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Musée national de Préhistoire — Les Eyzies-de-Tayac

Steinwerkzeuge, Klingen, Schaber … Unzählige bear­beit­ete Steine.

Trotz der gelun­genen Ausstellung ver­ste­he ich nun, dass Museumspädagogik ein wichtiger Bestandteil sein muss. Wissenschaftler ver­lieren vielle­icht in ihrem Eifer und Begeisterung den Überblick, mit welchem Wissen ein sim­pler Besucher ins Museum kommt.

Mir ist wichtig, dass in Museen wis­senschaftlich gear­beit­et wird, und dass Platz auch für jene Wissenschaftler ist, die nicht an diesem Museum arbeit­en. Aber ein wesentlich­er Punkt ist, das Museen der bre­it­en Öffentlichkeit den Wissensstand in einem Fachgebiet näher brin­gen.IMG_0509

Hier in Les Ezyies sehe ich den Stolz der Wissenschaftler, die gefun­de­nen Objekte zu präsen­tieren. Aber ich bin der Meinung, dass in diesem Fall weniger mehr wäre. Bei besten Willen kann ich nichts mit­nehmen, wenn ich vor 100 für mich völ­lig gle­ichar­ti­gen Faustkeile liegen und zwar jew­eils Hunderte für jede Periode, wenn mir nicht jemand erk­lärt auf was ich zu acht­en habe, wird es ein großer Eintopf.

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Dank der Führungen, die ich Moustier und le Ferrassie hat­te, ver­stand ich ein wenig mehr. Aber ist es eigentlich nicht tragisch, dass ich zulet­zt ins Museum gehen hätte sollen, um die dort aus­gestell­ten Objekte zu ver­ste­hen? Das ist doch ein Widerspruch in sich.

Es wäre für mich viel sin­nvoller gewe­sen, an Hand weniger Faustkeile (Biface auf Französisch klingt ein­fach ele­gan­ter als Faustkeil auf Deutsch) aufzuzeigen, dass dieses Werkzeug seit 1,5 Millionen Jahren ange­fer­tigt wur­den. Nur kurz zum Verständnis, zu jen­er Zeit existierten noch ver­schiedene Hominiden-Arten in Afrika und die benutzten Faustkeile als Unterstützung in ihrem Leben. Es ist also noch ein langer Weg bis zum mod­er­nen Menschen. Denn vom Homo sapi­ens, so wie wir sind, kann erst früh­estens vor 200.000 Jahren gesprochen wer­den. Ich sollte genauer sein. Die Datierung des mod­er­nen Menschen ist nicht ganz so ein­fach. Auf der einen Seite ver­sucht man die beson­deren Merkmale der ver­schiede­nen Homo festzuhal­ten. Bei Neandertaler sind das die beson­deren Augenwülste, die flachere Stirn im Gegensatz zu uns, das Kinn, das weniger her­vor­tritt als das unsere, und die Schädelform, die nicht so rund ist, wie der unsere.

Ich bin fasziniert, wenn ich daran denke, dass die ersten bear­beit­eten Steine, die Vorgänger der Faustkeile, der Chopper, bere­its vor 2,6 Mill. Jahre in Verwendung waren. Durch die Führungen die Tage zuvor haben mir die vie­len Steinwerkzeuge etwas näher gebracht.

Es ist beein­druck­end, wie geschickt die Steine bear­beit­et wur­den. Doch auch damals gab es geschick­tere und weniger geschick­tere. Es waren nie alle gle­ich begabt in jeglich­er Hinsicht. Bei bei den Steinwerkzeugen hat sich eine Wissenschaftlerin die Mühe gegeben und die ‚Abfälle’ sortiert, ihre Entfernung zur Feuerstelle gemessen und die Qualität des Steines geprüft. Und es war so, je geschick­ter, um so näher kon­nte der­jenige am Feuer sitzen und umso bess­er war die Qualität des Steines, der bear­beit­et wurde. Gute Qualität durfte nicht ver­schwen­det wer­den. IMG_0564
Ich habe ver­sucht die beson­deren Klingen des Solutrèen einz­u­fan­gen, denn sie sind ver­dammt dünn. Von diesen hat man lange nicht soviele gefun­den, wie von den etwas robus­teren. Die Frage ste­ht im Raum, ob nicht viele dieser Klingen mehr rit­uellen Zwecken dien­ten, als für den täglichen Gebrauch. Die Methode hat sich nicht für län­gere Zeit und in einem größeren Raum aus­ge­bre­it­et. Sie zeigt aber, wie geschickt und gekon­nt diese Steine beschla­gen wur­den.

Eine mein­er Fremdenführerinnen erzählte, dass ein Archäologen, der dur­chaus ver­siert in der exper­i­mentellen Archäologie ist, beim Versuch diese Klingen eben­falls herzustellen,  kläglich scheit­erte. Es gelang ihm nicht die Steine in dieser Feinheit zu bear­beit­en.

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Um einen Eindruck zu gewin­nen, wie ein Fundplatz aussieht und wo Archäologen bud­del­ten, um Klingen zu find­en, wurde ein solch­er Fundplatz in die Ausstellung aufgenom­men. Ichh ver­mute, dass anfangs die Klingen von dem umgeben­den Stein oder Sand gar nicht unter­schieden wer­den kon­nten.

Besonders berührend waren für mich die Skelette.  (Neandertaler Skelette werde ich bei den jew­eili­gen Fundstellen, die ich besuchte, zeigen.) Am lieb­sten hätte ich sie in ein Grab gelegt. Das Bewusstsein, dass es Menschen sind, mit denen ich wenn auch nur weitläu­fig, aber doch ver­wandt bin, ließ mich still und ruhig wer­den. Auch wenn es vielle­icht lächer­lich erscheinen mag, aber mir war es wichtig, jedem eine Form von Gebet zukom­men zu lassen, mit dem Wissen, dass alles einen guten Weg geht, wenn es aus einem guten Herzen kommt. Das Mascherl, das Religionen so gerne um Menschen hän­gen, ist irrel­e­vant. Entweder gibt es etwas Höheres oder nicht. Und wenn es etwas  Höheres gibt, dann wird es wohl nicht genau­so beschränkt denken wie Menschen.

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