Suche nach dem Alten Europa

Die Aufre­gung stieg damals 2013, aber die Reise sollte anders ver­laufen als ursprünglich gedacht.

Ich plante sie, um mehr über meinen Vor­fahren zu erfahren und zwar jen­er Europäer, die zum ersten Mal diesen Kon­ti­nent betrat­en.

Wohin nur soll ich mit den Ein­drück­en,
wo ich in eine andere Welt ein­tauche.

Die Welt die Heimat und doch nicht Heimat ist.

Ich liebe kurze Aus­flüge in andere Wel­ten. Die Wel­ten sind vielfältig, egal ob Orte, Musik, Malerei, ein gutes Essen. Reisen ist eine Form, sich dem Uni­ver­sum zu öff­nen.

Nach­dem mich die let­zten großen Reisen nach Aus­tralien und an die West­küste Nor­damerikas geführt hat­ten, wollte ich auch in Europa bleiben — in der Nähe mein­er Mut­ter.

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Ich wollte dem näher kom­men, was die Men­schen, die als erste in Europa lebten, erfuhren. Es geht nach Frankre­ich. Dort gibt es viele Höhlen, die durch ihre Malereien und Fel­sritzun­gen berühmt sind. Ich bin ges­pan­nt, was es noch alles zu erzählen geben wird. Ich werde in die Dor­dogne fahren, um dort die let­zten Reste dieser Men­schen anzuse­hen, aber auch die Land­schaften auf mich wirken zu lassen, durch sie zogen.

Ich werde an meine per­sön­lichen Vor­fahren denken und an jene, die vor paar 10.000 Jahren aus Afri­ka nach Europa kamen. Die Reise wird ruhiger und besinnlich­er wer­den als frühere. Doch ges­pan­nt bin ich auch dies­mal.

Uner­wartet und doch erwartet starb ver­gan­gene Woche meine Mut­ter. Sie wäre bald 81 gewor­den. Es wird also auch eine Reise wer­den, die ich ihr widme. Meine Mut­ter wird bei mir sein.

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Eine Höhle — alle Höhlen gesehen? FALSCH

Die Lim­i­tierung der Besuch­er ist nicht nur ein Schutz für die Höh­le, son­dern auch ein Gewinn für die Besuch­er. In kleinen Grup­pen ist die Führung intimer, für mich ganz intim, da ich nicht Franzö­sisch spreche. Nur an weni­gen Stellen hätte ich gern gewusst, was da alles erzählt wird. Aber so kon­nte ich mehr Staunen. Ich hätte ja über­all noch gerne Zeit für mich ver­bracht, aber das geht nun mal nicht. Und so ist es auch gut.

Das Selt­same ist, wenn ich mir Bilder betra­chte, ich deren Unter­schiede schon sehen kann, aber die Art der Höh­le hat noch ganz viel mit der Wirkung dieser Malereien, Zeich­nun­gen, Gravuren, Reliefs zu tun. Ich habe immer nur von der Wirkung der Bilder gele­sen, aber die Höh­le an sich hat ganz viel Aus­druck­skraft.

Es ist ein Unter­schied, ob es eine schmale, niedrige Höh­le ist, in die man hineinkrabbeln musste, um etwas in den weichen Kalk­stein zu ritzen, ich aber die Begren­zun­gen der Höh­le rund um mich erkenne (Les Com­barelles). Um sie heute betreten zu kön­nen, wurde extra gegraben, damit wir aufrecht durchge­hen kön­nen. Irgend­wie nimmt uns dies die Chance zu erken­nen, wie es sich anfühlte, als vor 15000 Jahren in diese Wände ger­itzt wurde.

Com­barelles I enthält an die 800 Ritzze­ich­nun­gen. meist han­delt es sich um Tier­darstel­lun­gen, aber auch einige men­schliche Abbil­dun­gen sind zu sehen (ins­ge­samt 48). Am häu­fig­sten sind die Wildpferde, von denen an die 140 Abbil­dun­gen vorhan­den sind, gefol­gt von Wisen­ten, Aue­rochsen, Bären, Ren­tieren, Mam­muts und Hirschar­ti­gen. Men­schen­darstel­lun­gen sind meist nur stil­isiert dargestellt. Daneben gibt es abstrak­te Abbil­dun­gen, die soge­nan­nten tek­ti­for­men (von lat. tēc­tum = Dach) bzw. dachför­mi­gen Zeichen.

Sie krabbel­ten auf allen Vieren hinein, mit dabei waren Lam­p­en, die gefun­den wur­den, mit Tier­fett gefüllt und mit Wachold­erzweigen entzün­det. Frisch hinein­ger­itzt waren sie viel deut­lich­er sicht­bar als heute, denn der frische weiche Kalk­stein zeich­nete sich deut­lich weiß ab. Die Schat­ten, die durch das flack­ernde Licht gewor­fen wur­den, mussten viel lebendi­ger gewirkt haben, als heute.

Es muss eine sehr stille, med­i­ta­tive Stim­mung geherrscht haben, denn es war nur möglich hin­tere­inan­der in die Höh­le zu kriechen. Vielle­icht war es tat­säch­lich immer nur ein­er, der sich in die Tiefe des Berges vor­wagte, und hier auf eine sehr intime Art mit den Tieren kom­mu­nizierte. Wie in einem Traum muss die Dunkel­heit auf diese Men­schen gewirkt haben.

In der anderen, die ver­gle­ich­bar schmal ist, doch sich die Höh­le nach oben hin ver­liert, weil es 8 Meter hin­aufge­ht, ver­lor sich die Bedeu­tung des Men­schen auf andere Art und Weise. In Font-de-Gaume ist es nicht nur die Tiefe, die man ahnen kon­nte, die Tiere erhiel­ten Far­ben, sie wur­den größer und sie trat­en auch miteinan­der in Kon­takt. Der Hirsch, der sich zu äsenden Hirschkuh hin­abbeugt, über­raschte mir auf Grund der Zärtlichkeit, die dieses Bild ausstrahlt. Die Fack­eln oder Fet­t­lam­p­en kön­nen dies gar nicht ausleuchtet haben. Sie haben immer nur im direk­ten Umkreis sehen kön­nen. Und weil es nicht unheim­lich genug ist, haben sie noch einige Meter ober­halb des Bodens Tiere abge­bildet, die ich als Besucherin gar nicht sehen kann. Das bedeutet sie haben Gerüste gebaut oder sind auf den Schul­tern eines anderen ges­tanden. Die Art und Weise, wie hier mit den Tieren kom­mu­niziert wurde, fühlt sich völ­lig anders an. Es ist ein Unter­schied, ob ich liegend die Tiere verklein­ert in die Wände kratze, oder ob ich aufrecht ste­hend, vielle­icht noch erhöht, die gewaltige Kraft eines Büf­fels auf die Wand sprühe, mit der Farbe in meinem Mund. Es ist so als ob ich die Energie und Lebendigkeit in mich aufnehmen kön­nte.

Es war Font-De-Gaume, wo ich nochmal eine Führung auf Eng­lish mit­machte. Sie hat mich nicht so beein­druckt wie andere. Und auch die englis­che war nicht so gut. Vielle­icht nehmen sie viel von der Impres­sion des Ganzen, da auf den verkauften Bildern die Objek­te viel deut­lich­er zu sehen sind, als in der Höh­le selb­st. Deshalb wollte ich auch nochmal hinein. Lei­der erschien mich das viel mehr an eine Verkaufsver­anstal­tung zu erin­nern. Wenn mir ein ander­er sagt, dass etwas gewaltig ist und ich beein­druckt sein muss, stiehlt er mir mein Gefühl. Sie zeich­nen mit einem Point­er die Gestalt der Tiere nach und ich kon­nte mir nicht helfen, es enthielt viel mehr von der Über­raschung dieses Tier zu erken­nen, als von dem Fak­tum, dass hier ein Men­sch einen Büf­fel oder einen Hirsch darstellen wollte.

Doch die riesige Höh­le in Rouffini­ac über­fiel mich völ­lig uner­wartet. Es ging tief hinein, viele Abzwei­gun­gen macht­en es zu einem Aben­teuer für sich. 700 Meter sind wir mit ein­er kleinen Eisen­bahn hineinge­fahren. Über­all Abzwei­gun­gen, Löch­er, die ins schwarze tiefe Unbekan­nte gin­gen, die Ausspülun­gen, die ein Fluss, viele Jahre bevor ein Men­sch die Höh­le betrat, als bizarre Bilder zeich­nete, nah­men mir den Atem. Und dann taucht plöt­zlich eine Herde von Mam­muts auf, die sich hin­tere­inan­der auf unbekan­ntes Land zu bewegten. Men­schen stiegen in diese Untiefen hinab, um unten weit­ere Bilder zu zeich­nen. Und in dem heute riesi­gen Saal lagen sie am Rück­en, zeich­neten Tiere in real­is­tis­ch­er Größe, die sie nicht ein­mal als Ganzes sahen, denn der Abstand zu Decke, war nur sehr ger­ing. Während in Com­barelles die seitlichen Wände benutzt wur­den, ist hier auch die Decke als Bett für diese Tier­bilder ver­wen­det wor­den. Auf dem Rück­en liegend hat ein Men­sch mit Manganox­id die Umrisse wirk­lichkeits­ge­treu zeich­nen kön­nen, ohne die großen Tiere jemals kom­plett erfassen zu kön­nen, weil es nicht möglich war, einen Schritt zurück­zuge­hen.

Mein Entschluss Pech-Mer­le zu besuchen war richtig. Hier fand ich erst­mals nicht nur einen Saal. Es war kein Ort, den ein­er allein auf­suchen musste, hier war Platz für viele. Die Fußab­drücke von einem Jugendlichen und kleinen Kindern, die hier kon­serviert wur­den, geben davon Zeug­nis. Als uns die Höh­le gezeigt wurde und das Echo der Führerin den Raum erfüllte, legte bei mir einen Schal­ter um. Ich hörte Trom­meln und Stim­men, die hier die Winkeln und Eck­en aus­füll­ten. Zu den Bildern gesell­ten sich die Sta­lak­titen und Sta­lag­miten, die den Raum zusät­zlich verzierten. Hier war endlich auf Platz für Bewe­gung und Tanz. Hier waren es andere Dinge, die zu beson­deren Erfahrun­gen ein­lu­den. Ob Manganox­id tat­säch­lich, wenn es mit Spucke ver­set­zt, bewusst­seinsverän­dernde Zustände aus­löst, wie ich wo lesen kon­nte, weiß ich nicht. Doch die zahlre­ichen Umrisse von Hän­den, die damit erzeugt wur­den, lassen diese Idee glaub­haft erscheinen.

Höhlen waren Plätze, die nie als Wohnorte dien­ten. Anders als in den Abri oder Über­hän­gen, wo unglaublich viele Über­reste des All­t­agslebens gefun­den wur­den, waren dort kaum vorhan­den. Es waren beson­dere Stellen, die zu beson­derem ein­lu­den und auf­forderten. Tief, viel tiefer als ich mir je vorgestellt habe, sind Men­schen in diese Höhlen hinein und haben dort etwas hin­ter­lassen, das wir heute nur inter­pretieren kön­nen. Das Geheim­nis wird ver­bor­gen bleiben. Doch da diese etwas so Beson­deres sind, wer­den es für mich spir­ituelle Orte sein. Orte, wo man mit ein­er anderen Welt Kon­takt auf­nahm. Was immer sie dort erlebten, es wird ihnen im All­t­ag eine Hil­fe gewe­sen sein. Denn wäre es nicht so gewe­sen, wozu hät­ten sie diese Unan­nehm­lichkeit­en auf sich genom­men. Es wird einen Nutzen gehabt haben. Vielle­icht sind wir diejeni­gen, die etwas ver­loren haben, da wir nicht mehr fähig sind, auf diese Hil­fe zurück­greifen zu kön­nen.

Wer von uns würde tief hin­ab­steigen, um ein Bild eines Com­put­ers oder eines Autos zu zeich­nen. Wieviel Gegen­stände unser­er Welt haben eine tief­ere Bedeu­tung und wären so wichtig für uns, dass wir darauf ver­traut­en, dass sie mehr als “nur” ein Gegen­stand sind? Dass sie uns mehr geben kön­nten, als das, wozu wir sie kon­stru­ierten? Wir glauben in ein­er reicheren Welt zu leben, doch ist es wirk­lich so? Ver­spricht die Real­ität mehr als unser Geist und unsere Fan­tasie und Träume?

Ich hätte gern mehr Zeit für mich gehabt, aber das ist aus ver­ständlichen Grün­den nicht möglich. Für mich sind es spir­ituelle Orte und der alltägliche Touris­ten­strom erlaubt es nicht, sie auf eine andere Art zu erfahren. Es ist nicht möglich, so vie­len Men­schen diese Zeit zu geben.

Welche Hin­ter­gründe hin­ter den Tieren, den sex­uellen Abbil­dun­gen und abstrak­ten Motiv­en ste­hen, weiß ich nicht. Auss­er Respekt und Achtung bleibt mir nicht viel zu sagen.

Grotte du Peche-Merle

Keine Höh­le vorher hat so zum Tanzen ein­ge­laden wie diese. Es war unglaublich. Tanzen und Sin­gen in einem wun­der­baren Ball­saal mit leuch­t­en­den Sta­lagtiten und Stal­gmiten.
Wielange wuch­sen die bizarren Girlan­den hier herunter?
Kein Wun­der, dass Men­schen hier ihre Hand­ab­drücke hin­ter­ließen.
Ich hätte so gerne laut gesun­gen, aber die geführte Tour hat es ver­boten. Was wäre passiert, wenn ich es gewagt hätte? Doch ich hörte sie sin­gen und spürte den Trom­melschlag. Die Fußspuren der Jugendlichen und Kinder, die wir zu sehen beka­men, sprachen davon.
Zu gerne hätte ich eine Fet­t­lampe entzün­det. Wieviel hätte man gese­hen, wieviel wäre im Dunkeln ver­bor­gen geblieben? Welch ein wun­der­bar­er Abschluss mein­er Reise! Auch diese Höh­le bewieß mir, dass jede etwas Beson­deres ist.
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Abri du Moustier und Gisement de la Ferrassie

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Die bei­den Fund­stät­ten im Val­lée Vézère geben Zeug­nis über die Beliebtheit dieser Land­schaft über Jahrtausende. Es sind Wohn­plätze und zahlre­iche Funde geben davon Zeug­nis.

Nean­der­taler lebten dort vor 300.000 Jahren eben­so wie die Cro-Magnon Men­schen, die später in dieses Tal kamen. Die Funde sind manch­mal irri­tierend, denn man kann nicht mit 100%iger Sicher­heit sagen, ob sie nicht noch gle­ichzeit­ig dieses Tal auf­sucht­en. Der derzeit­i­gen Wis­sen­stand läßt diese Aus­sage noch nicht zu. Aber in La Fer­rassie graben sie derzeit regelmäs­sig und es scheint, als ob hier bald Uner­wartetes für die Urgeschichte zu tage treten wird. Noch wird aus­gew­ertet und die Datierung, die ein sehr teures Unter­fan­gen ist, find­et ger­ade statt.

Die bei­den Skelette sind Nean­der­taler, die im Musée in Les Eyzies aus­gestellt sind.

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Ich habe zahlre­iche Doku­men­ta­tio­nen in den let­zten Wochen angeschaut und da hörte ich erst­mals, dass bes­timmte Gene des Nean­der­talers zeigen, dass er eine weiße Haut­farbe und rote Haare hat­te. Ganz anders als man ihn noch vor weni­gen Jahren als grob­schlächti­gen Früh­men­schen sah. Viele neueste Erken­nt­nisse erzählen uner­wartet “mod­ernes” von ihm. Die Nean­der­taler waren Großwild­jäger, die sicher­lich auch wegen der kli­ma­tis­chen Umstände mehr Fleisch als Beeren und Wurzeln zu sich nah­men.
Aber sein kräftiger Kör­per­bau und seine gedrun­gene eher rundliche Form ist eine Anpas­sung an die Eiszeit, so wie auch die Inu­it eher klein und gedun­gen sind, im Gegen­satz zu den hochgewach­se­nen Afrikan­ern, deren Kör­per­bau nichts mit unseren Schön­heit­side­alen, son­dern mit den kli­ma­tis­chen Gegeben­heit­en zu tun hat.

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Die Wohn­stät­ten in diesem Tal befan­den sich nie im Inneren von Höhlen son­dern unter geschützten Über­hän­gen (Abri Cap Blanc). Höhlen wur­den oft von gefährlichen Tieren, wie Höh­len­bär, Höh­len­hyä­nen und Höh­len­löwen als Quarti­er aufge­sucht. Es sind keine Plätze, wo man sich beruhigt zurückziehen kann, son­dern Orte, die eine erhöhte Aufmerk­samkeit erfordern. Egal ob ein gefährlich­es Tier in der Höh­le wartete oder ob es von außen reinkam, irgend­wie war man hier vielfach bedro­ht. Ein Über­hang hinge­gen ver­sprach Sicher­heit zumin­d­est von ein­er Seite.

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An bei­den Orten gab es Über­hänge (Abri oder Shel­ter) an weit­er oben gele­ge­nen Stellen und an tief­er­en, wobei ger­ade die tief­er­en durch Früh­jahrsüber­schwem­mungen zahlre­iche Funde kon­servierten. Bei diesem Beispiel sieht man wieviele Über­reste die Her­stel­lung von Stein­werkzeug in den ver­schiede­nen Schicht­en vorhan­den sind. Anfangs fragte ich mich, ob es nicht ungemütlich gewe­sen sein muss, wenn diese vie­len schar­fen Split­ter rum­la­gen. Aber nach ein­er Unter­hal­tung mit Fran­cois, eine der wun­der­baren Führerin­nen, erkan­nte ich, dass  dieser “Abfall” sicher­lich nicht mit­ten im Wohn­bere­ich lag.

Es gab keine Behausun­gen, die das gesamte Jahr benutzt wur­den. Als Jäger und Samm­ler waren sie unter­wegs und lebten dort, wo aus­re­ichend Nahrung zu find­en war. Und wenn die Tiere weit­er­zo­gen, wan­derten auch sie weit­er. Und dann kam eine heftiger Regen­fall und deck­te die Schicht mit den Stein­split­tern zu. Als sie das näch­ste Mal wiederka­men, war nichts mehr von den Über­resten zu sehen. So ging es über viele Jahrtausende. Ich muss immer wieder innehal­ten, wenn ich an den Zeitrah­men denke. 90.000 bis 10.000 Jahre und unsere Geschichte? Europa vor 100 Jahren, vor 500 Jahren, Mit­te­lal­ter, Römer, erste Acker­bauern… was haben wir aus diesem Land gemacht.

Ich habe heute wo gele­sen, “Mir hat auch nie­mand gesagt, wie man Kap­i­tal­ist wird.” Ich habe nicht das ger­ing­ste Bedürf­nis, das zu hören noch zu ler­nen. Wo ste­hen wir heute? Sind wir wirk­lich ein Höhep­unkt der Evo­lu­tion? Ist es nicht nur ein Ver­such zu schauen, wohin es führt, ein Gehirn wie unseres zu besitzen. Das Spiel ist noch nicht zu ende. Wir wis­sen nicht, ob wir gewon­nen haben. Und es ist kein Men­sch-ärg­ere-dich-nicht, wo wir ein­fach von Neuem begin­nen.

Ich hat­te das Glück, bei diesen Unterkün­ften (Le Pois­son, Cap Blanc, La Fer­rassie und Mousti­er) alleine die Führung gebucht zu haben. So kon­nte ich Fra­gen stellen, innehal­ten, die Umge­bung auf mich wirken lassen. Sie lagen alle in südlich­er Rich­tung und so wur­den alle von der Sonne gewärmt. Das Gefühl bei ihnen war immer anders als in den Höhlen. Fre­undlichkeit, gute Stim­mung, lustige Lieder kamen mir in den Sinn, wenn ich mich dort umsah. Auch wenn heute alles bewach­sen und Bäume die Aus­sicht versper­ren, sind es gute Plätze, um hier Zeit zu ver­brin­gen).

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Nach­den­klich stimmt mich nach­wievor, dass zu einem bes­timmten Zeit­punkt eine Fam­i­lie beschloss, ihre Mit­glieder dort zu begraben. In Cap Blanc wurde ein Grab gefun­den, in La Fer­rassie lagen Erwach­sene im West­en und Jugendliche und Kinder im Osten. Die Forsch­er gehen davon aus, wenn ein gesamtes Skelett eines Men­schen gefun­den wird, im beson­deren die Fuß­knochen, denn die sind es die als erste “ver­loren” gehen, dass eine Bestat­tung stattge­fun­den hat. In Fer­rassie wur­den ins­ge­samt 8 Skelette gefun­den. Mulden, wie jene, wo diese lagen, gab es mehr. Es waren Nean­der­taler, die hier Ange­hörige zur let­zten Ruhe bet­teten. Darunter war ein Neuge­borenes, nur wenige Tage alt. Es ist die älteste Begräb­nis­stätte von Nean­der­taler in Europa. Ob Nean­der­taler so gefühlt haben wie wir heute? Ich glaube, es war nicht so viel anders. Sie kan­nten Trauer und Ver­lust, vorallem viel unmit­tel­bar­er als wir heute. Wie oft sind wir uns unser­er Vergänglichkeit bewusst? Wie sehr blenden wir heute Alter und Tod aus? Wie oft glauben wir, dem Tod entkom­men zu sein, indem wir uns ein­er Illus­sion der ewigen Jugendlichkeit hingeben?  Vielle­icht ist dieser Traum zu tief­st men­schlich, ob homo sapi­ens oder homo nean­der­tal­en­sis. War es ein Sym­bol für die Ewigkeit, als Men­schen vor 40–45.000 Jahren diese Zeichen in La Fer­rassie hin­ter­ließen?

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Und falls dich, diese Zahlen nicht irri­tieren, sie soll­ten es, denn es ist ein Zeichen dafür, dass Nean­der­taler und Cro-Magnon-Men­sch nebeneinan­der in Europa lebten. Und wer weiß, wer diese Sym­bole hin­ter­ließ, die aus jen­er Zeit stam­men?

Musée national de Préhistoire — Les Eyzies-de-Tayac

Stein­werkzeuge, Klin­gen, Sch­aber … Unzäh­lige bear­beit­ete Steine.

Trotz der gelun­genen Ausstel­lung ver­ste­he ich nun, dass Muse­um­späd­a­gogik ein wichtiger Bestandteil sein muss. Wis­senschaftler ver­lieren vielle­icht in ihrem Eifer und Begeis­terung den Überblick, mit welchem Wis­sen ein sim­pler Besuch­er ins Muse­um kommt.

Mir ist wichtig, dass in Museen wis­senschaftlich gear­beit­et wird, und dass Platz auch für jene Wis­senschaftler ist, die nicht an diesem Muse­um arbeit­en. Aber ein wesentlich­er Punkt ist, das Museen der bre­it­en Öffentlichkeit den Wis­sens­stand in einem Fachge­bi­et näher brin­gen.IMG_0509

Hier in Les Ezyies sehe ich den Stolz der Wis­senschaftler, die gefun­de­nen Objek­te zu präsen­tieren. Aber ich bin der Mei­n­ung, dass in diesem Fall weniger mehr wäre. Bei besten Willen kann ich nichts mit­nehmen, wenn ich vor 100 für mich völ­lig gle­ichar­ti­gen Faustkeile liegen und zwar jew­eils Hun­derte für jede Peri­ode, wenn mir nicht jemand erk­lärt auf was ich zu acht­en habe, wird es ein großer Ein­topf.

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Dank der Führun­gen, die ich Mousti­er und le Fer­rassie hat­te, ver­stand ich ein wenig mehr. Aber ist es eigentlich nicht tragisch, dass ich zulet­zt ins Muse­um gehen hätte sollen, um die dort aus­gestell­ten Objek­te zu ver­ste­hen? Das ist doch ein Wider­spruch in sich.

Es wäre für mich viel sin­nvoller gewe­sen, an Hand weniger Faustkeile (Biface auf Franzö­sisch klingt ein­fach ele­gan­ter als Faustkeil auf Deutsch) aufzuzeigen, dass dieses Werkzeug seit 1,5 Mil­lio­nen Jahren ange­fer­tigt wur­den. Nur kurz zum Ver­ständ­nis, zu jen­er Zeit existierten noch ver­schiedene Hominiden-Arten in Afri­ka und die benutzten Faustkeile als Unter­stützung in ihrem Leben. Es ist also noch ein langer Weg bis zum mod­er­nen Men­schen. Denn vom Homo sapi­ens, so wie wir sind, kann erst früh­estens vor 200.000 Jahren gesprochen wer­den. Ich sollte genauer sein. Die Datierung des mod­er­nen Men­schen ist nicht ganz so ein­fach. Auf der einen Seite ver­sucht man die beson­deren Merk­male der ver­schiede­nen Homo festzuhal­ten. Bei Nean­der­taler sind das die beson­deren Augen­wül­ste, die flachere Stirn im Gegen­satz zu uns, das Kinn, das weniger her­vor­tritt als das unsere, und die Schädelform, die nicht so rund ist, wie der unsere.

Ich bin fasziniert, wenn ich daran denke, dass die ersten bear­beit­eten Steine, die Vorgänger der Faustkeile, der Chop­per, bere­its vor 2,6 Mill. Jahre in Ver­wen­dung waren. Durch die Führun­gen die Tage zuvor haben mir die vie­len Stein­werkzeuge etwas näher gebracht.

Es ist beein­druck­end, wie geschickt die Steine bear­beit­et wur­den. Doch auch damals gab es geschick­tere und weniger geschick­tere. Es waren nie alle gle­ich begabt in jeglich­er Hin­sicht. Bei bei den Stein­werkzeu­gen hat sich eine Wis­senschaft­lerin die Mühe gegeben und die “Abfälle” sortiert, ihre Ent­fer­nung zur Feuer­stelle gemessen und die Qual­ität des Steines geprüft. Und es war so, je geschick­ter, um so näher kon­nte der­jenige am Feuer sitzen und umso bess­er war die Qual­ität des Steines, der bear­beit­et wurde. Gute Qual­ität durfte nicht ver­schwen­det wer­den. IMG_0564
Ich habe ver­sucht die beson­deren Klin­gen des Solutrèen einz­u­fan­gen, denn sie sind ver­dammt dünn. Von diesen hat man lange nicht soviele gefun­den, wie von den etwas robus­teren. Die Frage ste­ht im Raum, ob nicht viele dieser Klin­gen mehr rit­uellen Zweck­en dien­ten, als für den täglichen Gebrauch. Die Meth­ode hat sich nicht für län­gere Zeit und in einem größeren Raum aus­ge­bre­it­et. Sie zeigt aber, wie geschickt und gekon­nt diese Steine beschla­gen wur­den.

Eine mein­er Frem­den­führerin­nen erzählte, dass ein Archäolo­gen, der dur­chaus ver­siert in der exper­i­mentellen Archäolo­gie ist, beim Ver­such diese Klin­gen eben­falls herzustellen,  kläglich scheit­erte. Es gelang ihm nicht die Steine in dieser Fein­heit zu bear­beit­en.

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Um einen Ein­druck zu gewin­nen, wie ein Fund­platz aussieht und wo Archäolo­gen bud­del­ten, um Klin­gen zu find­en, wurde ein solch­er Fund­platz in die Ausstel­lung aufgenom­men. Ichh ver­mute, dass anfangs die Klin­gen von dem umgeben­den Stein oder Sand gar nicht unter­schieden wer­den kon­nten.

Beson­ders berührend waren für mich die Skelette.  (Nean­der­taler Skelette werde ich bei den jew­eili­gen Fund­stellen, die ich besuchte, zeigen.) Am lieb­sten hätte ich sie in ein Grab gelegt. Das Bewusst­sein, dass es Men­schen sind, mit denen ich wenn auch nur weitläu­fig, aber doch ver­wandt bin, ließ mich still und ruhig wer­den. Auch wenn es vielle­icht lächer­lich erscheinen mag, aber mir war es wichtig, jedem eine Form von Gebet zukom­men zu lassen, mit dem Wis­sen, dass alles einen guten Weg geht, wenn es aus einem guten Herzen kommt. Das Mascherl, das Reli­gio­nen so gerne um Men­schen hän­gen, ist irrel­e­vant. Entwed­er gibt es etwas Höheres oder nicht. Und wenn es etwas  Höheres gibt, dann wird es wohl nicht genau­so beschränkt denken wie Men­schen.

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Kunst oder was?

Die Malereien, Zeich­nun­gen, Gravuren, Ritzun­gen, Bas­re­liefs, Reliefs beein­druck­en mich zu tief­st. Während viele vor sich hin philoso­phieren, was der Hin­ter­grund für diese Aus­drucks­for­men sei, bin ich noch beim Nach­denken, wie sie das über­haupt kon­nten.

Wenn ich an die Bilder in Le Toth denke, die Kinder anfer­tigten, dann ist jed­er­mann klar, so schaut es aus, wenn man begin­nt zu malen.

Aber so sehen diese prähis­torischen Bilder nicht aus. Es sind keine Bilder von Anfängern, das ist nicht das erste Mal, dass diese Men­schen hier zeich­neten oder mal­ten. Ich kann keines dieser Tiere so darstellen. Und nur weil ich etwas sehr lange beobachte, bin ich immer noch nicht fähig, es abzu­bilden. Das wäre ja so, wenn ich nur lange genug einem Opern­sänger zu höre, lange genug mitsinge, dann würde ich wie er. Nichts da! So ein­fach geht das ein­fach nicht.

Die Beobach­tung allein genügt nicht, um etwas wiederzugeben. Da muss geübt wer­den. Und zwar geduldig. Man kon­nte nicht ein­fach herge­hen und das Blatt Papi­er weg­w­er­fen, man kon­nte es auch nicht ein­fach aus­radieren. Ein­mal ger­itzt, für immer ger­itzt. Ein­mal hin gesprüht, für die Ewigkeit gesprüht.

Um mit einem Zug ein Mam­mut vom Schwanz bis zum Rüs­sel authen­tisch in eine Wand zu ritzen, reicht nicht der Entschluss es zu wollen, auch nicht, dass ich das Bild eines Mam­muts vor meinem inneren Auge sehe.

Diejeni­gen die diese Bilder fer­tigten, mussten vorher schon geübt haben. Geduldig und aus­dauernd. Da wären wir wieder bei Zeit und Muße. Waren sie so getrieben, wie wir heute? War die Jagd so zeitraubend, dass für nichts mehr Platz war? Wohl nicht. Es musste Zeit­en gegeben haben, wo anderes im Mit­telpunkt stand.

Waren es also Kün­stler?

Auch das ist bei genauer­er Betra­ch­tung unre­al­is­tisch. Seit wann sprechen wir denn von Kun­st? Aber waren es beson­ders begabte Men­schen? Das vielle­icht wohl. Men­schen, die eine beson­dere Begabung hat­ten und diese auch pflegten. Das heißt sie übten. Kun­st von Kön­nen. Vielle­icht außer­halb, an Stellen, die heute ver­wit­tert sind oder vielle­icht den näch­sten Regen und Schneefall nicht über­dauerten. Bis sie dann soweit waren, dass sie fin­ger­fer­tig genug waren und sie an beson­deren Stellen anbracht­en.

Auch wenn Ritzun­gen keine bild­hauerische Schw­er­star­beit waren, sie gezielt und genau durchzuführen, ohne viele Kor­rek­turen anzubrin­gen, ist etwas Beson­deres. Mit einem Stück Manganox­id mal schwungvoll einen Stein­bock zu zeich­nen, das soll mir mal jemand vor­ma­chen. Ich kann es nicht. Selb­st wenn ich ein Buch zeich­nen würde, käme es nicht wirk­lich überzeu­gend hinüber. Wie hat das jemand mal so schön gesagt, es ist mehr Aus­drucks­malerei oder Art brut.

Waren es Schama­nen?

Wer sich schon ein­mal mit schaman­is­ch­er Prax­is auseinan­der geset­zt hat, weiß, dass es ein­er lan­gen Schu­lung bedarf, bevor sie sich mit der Geis­ter­welt auseinan­der­set­zten. Ob das die richti­gen Gesänge, die wirkungsvollen Zer­e­monien, mit Trom­meln, Musik jeglich­er Art, schaus­pielerischen Dar­bi­etun­gen, Trance war. Auch hier ist es jahre­lange Prax­is, die einen erst zum Schama­nen macht. Und ich spreche hier noch nicht von den Geheimnis­sen der Kräuter. Denn dass sie davon wussten, glaube ich. Nicht umson­st hat­te Ötzi vor über 5000 Jahren den Pilz Birken­por­ling mit sich geführt, der eine antibi­o­tis­che Wirkung hat­te. Nicht alles was wir als Zauberei und Hum­bug klas­si­fizieren, war nur Show. Es hat­te auch Wirkung. So wie die Indi­an­er dur­chaus Mit­tel gegen Syphilis hat­ten. Nur weil wir nichts darüber wis­sen, heißt es nicht, dass es nichts gibt. Wenn wir heute groß von Place­bo sprechen, dann soll­ten wir vielle­icht von unseren Selb­s­theilungskräften sprechen. Die kön­nen wir aktivieren und helfen uns beim Gesundw­er­den, aber eben nicht nur. Ob es nun eine Geis­ter­welt gibt oder nicht, will ich hier nicht disku­tieren, aber dass die Seele Hil­festel­lun­gen annimmt, um wieder gesund zu wer­den, glaube ich. Auch wenn nicht alles mit natur­wis­senschaftlichen Meth­o­d­en erk­lär­bar ist, heißt es nicht, dass es diese Dinge nicht gibt. Vor nicht allzu langer Zeit war Mag­net­ismus ein solch­es unerk­lär­lich­es Phänomen. Egal ob Kräuter, Pilze oder mod­erne Medika­mente, sie unter­stützen uns, wenn unser Kör­p­er gesund wer­den will.

Ein Schamane ist also eben­so ein Spezial­ist, der beson­dere Fähigkeit­en hat. So wie ich glaube, dass es Ärzte gibt, die einen bess­er unter­stützen wieder gesund zu wer­den, wie andere. Denn Heilung ist mehr als nur ein Kraut.

Diese Gedanken führten mich zu Spezial­is­ten.

Während das Anfer­ti­gen von Stein­klin­gen und Beilen Fähigkeit­en waren, die jed­er beherrschen musste, weil son­st ein Über­leben nicht möglich war, kann ich mir dur­chaus vorstellen, dass für diese speziellen Auf­gaben wie das Anfer­ti­gen von Bild­nis­sen und Objek­ten, und der Kom­mu­nika­tion mit der anderen Welt, beson­dere Men­schen sich auser­wählt fühlten. In der Eth­nolo­gie habe ich immer wieder von Schama­nen gehört, die nicht begeis­tert waren, diesen Weg einzuschla­gen. Durch schwere Krankheit­en getrieben entsch­ieden sie sich dafür. Nicht immer ist das, was man kann, ein leichter Weg. Vielle­icht macht man es lieber, aber ein­fach­er muss es nicht sein.

Wenn also ein Men­sch, seine Fer­tigkeit ein Abbild eines Tieres anzufer­ti­gen, per­fek­tion­iert hat­te, kam ein ander­er Men­sch, der die Fähigkeit erlangt hat­te mit der anderen Welt zu kom­mu­nizieren, auf ihn zu und sie planten gemein­sam an einem Rit­u­al tief drin­nen in ein­er Höh­le zu arbeit­en. Nicht nur Kom­mu­nika­tion, son­dern auch die soziale Kom­pe­tenz dieser Men­schen gemein­sam etwas auszuführen, mag dahin­ter ges­tanden sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein­er allein sich dachte: Ach, heute geh ich mal ein paar hun­dert Meter tief in eine Höh­le und male ein Mam­mut, aber so dass es kein­er sieht und an ein­er beson­ders schwieri­gen Stelle, damit nur ich es sehen kann.

Für so ein schwieriges Unter­fan­gen braucht es Pla­nung und Zweck. Während die Bilder in den Abri oder Über­hän­gen und Wohn­höhlen aus anderen Grün­den ange­fer­tigt wur­den, ist es bei Höhlen, die nicht im alltäglichen Leben benutzt wur­den, ein anderes Ziel, das ver­fol­gt wurde.

Ich bin davon überzeugt, dass es rit­uelle Hand­lun­gen waren. Was sie genau bezweck­ten, ob sie nun die Tiergeis­ter beschworen oder andere Geis­ter zu Hil­fe riefen, ist reine Fan­tasie. Das wer­den wir nicht sagen kön­nen.

Als ich in Pech-Mer­le war, wurde mir bewusst, dass hier andere Men­schen die Abbil­dun­gen anfer­tigten. Viele Bilder waren abstrak­ter, enthiel­ten mehr Andeu­tun­gen als real­is­tis­che Darstel­lun­gen. Sie waren anders als weit­er nördlich im Val­lé de Vézére.

Jede der Höhlen, in denen ger­itzt, geze­ich­net, gemalt und gesprüht wurde, emp­fand ich anders. Es waren unter­schiedliche Emo­tio­nen, die in mir hochka­men. Es gibt nicht den einen Zweck, den sie erfüll­ten. Meinem Empfind­en nach waren sie unter­schiedlichen Zweck­en gewid­met. Ger­ade in Pech-Mer­le, das eine wun­der­bare Akkustik hat und her­rliche Säle bietet, kon­nte ich förm­lich die Trom­meln und Gesänge hören. In Les Cam­barelles, wo man nur auf allen vieren die Höh­le erobern kann, wird es still, ein heim­lich­es Zwiege­spräch mit der Geis­ter­welt bietet sich direkt an.

Aber es waren beson­dere Fähigkeit­en von beson­deren Men­schen, die nicht jedem zugänglich waren und nicht jed­er fähig war auszuführen. Und dass ich mich nicht alleine so tief in eine Höh­le vor­wa­gen würde, ste­ht noch auf einem ganz anderen Blatt. Mir war nicht bewusst, wie weit inner­halb sich viele dieser Bilder, Zeich­nun­gen und Gravuren sich befind­en. Mir ist nicht ein­mal klar, wie sie aus dem oft sehr verzweigten Höh­len­sys­tem wieder her­aus­fan­den, denn mein Ori­en­tierungssinn ist in unser­er mod­er­nen Zeit ein äußerst beschränk­ter, auch wenn ich nicht über­all das Navi brauche.

Und Spezial­is­ten hat­ten sie. Auch wenn wir heute nur an Hand der Abschläge der Stein­werkzeuge fest­stellen kön­nen, dass es Begabtere und weniger Begabte gab, so wird es welche gegeben haben, die gut kochen kon­nten, die gut jagen kon­nten, die bess­er Spuren lesen kon­nten als andere, die früher die Zeichen des Früh­lings lesen kon­nten, die Klei­dung bess­er anpassen und lan­glebiger anfer­ti­gen kon­nten. Es gab immer schon Unter­schiede zwis­chen Men­schen. Unter­schiede, die das Leben span­nend machen, die aufre­gend sind und erst zum Übel wer­den, sobald sie verurteilen. Nur zur Erin­nerung möchte ich ein­wer­fen, dass es Kul­turen gibt, wo Geis­teskrankheit­en als eine beson­dere Gabe gese­hen wer­den, die eine außergewöhn­liche Verbindung zu ein­er anderen Welt mit sich brin­gen. Schwarz-Weiß ist die Welt der Naiv­en, Shad­ows of Grey, jen­er der Ungläu­bi­gen, im Rege­bo­gen erstrahlt die Welt als Ganzes. Es ist eine Sache des Glaubens, wer dem wider­spricht, glaubt ein­fach nur an anderes. Denn wis­sen tun wir bei­de es nicht. Falsch denkt jen­er, der rechthaben will.

Wald — Steppe — Tundra — wie mag es hier vor 20.000 Jahren ausgesehen haben

Die Dor­dogne ist eine reizvolle Land­schaft. Neben den vie­len Eichen­bäu­men habe ich auch Kiefern gese­hen und auch einen Feigen­baum zeigte mir wie fre­undlich es hier ist.

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Doch wie sah es aus, als diese Höhlen Zen­tren — aus welchen Grün­den auch immer — wur­den? Wie ein­fach habe ich mir das alles vorgestellt und wie kom­pliziert ist das alles bei genauerem Hin­se­hen.

Die let­zte Eiszeit, die Würmeiszeit, dauerte 115.000 BP bis 10.000 BP. Wie schnell ist das hingeschrieben, bis ich dann genauer schaute und sehen müsste, dass es auch in dieser let­zten Kaltzeit wärmere Phasen gab. Wenn es nur kalt gewe­sen wäre, dann hätte ich schnell mal Tun­dra getippt. Steppe vielle­icht noch. Aber das war in den käl­teren Phasen, die auch trock­enere Zeit­en waren, da so viel Wass­er gebun­den war (jet­zt wird’s bei uns wärmer, also sollte es auch mehr reg­nen, tja nix mit Son­nen­schein jahrein, jahraus.). Der Tun­dra fol­gte der bore­ale Nadel­wald oder Taiga. Auch von Park­tun­dra mit vere­inzel­ten Baum­grup­pen ist die Rede.

Ich habe mich also auf die Suche begeben und geschaut, in welch­er Umge­bung jene Tiere lebten, die hier abge­bildet sind. Nach­dem ich zu fast allen Tieren nachgeschla­gen habe, notiert habe in welch­er Umge­bung sie lebten, stolperte ich zulet­zt auf die Mam­mut­steppe oder Step­pen­tun­dra. Warum nicht gle­ich?

Die Wikipedia schreibt dazu:

Die Land­schaft war nahezu baum­frei, zu den vorherrschen­den Pflanzenarten zählten Gräs­er, Ried­gräs­er, Kräuter, Zwerg-Birken und Polar-Wei­den. Häu­fig wird die Mam­mut­steppe auf­grund dieser Mis­chung mit der heuti­gen Tun­dra ver­glichen, stimmte aber nur bed­ingt übere­in. Tren­nende Merk­male sind vor allem die unter­schiedlichen Son­nen­stände und die damit ver­bun­de­nen Jahreszeitzyklen, die die Mam­mut­steppe mit ihren in weit­en Teilen vorherrschen­den Lichtver­hält­nis­sen der mit­tleren Bre­it­en von der nördlichen Tun­dra mit aus­geprägten Polar­som­mern und ‑win­tern abset­zt. Dadurch ent­stand eine arten- und vor allem nährstof­fre­iche Veg­e­ta­tion, zusät­zlich begün­stigt durch die auf­grund der nahen Gletsch­er auftre­tenden lang andauern­den Hochdruck­la­gen.

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Hier hat man im Laténe Muse­um eine kleine Fläche entsprechend der Tun­dra angelegt. Ich weiß nicht recht, ob das im Bild so auch klar wird.

Woll­haar­mam­mut (Mam­muthus prim­i­ge­nius), auch andere Großsäuger wie das Woll­nashorn (Coelodon­ta antiq­ui­tatis), der Moschu­sochse (Ovi­bos moscha­tus), das Ren (Rangifer taran­dus), die Saiga-Anti­lope (Saiga tatar­i­ca) aber auch der aus­gestor­bene Step­pen­bi­son (Bison priscus) und die eiszeitliche Wildpferdeun­ter­art Equ­us cabal­lus lenen­sis. Nicht gek­lärt ist, ob durch die Wei­deak­tiv­itäten dieser Mega­her­bi­voren diese spez­i­fis­che Land­schafts­form ent­stand und sie ver­schwand, nach­dem die Tiere ausstar­ben oder ob das Ver­schwinden dieser Land­schafts­form dazu führte, dass die typ­is­chen Großsäuger ausstar­ben.

Das passt nun auch, was ich zu Ren­tier und Stein­bock gefun­den habe.

Span­nend war dann noch der Ein­trag zum Höh­len­löwen:

Ihre Nahrung bestand vor allem aus größeren Huftieren der dama­li­gen Zeit, etwa Wildpfer­den, Hirschen, Wildrindern und Antilopen. In jung­pleis­tozä­nen Ablagerun­gen des Rheins von Hes­se­naue bei Darm­stadt wurde das Schien­bein eines Höh­len­löwen gefun­den, das trotz ein­er schw­eren Entzün­dung des Knochen­marks, die das Tier vorüberge­hend jag­dun­fähig machte, später wieder ver­heilt ist. Das Tier muss dem­nach noch län­gere Zeit mit dieser Behin­derung über­lebt haben. Das legt nahe, dass dieses Tier von Artgenossen an der Beute geduldet oder mit Fut­ter ver­sorgt wurde. Möglicher­weise war der Höh­len­löwe also ähn­lich wie heutige Löwen ein Rudelti­er.

Ich habe viel gele­sen und geschaut in let­zter Zeit und da wurde auch betont, wie sozial der frühe Men­sch (ich denke, es war der Nean­der­taler — Gott Lob bin ich kein Wis­senschaftler — der Wasser­stand der Donau tut es bei mir auch, denn ich schaue mir seit etlichen Aben­den alle möglichen Doku­men­ta­tio­nen über die Entwick­lung des Men­schen an, da wurde es irgend­wo erwäh­nt 🙂 war, als man einen Kopf eines älteren Men­schen fand, der 2 Jahre lang keine Zähne mehr hat­te, der also mitver­sorgt wurde (u.a. das Fleisch vorgekaut). Da musste ich an meine Mut­ter denken, die auch 2 Jahre lang püri­ertes Essen bekam.

Was bedeutet das nun alles?

Der Wald hier rund herum ist ein­er­seits sehr kusche­lig, aber ander­er­seits ver­liere ich jegliche Ori­en­tierung.

Man sieht ein­fach nicht weit. Außer­dem kon­nte ich mir nicht recht vorstellen, dass riesige Tier­her­den durch so dicht bewaldetes Gebi­et zogen. Viele der Tiere zogen jahreszeitlich bed­ingt durch das Land. Gehört hab ich das natür­lich von Ren oder den Bisons, bei den Pfer­den war ich mir da nicht so sich­er, aber bei denen war das auch der Fall. Selb­st der Stein­bock zieht bei uns in den Alpen rauf und runter.

Um das alles noch ver­wirren­der zu machen, hörte ich nun in ein­er Führung, dass Ren dur­chaus sta­tionär hier lebten, denn es wur­den Gewei­he von Weibchen und Män­nchen der Ren­tiere gefun­den und die wer­fen unter­schiedlich ihre Gewei­he ab. Im Früh­jahr Weibchen, im Herb­st Män­nchen und dann waren dann auch noch Jungtier­knochen. Also als es vernün­ftig kühl war (so wie es Ren­tiere für vernün­ftig hal­ten), zogen sie ein­fach hier ihre Run­den und ran­nten nicht wie blöd tausende Kilo­me­ter weit. Sie stell­ten 90% der tierischen Nahrung, von ihnen nutzte man, neben dem Fleisch, Knochen, Geweih und Fell. Tja, da gab’s nicht so viel Rest­müll wie bei uns.

Nach­dem ich nun nochmal darüber nach­dachte, entsprechen die Funde trotza­llem den Wan­derun­gen im Früh­jahr und Herb­st. Es ist nicht wirk­lich ein Zeichen von hier immer leben­den Tieren.

Diese Tiere waren also nicht per­ma­nent hier. Der Men­sch als Jäger und Samm­ler zog auch durch die Gegend, also viel Bewe­gung rund herum. Er soll außer­dem viel Klein­wild gejagt haben, von dem sieht man nichts in den Höhlen.

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Es war also eine Step­pen­land­schaft. Und zu bes­timmten Zeit­en zogen hier große Tiere durch. Zu den Lieblingsspeißen zählte Ren und Pferd, wenn man die Fund­plätze bei den Feuer­stellen betra­chtet. Das haben sie hier erzählt, als ich in den Höhlen zu Besuch war. Und die Wikipedia wider­spricht sich da, ein­mal hät­ten sie viele Woll­haar­mam­muts gegessen, ein­mal nicht (natür­lich an ander­er stelle). Genutzt ja, das Elfen­bein war cool, ein Kind hat man in einem Grab mit einem Schul­terblatt eines Mam­muts bedeckt. Die mas­sive Nutzung wie in Sibirien hat man hier aber nicht nachgewiesen. Die Abbil­dun­gen sind für mich zwar aufre­gend und wahrschein­lich für viele andere auch, aber es sind nur rund 7% aller Abbil­dun­gen der Frankokantabrische Höh­lenkun­st (so wird die Kun­st unser­er Altvorderen hier in Süd­frankre­ich und Spanien benan­nt). Und sie waren ein­fach beein­druck­ende Lebe­we­sen.

Ps. Abso­lut nichts zur Sache, aber weil ich es berührend fand, auch das Woll­haar­mam­mut hat­te Karies und Arthri­tis.