Dreißig Jahre später

Uralte Gefühle ließen einen eiskalten Schauer über ihren ganzen Körper laufen.

Jahrzehnte alte nackte Wut über die Ignoranz Michaels brach hervor. Vor dreißig Jahren hatte sie weinend seine Nichte in den Schlaf geschaukelt. Die Kleine kannte sie nicht gut und als sie mitten in der Nacht aufwachte und sich mit ihr, einer fremden Frau, wiederfand, heulte sie los. Maria versuchte alles, was ihr gesagt worden war, frische Windeln, ein Fläschen zum Trinken, in den Arm nehmen, auf und abgehen, ein Lied singen, doch erst die Stimme ihres Mannes, die so sehr der Stimme seines Bruders, des Vaters der Kleinen, glich, schaffte es, das Baby zu beruhigen. Nachdem er 2 Minuten beruhigend auf sie einsprach, wurde ihm langweilig und er begann Schäfchen zu zählen. Eins, zwei, drei, vier… Als er zwanzig erreichte, begann sie wieder zu weinen. Das monotone Zählen war keine Geschichte, das war ein automatisches distanziertes Gebrabbel und das winzige Mädchen wusste es. Ein kleiner Erdenbewohner spürt, wenn es nicht ernst genommen wird. Also stand Maria wieder auf, denn Michael las unbeeindruckt den begonnenen Artikel weiter. Sie hielt die Kleine im Arm und sang Gute-Nacht-Lieder, während sie versuchte, ihr Schluchzen zu unterdrücken. Es war drei Uhr früh. Michael schlief leise schnarchend, während sie und die Kleine leise weinend warteten, dass die Eltern noch vor Morgengrauen heimkamen. Diese Nacht war lang.

Das war lange her und sie hatte Michael nie wieder vertraut. Sie hatte Angst, mit ihm gemeinsam ein Kind groß zu ziehen. Diese Geschichte war vergessen. Sie war schon lange geschieden, sie konnte keine Kinder mehr bekommen, auch damit hatte sie abgeschlossen. Doch heute hatte sie mit ihm telefoniert und er hatte erzählt, wie er seinen Sohn in den Schlaf gesungen hatte und meinte, was für ein wunderbarer Vater er sei.

Als Tränen ihre Augen verschleierten, wusste sie zuerst nicht warum, bis sie ihre Wut zu spüren begann. Er war immer gut, wenn es darum ging sich auf die Schulter zu klopfen, während er ihr noch immer sagte, welche Fehler sie gemacht hatte. Es war Zeit.

Amerika

So schnell flog ich noch nie über den Atlantik und wenn mir jemand gesagt hätte, wie herrlich ich mich unterhalten würde, hätte ich vielleicht genickt, besonders aufregend hätte ich es nicht gefunden. Ich hatte mich schon öfter gut unterhalten, aber wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mich wunderbar amüsieren, weil ich neben einer Frau mit Burka sitze, hätte ich zu zweifeln begonnen. Inzwischen weiß ich auch, dass es ein Niqab ist, den sie trug, ich sah ihre lebendigen Augen und erst später die Cowboystiefeln, die unter ihrem schwarzen Körperschleier hervorlugten.

Maureen mit irischen, kroatischen, böhmischen Wurzeln ist eine selbstbewusste, offene, herzliche Frau, die eine Niqab trägt. Und Maureen ist keine Frau, die irgendetwas mit sich machen lässt. Ein seltsames Gefühl sich seinen eigenen Vorurteilen stellen zu müssen. Zuerst glaubte ich, mich nicht erinnern zu können, jemals eine Frau mit einem Gesichtsschleier bewusst gesehen zu haben. Aber es ist noch gar nicht lange her, da fuhr ich in der U-Bahn und sah eine und ich weiß auch noch, dass, ich mich fragte, wie es ist, so etwas zu tragen.

Sie fiel mir schon auf, als wir in den Flieger eincheckten, wo sie sich deutlich gegen die „besondere“ Behandlung wehrte, die ihr auf Grund ihrer Kleidung zukam.

Im Nachhinein stelle ich fest, es gibt noch so vieles, was ich sie fragen hätte wollen. Die Zeit verging sprichwörtlich wie im Flug. Es waren mehr unsere Gemeinsamkeiten, die mich in den Bann zogen. Ihre Bekleidung wurde Nebensache, auch wenn mich ihr Faible für Dr. Martens und Cowboystiefel amüsiert. Da ist unser Wunsch, mit Menschen zu kommunizieren, unsere Freude mit alten und sterbenden Menschen zu arbeiten. Aber auch die Sehnsucht nach einem spirituellem Leben. Sie ist fast genau 2 Jahre jünger und hat 5 Kinder, ihr Mann ist Ägypter und nachdem er jahrelang zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA pendelte, entschlossen sie sich mit den Kindern dorthin zu ziehen. Natürlich sah ich die Bilder der gesamten Familie und selbstverständlich wurden die Kinder gefragt, ob sie mitkommen wollen.

Wir lachten und weinten gemeinsam, tuschelten und wurden laut, so vertraut, dass uns eine Sitznachbarin fragte, wie lange wir uns kennen würden.

Muslimin in den USA. Kein leichtes Los. Und nochmehr: eine Muslimin, die dazu steht und zwar so, dass es jeder sieht. Immer nur hörte ich, das Frauen dazu gezwungen wäre, sich so zu kleiden. Bestenfalls dachte ich, dass sie eine Scheu hätten, sich dem Druck der Gesellschaft, der sie angehören, zu stellen. Ich konnte mir nicht vorstellen, sich freiwillig so zu kleiden. Maureen ist anders.  Sie hat verdammt viel Selbstvertrauen und streiten möchte ich nicht mit ihr. Eine Scheibe ihres Selbstbewusstseins wäre gut für jede Frau. Mit ihren irischen Wurzeln war sie natürlich katholisch und in jungen Jahren ein Hippie und kannte auch Magic Mushrooms. Es war die Spiritualität der Native Americans mit der Belebtheit von Pflanzen und Steinen, der ganzen Natur, die sie berührte und diese fand sie dann auch im Koran. Ich habe das nicht gewusst.

Dass in der Schöpfung Gottes alles Lebendige und Nichtlebendige gleichberechtigt nebeneinander steht, berührt mich. Nicht dieses „Macht euch die Erde untertan„, das zu Respektlosigkeit und Ausbeutung gegenüber allem, was nicht der Krone der Schöpfung entspricht (und nicht mal der bringen wir die notwendige Achtung entgegen), geführt hat.

Vorurteil, Halloooo! Eigentlich sollte man ausrufen: Radikale aller Religionen vereinigt euch! Ich brauche sie alle zusammen nicht. Ohne Toleranz interessiert mich kein anderer Glaube, denn dort finde ich keinen Platz, dort ist kein Raum für mich.

Es war nun das zweite mal, dass ich mit einer Muslimin zufällig reiste. Und ich mag diese Vertrautheit, die beide Male entstand. Es waren beide Male Frauen, bei denen eine gewisse Intimität einfach durch das Frausein entstand.

Wir im westlichen Kulturkreis tauschten Nähe ein gegen eine gewisse Distanz, gleichberechtigt, egal, ob wir einem Mann oder Frau gegenüber treten, ein. Wir vertrauen einfach nicht mehr so leicht, wir sind vorsichtiger, misstrauischer geworden. Wann ist dieser Abstand wichtig geworden? Ich verallgemeinere schon wieder, wie dumm. Ich spüre Nähe und manchmal frage ich mich, ob es gerade diese Zufälligkeit ist, dieses kurze Zusammentreffen, das gleich wieder verfällt, die einen so schutzlos einem anderen ausgeliefert sein lässt. Der andere bekommt nie die Chance, die Verletzlichkeit des anderen zum persönlichen Gewinn auszunützen. Nun ich kann es testen, ich habe eine Einladung nach Abu Dhabi. Wir hatten uns so gut unterhalten, dass wir gefragt wurden, ob wir uns schon lange kennen. Emails tauschten wir aus. Und bevor sich unsere Wege trennten, sie in der Schlange für Amerikaner, ich in der aller anderen, umarmten wir uns noch ganz fest. Sie war unterwegs nach Arizona, ihrer böhmischen Großmutter ging es nicht mehr so gut. Sie war siebenundneunzig.

Und es ist wieder einmal der Beweis, dass alleine reisen viel aufregender ist. Mit jemanden an meiner Seite, wäre niemand Fremder neben mir gesessen, ich hätte nicht zu quatschen begonnen, ich hätte wieder versäumt, etwas über andere zu lernen. Noch viel weniger hätte ich mich vermutlich neben eine vollverschleierte Frau gesetzt. Das Schicksal meint es gut mit mir. Ich darf lernen. Ich will das alleine reisen nicht missen. Ich habe keine besonderen Menschen getroffen, weil ich besonders bin, sondern weil überall besondere Menschen herumlaufen. Dazu müssen nur die Augen geöffnet sein und der Wille, den anderen auch wahrzunehmen. Das reicht.

ps. Ein Jahr später: Wir schreiben uns noch, nicht oft, das Schreiben ist nicht ihres. Wir vermissen uns.

Reflux

Ich bin immer schon negativ aufgefallen, als ich bohrte und fragte und wissen wollte, wer DU denn bist. Ich wollte nicht einmal eine schnelle Antwort, mir reichte ein Überübermorgen. Und nicht einmal das musste sein. Ich teile meine persönlichen Bemühungen, meine ganz privaten Überlegungen. Ob ein anderer so nachdenken möchte, ist dessen Entscheidung.  Einmal sagte eine Freundin: „Ich möchte dich nicht mehr sehen, deine Reflexionen machen mir ein schlechtes Gewissen.“ Reflux – es stößt etwas auf.

Es waren Rückschauen auf mich, nicht über sie. Und sie wollte nicht über sich nachdenken, doch meine Gedanken klopften bei ihr an. Das wollte sie nicht. Ich glaube, sie war nicht die einzige. Nur andere waren nicht so mutig wie sie. Die sagten zwar, es sei ihnen zuviel. Und ich hörte auf, ihnen über mich zu schreiben und fragte nur, ob sie Zeit hätten mich zu sehen, auf ein Plauscherl im Kaffeehaus. Nie wieder hatten sie Zeit für mich.

Heute bin ich ohne Versenkung in mein Handeln, vor und zurück, nicht mehr denkbar. Lange war es anders, da spielte ich nachdenken. Ich spielte viel, unbewußt. Jetzt weiß ich das. Denn es fließt zurück zu mir, wenn ich verdränge. Manchmal dauert es Monate, auch Jahre, bis ich das Spiel erkenne, aber ich schaue meiner Angst ins Gesicht. Immer wieder. Je geübter ich werde, desto weniger Sodbrennen habe ich.

Biedermänner

Es gibt Menschen, die glauben, das Leben spielt sich im geschriebenen Wort ab. Denn dort sind sie revolutionär, da bewegen sie, da rufen sie auf, da sind sie Veränderer, Rebellen und Revolutionäre.

Doch lüftet man den Vorhang, dann kommt ein biederer, gewöhnlicher Mensch heraus, der an anderen herumnörgelt, alles besser weiß und nichts besser macht. Der sucht nach Bewegungen, großen Mustern, ob es die alte Linke, die noch älteren Reaktionäre, oder auch die neuen Selbständigen sind. Alles wird schubladisiert. Und er selbst, erkennt nicht, dass er nur in der Schublade des Schwaflers sitzt.

Es ist eine adrette Falle, sich über andere lustig zu machen, in einer Art und Weise, dass zuletzt der Zeigefinger nackt auf einen selbst zeigt. Er fragt schon mal in fremden Lande, wie die Stimmung so sei unterm Volke. Und begreift nicht, dass der soeben Gefragte auf Bilder zurückgreift, die Menschen, wie er selbst, entworfen hat. Da kann Panik sein, da kann Freude sein, Wahrheit ist etwas anderes. Dazu sind wir zuviele, zu Unterschiedliche.

Wer von anderen beachtet wird, aus welchen Gründen auch immer, kann nun was sagen, wen er gefragt wurde und auch was sagen, wenn er nicht gefragt wird. Doch hören tun wir es nur, wenn darüber berichtet wird. Nur wer ist berechtigt, zu bestimmen, wer etwas sagen darf oder nicht. Dann kommt ein Schubladen-Journalist und schließt von einer Rede einer Person, über deren Qualität ich nichts sagen will, auf eine gesamte Berufsgruppe. Wie platt.

Wie mir vor diesen Schubladen graut.

Die sagen mal zu Künstlern Bilde, Künstler, und rede nicht so viel Blech! wie Tilman Krause. Als ob die Schublade „Künstler“ zu blöd zum Denken sei. Herr Krause meint, Künstler sind doof und sollen den Mund halten. Wie schön wäre die Welt, wenn Künstler die Einzigen wären, die Blech reden. Leider spricht nicht nur ein Mensch viel Schwachsinn und auch nicht eine bestimmte Gruppe von Menschen. Wie immer ist es differenzierter. Schwachsinn ist zu kritisieren. Nicht der Mensch, sondern das Blech.

Dieses Gleichgewicht scheint heutzutage arg aus der Balance zu kommen. Denn so gedacht, wäre der Journalist das Gelbe vom Ei. Wenn dem doch so wäre, wie schön. Und doch reden auch sie viel Blech. Und dieses Blech sei auch kritisiert. Denn diese Menschen sind dieselben, die die anderen (und so auch Künstler) fragen, was sie denn denken. Spricht nun, wer auch immer Blech, sind es Journalisten, die es anstatt als Altmetall zu entsorgen, es wieder ins Feuer geben, um es neu zu hämmern. Ganze Menschengruppen werden zu Idioten. Ausgrenzung, das gab’s schon mal. Und es fällt niemandem auf. Beifall wird aus allen möglichen Ecken geklatscht. Der Künstler soll Kunst machen, zu allem anderen ist er unfähig.

Ich habe die Rede, um die es da ging, nicht gelesen. Ich hätte von ihr nicht einmal erfahren, wenn andere – nämlich Journalisten – nicht darüber gesprochen hätten. Aber das Maul verbieten, löst bei mir zunächst Beklemmung aus und dann werde ich zornig. Wir hatten so etwas schon mal.

Seit ich nun auf Maulverbieten schaue, sehe ich es links und rechts und oben und unten immer wieder aufblitzen, wenn einer wieder mal, einem anderen das Maul verbietet. Das passiert öfter, als ich dachte. Meist sind die gleichen Leute, die dann rufen: Denkt mal, Leute!

Nicht von anderen verlangen, dass sie denken sollen, und dann das Maul verbieten. Es ist noch viel schlimmer, denn einer gesamten Gruppe von Menschen wird gesagt, dass sie nicht fähig sind zu denken, ist eine Frechheit. Er sagt quasi mir, dass ich ein Volltrottel bin. Wenn er es mir ins Gesicht sagen würde, wenn er Manns genug wäre zu sagen, Frau Taler, das ist Schwachsinn. Nur, das glaube ich nicht.

Kann so jemand glauben, dass Menschen überhaupt denken können, entscheiden können? Nein, das geht nicht. Ich kann nicht sagen, die sind blöd und dann noch glauben, der Mensch sei prinzipiell zum Denken fähig. Das geht nicht zusammen. Das ist ein Widerspruch. Lasst doch die Leser selber denken und das Blech selbst entsorgen, wenn Journalisten glauben, davon berichten zu müssen.

Wie leben diese getarnten Biedermänner ihr Leben? Sind sie tatsächlich revolutionär, oder behandeln sie dich so, wie sie es von klein auf gelernt hatten, ganz altmodisch, die Muster der Kindheit verfolgend. Haben sie ihr Leben umgedreht? Oder schreiben sie und schreiben sie und schreiben sie. Wer so spricht, erobert sich nicht meinen Respekt.

Schreiben allein ist nicht klug, Schreiben allein ist nicht revolutionär, Schreiben alleine ist Schreiben. Nicht mehr, nicht weniger.Und wenn die Worte so verzaubern, dass sie unendlich klug klingen, sind sie doch die Worte eines Zauberers und die wollen entzaubert werden.

Leben, Tun, Atmen, da findet Revolution statt. Wie gehe ich mit anderen um? Wie achte ich andere, die nicht meiner Meinung sind, die nicht die Musik mögen, die ich mag, die arbeiten, wie ich es nicht aushalte, die leben, wie ich niemals leben möchte. Sie sollen da alles machen dürfen, denn ich will auch alles machen dürfen, solange es andere nicht verletzt. Und glauben Sie mir, wenn ich blaues Haar hätte, würde keiner sterben daran, auch wenn sie sich noch so aufregen. Wahre Verletzungen sehen anders aus.

Wenn ich über die Schreiber lästere, weiß ich, wovon ich rede, schwafle ich selbst gerade vor mich hin.

Frühjahrsputz

Vor mir stehen etliche Kisten mit Briefen, Tagebüchern, Notizen. Ich habe sie geordnet, 2 Tage lang, und gelesen vielleicht 10%. Einiges trieb mir die Tränen in die Augen, aber ich bekam auch meine schönsten Geschenke zu sehen: Liebesbriefe an mich.

Gelassenheit ist wirklich ein Geschenk des Alters. Fragte ich früher: „war das alles?“, geht es heute, nur um das Bewegendste, Berührendste. Ich brauch keine hunderten Liebesbriefe, sondern nur den richtigen. Und ich verstehe heute endlich, warum mir der eine so im Herzen blieb.Lotus

„Ich denke an ein verstrubbeltes, legeres, hintergründiges, strahlendes, schimmerndes, verzwicktes, verdrehtes, perlendes, blumiges, klingendes, lachendes, hübsches, blauäugiges, originelles, frisches, tanzendes, hüpfendes, lesendes, brillantes, mit Flittern übersätes Mädchen namens Elisabeth, das ich gern habe, auch wenn ich mich manchmal nicht traue es zu zeigen.

Alles Schöne und Gute wünscht Dir Paul, der froh ist, dich zu kennen.

P.S. Du bist ein wunderbarer Mensch. Du bist O.K.“

Es waren nicht viele Briefe, aber die gingen ohne kleinste Umwege direkt in mein Innerstes:

„Ich möchte, und so glaube ich auch Du, ausbrechen aus dem üblichen Trott, sei es in der Schule, Arbeit, in Beziehungen zu Freunden, und, was viel, viel wichtiger ist, wir möchten ändern und erneuern. Das ist sicher keine schlechte Entwicklung, auch wenn es uns oft sehr schwer fällt und wir oft genug daran sind, zu kapitulieren. Der Mensch braucht eine Portion Wahnsinn, damit er den Mut hat, auszubrechen, um Lebens- und Liebenswertes auf die Welt zu bringen.“

Der spricht von mir, von uns, von dem, was uns verbindet. Er spricht von Hoffnungen und Träumen (und er spricht noch heute davon, auch wenn er sie zu leben nicht wagte und immer vermisste). Den kann ich jahrzehntelang nicht hören und er schreibt und meine Knie sind immer noch weich. Was hätten wir doch tun können. Wir wagten es nicht. Und heute? Nein ich will ihn nicht wegreißen von seiner Frau und seinen Töchtern. Auch wenn mein Herz lauter pumpert als jeder Hubschrauber über meinem Kopf, wenn unsere Seelen miteinander sprechen. Ganz leise flüstern sie vom Wahren, vom Wichtigen, von dem, was die Welt zusammenhält.

Statt dessen wählte ich den Wörterzauberer, der mit Wörtern jonglierte und mich nicht sah. Ich wurde austauschbar mit jeder Frau.

„Was ich alles hätte werden können, wäre ich nicht das geworden, was ich bin für dich.

Wäre ich sportlicher gewesen, ich hätte Pilot werden können mit meinem Blick für die Landschaft und meinen fast tauben Ohren.

Wäre ich schlanker geworden, ich hätte Rocknrollsänger werden können mit meiner Angst, die mir so im Nacken sitzt.

Wäre ich als Kind reicher Eltern geboren worden, ich hätte dir ein Flugzeug kaufen können, jenes von dem ich dir schrieb vor der Zeit.
Halsüberkopfakrobat hätte ich werden können
oder
Märchenerzähler
oder
dramatischer Liebhaber
oder
Fernschreiber in Alaska
oder
Archäologe in entfernterer Geographie.

Aber ich bin das geworden, was ich geworden bin, und bin das geworden, was ich sein wollte, und das bin ich jetzt für dich und kann an nichts mehr denken als: ich bin es für dich geworden. Ich will es für dich sein. (Und meine Angst vor Berührungen, die sich löst wie unter der Sonne, deiner) und wenn ich schreibe ES TUT MIR WEH, DICH NICHT ZU SPÜREN, das tut weh.

Verrückt bin ich und an Mauern stehen Telefonnummern verbotener Schönheiten, die ich nicht begehren kann, nach dir, dem Paradies, dass das andauert, ich kann es nicht verlassen, ohne zugrunde zu gehen.

Und die Angst, dass du mich verlässt, ist schon ein Zugrundegehen. Meine Ängstlichkeit vor schönen Männern, die sitzt tief, so tief wie ich tief liebe. Dass es dich gibt, ist ein Geschenk, wie ich dich liebe, vom ersten Dichsehen bis zum letzten Buchstaben dieses Papiers, der folgenden Papiere.

Ich kann dir nichts bieten als meine Hässlichkeit, aber ich kann dir immer wieder zeigen, wie sehr ich dich liebe, du mein Herz, meine einzige Frau.

Ich liebe dich.“

Kein „ich sehe dich“, da ist kein „Wir“. Es ist blanke Bewunderung. Sie machte mir Angst. Nackt fühlte ich mich, durchschaut, gläsern und es verunsicherte mich, nicht mehr wissend, wer ich bin, denn da war jemand, der um mich wusste. Wusste, was ich begehre. Und ich wusste nicht mehr, wer ich bin, da ganz tief drinnen. Und es gab niemanden, der sah, was ich verloren hatte. Ich wurde beamtete Ehefrau.  

Ich erkannte nicht, das Bewunderung Distanz errichtete zwischen uns. Denn da war kein „wir“, kein wohin geht dein Streben, unser Streben. Kein, ich versuche dir den Weg zu deinen Sternen zu weisen. Und der Raum zwischen uns fühlte sich irgendwann an wie Verachtung und ich wurde ersetzt mit der nächsten Prinzessin. Wie traf mich das Wort, mit dem er einst mich benannte. Der wollte nicht ausbrechen mit mir, wollte keine Welten erobern, und nicht verrückt durch’s Leben tanzen. Der träumte ganz andere Träume. Seine.

Ich brauchte lange, es klar zu sehen.

Großreinemachen.

Marktwert

Ich bin verdammt froh, keinerlei Marktwert anzustreben. Damit ist egal, ob ich einen besitze oder nicht. Dieses sich selbst als Produkt definieren, ist seltsam. Etwas teilen, Begeisterung, ein Lied, einen Text, das ist etwas anderes. Da geht es um Leidenschaft und Freude, die man teilen will. Andere hingegen machen Werbung, und wenn du nicht ihrer Meinung bist, dann bist du weniger wert. Die überzeugen nicht, weil sie Argumente haben, sondern weil sie lauter sind. Hast du nicht deren Tempo, bist du Zweiter. Bist du nicht so laut, bist du Zweiter. Willst du denken, bevor du redest, bist du Zweiter.

Irgendeinen Geschmack suche ich, der bei mir zurückbleibt, wenn es nicht aufrecht ist, dieses Werben um jeden Preis. Aber wie kann ich das beschreiben, was ist es genau? Schneller, lauter, schlagfertiger und dann bist du Nummer eins am Markt. Und das soll einen Wert haben? Vielleicht ist es nur Naivität, die mich führt. Eine Naivität, die wissen will, was ein anderer empfindet, was er denkt, was er braucht. Wenn ich etwas verkaufen will, ist es mir völlig egal, was du empfindest, was du denkst, was du brauchst. Und wenn es nur das Gefühl ist, dass du etwas Besseres seist.
Nur so will ich nicht leben.

Ich teile, weil ich mich freue und hoffe, dass ein anderer sich freut.

Deshalb will ich meinen Marktwert auch gar nicht wissen. Damit bin ich frei. Scheiß drauf. Sollen die anderen geliebt werden wollen. Mir reicht, dass ich finde, dass ich cool bin. Mögen die anderen verbrennen, wenn sie an mich denken. Oder auch nicht, ist mir auch egal.