sommer des abschieds

ruth barbara lotter

bilderbuch für große


Die Zeit läuft und scheint kürzer zu werden,
Grund genug innezuhalten.
Gedankensplitter laden ein in der Zeitlosigkeit,
oder wie andere sie nennen,
der Ewigkeit, zu verharren.


leb wohl, du Sommer,
in dem ich noch einmal Kind sein durfte,
voller Vertrauen, ohne zu denken,
was das Morgen bringen wird.


wir haben den Morgen begrüßt,
mit dem Duft von frisch gepflücktem Lavendel
nass vom Morgentau.


dessen Berührung fordert unsere Körper auf
zurückzukommen,
während unsere Träume
Kinder der Nacht blieben. 


wir begrüßten die Sonne.
du standest abseits.
erst als sie erwacht war,
rollten wir uns in einander,
um ein wenig Schlaf zu finden.


ich werde niemals vergessen,
wie wir Hand in Hand
kreischend vor Aufregung
ins türkisblaue Nass sprangen.


wir baten die Sonne,
unsere salzigen Körper zu trocknen,
während wir den Tag vergessend dahindämmerten.


jetzt will ich nichts mehr kosten,
von all dem, was wir gegessen haben.
wie kann ich vergessen?


wir wollten Kinder sein.
und sind es gewesen.
wir haben gelacht und waren ernst.
wir haben die Welt um uns vergessen.
Zeit der Unschuld


ich hatte vergessen,
dass Kinder erwachsen werden.
eines Tages war es soweit,
ich bin aufgewacht und habe mich erinnert,
dass wir erwachsen sind.


plötzlich wurde mir klar,
es gibt kein zurück mehr.
ich habe Angst, mein Vertrauen zu verlieren
irgendwo zwischen Erde und Mond.


mir ist nicht klar,
ob wir es schaffen werden,
unsere Unschuld zu bewahren
und reif zu sein.


wird das Vertrauen, das uns begleitete,
reichen für die Welt der Erwachsenen?
schon jetzt überkommt mich die Sehnsucht
und ich will zurück.


jetzt bin ich leer
und weiß nichts.


saugt deine Fantasie die Fülle meiner Liebe auf?
verlieren meine Gefühle ihre Wahrheit
wegen unseres Mangels an Realität?
lebten wir unser Leben in einem Traum?


ich will nicht, dass meine Gefühle verschwinden.
nur weiß ich nicht, wie ich es stoppen soll.
ich möchte schreien, toben und um mich schlagen,
nur um diesen Moment aufzuhalten.


habe deine Worte gehört
und wollte nicht glauben, dass sie wahr sind.
jetzt werden deine Worte der Liebe so klein,
 eingesperrt in eine kleine Schneekugel.


jede Nacht, die vorüber geht,
ist voll von Schmerz.
dennoch bringt sie mehr und mehr Ruhe.
es gibt nichts für mich, an dem ich mich festhalte.
aber alles, um frei zu sein.


ich kenne den Weg zurück nicht.
ich weiß nur, dass es immer vorwärts geht,
denn unsere Bestimmung ist es zu wachsen.


ich war gefangen in unserem Traum.
ich bekam Angst.
denn ich wusste nicht,
wie ich eine Frau werden könnte.


es gibt nichts, was ich tun kann.
unsere vergangene Welt ist geschlossen.
die neue ruht noch im Geheimen.


ich verstehe nicht,
was deine Worte bedeuten.
mein Geist kann ihnen folgen,
aber meine Seele hört nicht auf,
nach Einsicht zu rufen.


ich habe keine Möglichkeit,
meine Einsamkeit zu verstecken.
meine Freunde sind noch immer hier.
aber sie können mir nicht helfen,
denn ich ließ dich zu nah heran.


ich war nicht darauf vorbereitet,
dass am Tag, an dem du sagtest,
du liebst mich,
die Realität mich einfing.


wie kann ich erklären,
dass ich dich jetzt liebe
und nicht weiß, was das Morgen bringt.
ich wollte nur eine Tür öffnen.


Ich möchte lieben mit allem,
was ich habe und was ich bin.
es tut mir leid,
dass ich von unserem Kindertraum aufgewacht bin.
ich habe dir erzählt,
dass ich es wage zu leben.


© 2019 words & photos by ruth barbara lotter