Along the Pacific Coast Gedanken Nordamerika

wenn ich könnte, wie ich …

wollte, würde ich diese Reise jed­erzeit gegen eine Familie ein­tauschen.

Seltsam so sehr ich mich freue und es sog­ar ein wenig schw­er fällt zu tauschen, weiß ich, Familie ist schön­er.

Die meis­ten Menschen in meinem Alter (ich ste­he mit­ten in meinen Fünfzigern) ver­ste­hen meine Verzweiflung nicht. Das sind vielle­icht noch Geschwister, mit denen man nicht spricht, oder Väter, die einen mei­den. Doch meist bleiben noch andere übrig, die Familie sind. Die Ausnahme wird größer, als das Normale, das man hat. Der Scheinwerfer fokussiert einen kleinen Kreis, und lässt das Ganze vergessen, das rund­herum lebendig ist.

Warum ist es so, dass je älter man wird, dieses ‚Was einen nicht umbringt, macht einen nur härter’ immer mehr inhaliert wird. Dieses Abfinden, dieses ‚So ist es halt’. Ich will nicht härter wer­den, ich bin stolz darauf weich­er, empfind­samer sen­si­bler gewor­den zu sein und ich will das nicht aufgeben. Seit ich denken kann, habe ich mich viel mehr bemüht, cool zu sein, anstatt weich. Weich war keine Qualität. Sanftheit nichts für Starke. Doch wie viel mehr Mut braucht es, schwach zu sein?

Ich erlaube mir, sen­si­bel zu sein. Ich weine heute ganz weich und san­ft, wenn mein Herz berührt wird. Früher war es ein Kampf mit mir selb­st, um die Tränen zurück­zuhal­ten oder ich ließ mein Herz gar nicht berühren. Ich kann doch nicht dauernd heulen, dachte ich. Ich kann mich doch nicht von so etwas lächer­lichem berühren lassen.

Jetzt sehe ich auch, wenn sich jemand ver­schämt eine Träne weg­wis­cht und gle­ich darauf lustig ist und laut, denn das wird von ihr erwartet. Und ich staune. Ich staune, wie schnell das eigene Herz vergessen wird. Ich, die es nur beobachtet, habe meine Hände schon zum Schutz für ihr Herz geformt, weil ich berührt wurde, weil ich sah, dass sie berührt wurde, und als das Licht ange­ht, wird das Taschentuch her­aus­ge­holt, ein­mal geschnäuzt, und alles ist weg. Tränen? Nie da gewe­sen. Im Gesicht ste­ht: Sprich mich nicht an und eine Sekunde später übertönt das Lachen, alles, was für ein paar Sekunden hier gewe­sen?

Und andere tra­gen diese Emotion noch für Stunden herum. Während das eine von der Sturmflut hin­weg gefegt wurde, erstar­rt das andere im Eispanzer des Nordpols. Das eine wie das andere erscheint wie ein Gedankenpalast. Gedanken, die Gefühle formten. Ich kenne das eine wie das andere. Ich kann mich an meine Erstarrung erin­nern, wo Gedanken sich keinen Zentimeter weit bewegten, ich kenne, den schnellen Griff zur Maske der Kontrolle. Und ich weiß auch von jenen Zeiten, wo das Wasser in Bewegung war, und Tränen flossen ohne beson­deren Anlass und wieder vergin­gen ohne weit­eres Zutun. Damals ahnte ich nicht, wie schw­er es wer­den würde. Die Erstarrung als Mittel zu über­leben, denn es gab nichts, das ich ändern kon­nte. Auch keine Entscheidung, die zu tre­f­fen war. Es war ganz ein­fach. Und es war schw­er.

Wie viel von uns wird durch Erwartungen ander­er bee­in­flusst? Aber noch wichtiger, wie sehr ist uns bewusst, dass wir uns davon leit­en lassen? Gegen den Strom zu schwim­men, kann manch­mal richtig anstren­gend sein und hin und wieder find­et man einen Altarm des Flusses, wo das Wasser ruhig ste­ht und wir uns ein­fach treiben lassen kön­nen.

Gegen den Strom zu schwim­men, bedeutet aber auch eigen­ver­ant­wortlich zu han­deln, selb­st zu denken. Seit ich selb­st viel langsamer unter­wegs bin, frage ich mich, wann find­en die anderen Zeit nachzu­denken. Ich meine nicht den ewigen Lärm im Kopf, die tausend Aufgaben, die Tag für Tag warten, gewälzt zu wer­den, hin und her, und her und hin. Das ist nicht denken, das ich meine, auch nicht die Gebetsmühlen, die ständig die gle­ichen Phrasen wieder­holen. Ich spreche von der Leere, die erst eine Möglichkeit zur Entscheidung bietet. Vielleicht sollte ich Ruhe sagen, die mir Raum gibt, zu wis­sen, was ist, was sein kön­nte und was nicht.

Meine Gebetsmühle wäre: Ich ver­misse es, eine Familie zu haben. Nun, was würde dieser Gedanke nach der zehn­tausend­sten Wiederholung brin­gen? Nichts. Also blick­te ich mich um, und schaute, was mein Herz noch erfreuen kön­nte. Das Reisen ist eine von diesen Freuden.

Im Tun finde ich Erfüllung. Das Haben hat mein Herz nur für Sekunden erre­icht, das Tun erfüllt es für Jahre. Der Konsum, der Verzehr von Gütern, wird zum Verzehr von allem, von Musik, von Literatur, Verbrauch von Dingen aller Art, selb­st von Ideen und Gedanken, hat uns gefan­gen. Die Freude, etwas zu kon­sum­ieren, lässt sich in sein­er Schnelligkeit kaum ver­fol­gen. Meine Freude, etwas zu tun, dauert an, bleibt beste­hen, erfüllt mich, wird Teil von mir. Und ob andere es gut find­en oder nicht, wird immer unwichtiger.

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