibchen und Män­nchen der Ren­tiere gefun­den und die wer­fen unter­schiedlich ihre Gewei­he ab. Im Früh­jahr Weibchen, im Herb­st Män­nchen und dann waren dann auch noch Jungtier­knochen. Also als es vernün­ftig kühl war (so wie es Ren­tiere für vernün­ftig hal­ten), zogen sie ein­fach hier ihre Run­den und ran­nten nicht wie blöd tausende Kilo­me­ter weit. Sie stell­ten 90% der tierischen Nahrung, von ihnen nutzte man, neben dem Fleisch, Knochen, Geweih und Fell. Tja, da gab’s nicht so viel Rest­müll wie bei uns.

Nach­dem ich nun nochmal darüber nach­dachte, entsprechen die Funde trotza­llem den Wan­derun­gen im Früh­jahr und Herb­st. Es ist nicht wirk­lich ein Zeichen von hier immer leben­den Tieren.

Diese Tiere waren also nicht per­ma­nent hier. Der Men­sch als Jäger und Samm­ler zog auch durch die Gegend, also viel Bewe­gung rund herum. Er soll außer­dem viel Klein­wild gejagt haben, von dem sieht man nichts in den Höhlen.

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Es war also eine Step­pen­land­schaft. Und zu bes­timmten Zeit­en zogen hier große Tiere durch. Zu den Lieblingsspeißen zählte Ren und Pferd, wenn man die Fund­plätze bei den Feuer­stellen betra­chtet. Das haben sie hier erzählt, als ich in den Höhlen zu Besuch war. Und die Wikipedia wider­spricht sich da, ein­mal hät­ten sie viele Woll­haar­mam­muts gegessen, ein­mal nicht (natür­lich an ander­er stelle). Genutzt ja, das Elfen­bein war cool, ein Kind hat man in einem Grab mit einem Schul­terblatt eines Mam­muts bedeckt. Die mas­sive Nutzung wie in Sibirien hat man hier aber nicht nachgewiesen. Die Abbil­dun­gen sind für mich zwar aufre­gend und wahrschein­lich für viele andere auch, aber es sind nur rund 7% aller Abbil­dun­gen der Frankokantabrische Höh­lenkun­st (so wird die Kun­st unser­er Altvorderen hier in Süd­frankre­ich und Spanien benan­nt). Und sie waren ein­fach beein­druck­ende Lebe­we­sen.

Ps. Abso­lut nichts zur Sache, aber weil ich es berührend fand, auch das Woll­haar­mam­mut hat­te Karies und Arthri­tis.