Sprache ohne Worte

Ich möchte jeden Flecken deines Körpers entdecken.
Und es ist egal, wie verbraucht, verletzt oder verdreckt er ist.
Ich will nur wissen, was meine Berührung mit dir an genau diesem Quadratzentimeter macht.
Ich will wissen, was du bist.
Ich will mit dir entdecken.
Ich will eine Suche nach Orten beginnen, von denen wir beide nichts ahnen.
Eine Sprache lernen, deren Worte Berührungen sind.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Weißt du, was Liebe ist?

Wir reden so viel über sie,
aber was ist sie wirklich?
Ist sie klar und einfach ohne viele Worte?
Manchmal denke ich mir,
wenn wir von Gefühlen reden,
stimmt vielleicht gerade mal die Richtung,
in die zwei schauen.
Bedeutet es, auf dem gleichen Weg zu sein,
oder gar am gleichen Ziel anzukommen?

Wir verwenden Wörter und wissen nicht, was sie dem anderen bedeuten. Die Konzepte unterscheiden sich. Wir sprechen von Dingen, Ideen und Träumen und manchmal meinen wir etwas ganz anderes. Wir reden an einander vorbei und wundern uns, dass das Gegenüber uns nicht versteht.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Leben ist der Versuch, Erfahrungen zu machen

Menschsein ist nur eine Form für weitere Lektionen. Nicht wichtiger und nicht wesentlicher als das Entstehen eines Berges, das Leben einer Ameise oder eines Baums oder des Staubs unter meinem Tisch. Nichts ist wichtiger oder unwichtiger. Es ist die Manifestation von allem. Dazu brauche ich nicht werten.

Alles, was ich, Marie, erlebe, dient dazu, alles zu versuchen, zu testen, zu erfahren.

Deshalb gibt es Gut und Böse.

Dazu braucht es keine Rache.

Kein Jüngstes Gericht.

Wir machen sichtbar, was es gibt.

 

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Wir hatten einen guten letzten Tag

An diesem letzten gemeinsamen Tag meiner Mutter brachte ich eine Aufnahme einer Messe mit und betete einen Rosenkranz an ihrer statt. Sie betete immer, wenn sie nicht mehr ein und aus wusste. Wenn sie nicht schlafen konnte, wenn sie die Schmerzen nicht mehr aushielt, wenn sie verzweifelt war. Früher schon und dann noch immer. Wenn sie Wörter suchte, konnte ich an ihrem Singsang erkennen, dass es noch immer das „Gegrüßt seist du, Maria“ war, und ich sprach die Worte laut für sie. Ich musste daran denken, dass ich kein solches Mantra besitze. Sie hat zu Maria gebetet, seit ich denken kann. Und als nichts mehr war, war immer noch das Gebet. Am Abend, als ich ging, schlief sie ruhig ein. 

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Ich will dich lieben

Denn nichts ist schöner, als dich zu lieben.

Und ich will dich lieben, wenn ich mich über deine Bartstoppeln ärgere,

lieben, wenn du den Freund triffst, den ich nicht mag.

Ich liebe dich, wenn du jeden Tag Fleisch essen willst und es mich graut.

Ich weiß nicht, ob ich ständiges Maulen aushalte, Beschwerden über dies und das: Die Telefongesellschaft, die U-Bahn, die Nachbarn, Dummheit der Menschen und überhaupt.

Kultivierung von übler Laune bleibt üble Laune. Selbst wenn du es in schlechte Witze packst, über die andere lachen. Ich konnte da nie gut mitlachen. Zum Auslachen fehlt mir, glaube ich, das richtige Gen. Ich mag das nicht. Denn es vergiftet auch meine Seele. Lach mit mir, wenn ich mich auslache, und vielleicht darf ich mit dir lachen, wenn du über dich selbst lachen willst.

Aber ich will dich auch lieben,

wenn wir gemeinsam am Ozean spazieren

und die Gischt Haut und Haare mit Salz überzieht.

Ich will dich lieben,

wenn wir an einem Ort sind,

der der Milchstraße erlaubt zu leuchten.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

plötzlich wäre ich wieder tot

Ich bin es,

die mich interessiert,

ich bin es,

von der ich wissen will,

was sie wieder treiben könnte.

Egal, wie viel und wie oft ich von anderen rede.

Sie helfen mir, mich zu verstehen.

Ich weiß, wozu ich im Stande bin.

Ich habe mich selbst vergessen.

Und es ist mir nicht aufgefallen.

Das stimmt nicht,

ich hatte nicht die geringste Idee,

wie ich es anders hätte machen können.

Ich hatte nicht das Gefühl,

dass die Welt mir offen steht,

sie bot mir einiges.

Aber mit Freiheit,

wie ich sie heute lebe,

hatte es nichts zu tun.

Davor habe ich Angst.

Wenn sich geistige Enge unauffällig wie Kohlendioxid in mein Leben schleicht,

ein unbrennbares, unsichtbares und nicht riechendes Gas,

und plötzlich bin ich wieder tot.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Ich habe Angst

Die Erkenntnis meiner Fähigkeit, mich selbst so aufzugeben, macht mich vorsichtig. Ich weiß nicht, wie mein neues Leben mit dir aussieht, nicht vor dir, sondern vor mir fürchte ich mich. Während andere laufend erklären, wie andere zu sein hätten, schweige ich lieber. Ich kenne diese Verwirrung, ich verstehe die Ohnmacht.

Schwäche ist mir vertraut.

Werde ich mich wieder vergessen?

Ich hätte dich so gerne bei mir!

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Im Nachhinein ist alles so einfach

Jetzt,

wo ich alles in Worte fassen kann,

wo alles seinen Rahmen bekommt.

Ich habe die einzelnen Pfeile herausgezogen,

die Wunden gepflegt.

Es waren spitzen Nadeln,

die in mich eindrangen,

kein Großflächenbrand.

So dünn wie Akupunkturnadeln.

Ein kurzer Stich und dann vergaß ich sie.

Doch sie machten was mit mir.

Sie trafen meine Energiebahnen.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Prinzessinnen-Augen

Stecke ich in mir,

bin ich ganz bei mir,

betrachte ich es nur aus meiner Perspektive,

ergibt vieles keinen Sinn.

Ich mag den anderen und der haut auf mich ein wie der Kasperl auf das Krokodil.

Und ich habe nur große blaue Augen.

Prinzessinnenaugen, die nie etwas Böses gesehen haben.

Bin ich dieser kleine Stöpsel,

der zwar nichts versteht,

kann ich trotzdem oder vielleicht erst recht die Emotionen des anderen spüren.

Doch im Mitleid ergeben,

vergesse ich, mich zu wehren,

wenn es gut für mich wäre.

Wenn ich in dem Theaterstück,

meinem Leben,

kurz mal nicht mitspiele,

gelingt es mir,

angemessen zu reagieren.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Mit dir bis ans Ende des Universums träumen!

Lass mich dich lieben,

mit Erdbeeren und Schlagsahne nach dir werfen,

albern und kichern, die Sahne von dir schlecken,

und die Erdbeeren suchen,

eine Polsterschlacht mit dir kämpfen,

mit unseren Freunden lachen,

traumhafte Nächte mit dir verbringen

und selig in deinen Armen wegdämmern.

Lass mich dich mit Küssen überschwemmen!

Oder du mich!

Oder nur umarmen!

Oder nur schauen!

Oder nur berühren!

Oder nur kosten!

Oder in deinen Augen ertrinken!

Von deinem Duft betäubt sein!

Immer nur küssen!

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie