blog Nachdenken

Familien-Los

Manchmal scheint es so zu sein, dass Familie ein Los ist, das einem wie bei einer Lotterie zufällig zugeteilt wird. „Du hast ein schweres Los gezogen.“ 5 Tonnen schwer? Oder sind 5 Kilo auch schon zu schwer?

Wie oft ist das Herz so schwer, weil in der Familie etwas nicht so läuft? Meines war schwer, tonnenschwer, so schwer, dass ich mich entschied, weit weg zu leben. Und jeder Besuch legte wieder einen Stein auf mein Herz. Einen ganzen Geröllhaufen auf meinem Herzen. Nach einem Tag begann das Gezeter meiner Eltern, wer, wie und was ich sein sollte, und warum ich nicht so sei, wie meine Eltern es gerne hätten. Das Gezeter war so laut, dass nach dem Tode meines Vaters seine Freunde weiter zeterten.

Und zuhause ein Mann, der meinte, ich solle vergessen, was gewesen. So übt man Verdrängung. Ich stieg in den Zug mit Augen voll mit Tränen und stieg aus, die getrockneten Spuren des salzigen Wassers auf den Wangen und wusste nicht mehr, was gewesen war. Denn es interessierte niemand, oder zumindest nicht jenen, dessen Ohr mir wichtig war. Ich weiß bis heute nicht mehr, was mich so auflösen ließ. Hätte ich so weiter gelebt, wäre mir das Schicksal meiner Eltern garantiert gewesen: Alzheimer, die Krankheit eines verdrängten Lebens. Jetzt habe ich noch eine Chance, dem zu entkommen.

Nur einer hatte erfahren, dass mein Vater und ich es geschafft hatten, Frieden zu finden, Frieden miteinander, Familienfrieden, weil mein Vater erkannte, dass ich nicht so war, wie er dachte. Denn da war sein Herz schwer und ich trug sein Herz in meinen Händen, so gut ich konnte. Ich hatte aufgehört an meine Grenzen zu gehen, Grenzen, die meine Eltern nicht sahen, sondern vom Gegenteil überzeugt waren. Anstatt an die Grenzen meines Herzens zu gehen, blieb ich bei mir und auch bei ihnen. Der Rat des Hausarztes war bei mir: Denken Sie daran, dass Sie das Kind sind. Mit diesem Respekt begleitete ich meine Eltern ins Land des Vergessens.

Und wenn mich jemand fragte, warum ich ihnen nicht ganz den Rücken kehrte, dann sagte, manchmal schrie und manchmal seufzte ich es: „Sie sind die einzigen Eltern, die ich habe. So etwas gibt es nicht noch einmal.“

Dafür liebte ich sie.

Das war bedingungslos.

Das war mein Los.

So oft ging ich an Grenzen, um bei anderen zu sein. Ich kannte den Preis. Als ich diesen Preis nicht mehr zahlte, zahlte ich einen anderen. Selbst das, war mir bewusst. Manchmal kannte ich die Karten, bevor sie noch ausgeteilt waren. Es war kein Pokerspiel. Sie lagen offen vor mir.

Die Treue gehört nun mir, während sie früher den anderen gehörte.

Doch die Angst war auch bei mir, als zuerst mein Vater schneller und meine Mutter langsamer ging. Jahrelang fürchtete ich mich, wie es sein würde, wenn sie gegangen sein wird. Familienlos. Und als sie gingen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Zuerst der eine, dann der andere. Denn ihre Qual war zu Ende. Ich vergaß, dass es nur zwei gewesen waren.

Wieder dachte ich, ich hätte überlebt, überlebt familienlos zu sein.

Ich dachte, die Tränen wären als Bach ins Meer gefloßen, und nicht als Regen auf die Erde gefallen, die Tropfen, die Pflanzen wachsen lassen. Doch nun schneide ich gerade ein weiteres Band zur Heimat durch und die Heimat entzweit sich ebenfalls und ich verliere Halt. Zuerst versteinerte ich, erstarrt wie ein Statue konnte ich das Leben noch leben. Jede Bewegung schmerzte. Als ich die Totenstarre verließ, wurde mir schwindlig und mir zog es den Boden unter den Füßen weg. Jede Drehung und es zog Kreise über mir, und ich wusste nicht, wohin ich den Fuß setzen sollte. Alles bewegte sich um mich, die ganze Welt rotierte um mich wie sie um die Sonne. Inzwischen nur mehr manchmal und nicht mehr die ganze Zeit rundherum.

Du meinst, eine Wahlfamilie sei Ersatz. In Zeiten des Sonnenscheins ganz leicht – ich übertreibe maßlos, für mich relativ leicht. Andere haben nicht so viel Glück. Ich mag Menschen, ich spreche gerne mit ihnen, bin gerne mit ihnen. Doch bei Sturm und Unwetter jeglicher Art spielte ich wieder Lotterie. Und verlor. Ich verlor so oft.

Schon als Stöpsel lachte ich, wenn andere vor mir liefen und mich auslachten, weil ich Pummelchen ihnen nicht nachkam. Ich lachte zurück, den das Weinen hätte selbst diese Verbindung getrennt. Ich zuckte zusammen, als mir die Freundin, die ich wochenlang alleine besuchte, weil sie ans Bett gefesselt war, sagte, die andere, die, die nicht da war, sei ihre beste Freundin. Und ich lachte. Die andere, die meinte, nein, sie können nicht meine Freundin sein, denn die andere hatte sie erpresst, sie oder ich. Und ich verlor. Die nächste, die mich überredete zu ihr zu ziehen, ein Versuch, wie ein Leben in einer WG aussehen könnte, und ich war einsam wie nie zuvor. Denn da war die eine andere Freundin, die sie bräuchte, während ich niemand bräuchte, wie sie sagte, und sie ward nie gesehen. Und ich saß 2 Monate alleine in einem Haus am unbekannten Land, unter der Bettdecke, denn das Jahr war jung, der Winter noch im Lande, bis ich reumütig nach Hause zog. Experiment gescheitert. Ich war eine Last, nicht nur für Eltern, auch für meine Freunde und heiratete den, der mich wollte. Sonst gab es keinen, der mich wollte. Bis auch der mich nicht mehr wollte.

25 Jahre später wagte ich es nochmal. Ich dachte, ich müsse nur klar sagen, was mir gut tut und was mir ein Messer in die Brust rammt. „Authentisch sein“ sagen sie dazu oder „Ehrlich“, „Ganz du“.

Die eine lachte und meinte, das sagtest du schon. Ja, ich sagte, dass es mich verletzt, wenn du auf eine mail von mir, einer zweiten mail und einer dritten du nicht antwortest. Und ich sagte es einmal, zweimal, dreimal. Ich habe aufgegeben. Das Loch im Herzen blieb.

Oder jene, deren verächtlichen Blick ich ignorierte, weil die Liebe zu ihr so groß war. Bis ich die Verachtung nicht mehr aushielt und Abstand suchte. Und hin und wieder bricht die Wunde auf und ich pflege sie, bin gut zu ihr, verbinde sie und warte bis sich wieder eine Kruste bildet.

Das andere Mal bat ich, lass mich zu Wort kommen – einmal, zweimal, dreimal. Und als ich dreimal nicht zu Wort kam, weil die Wörter so tief in mir voll Schmerzen steckten und Zeit brauchten, um an die Oberfläche zu kommen, und trotzdem Wörter über mich ergoßen wurden, drehte ich mich um und ging. Es trampelten Wörter auf mir herum.

Als ich bat, sprich mit mir, sag mir, was ich falsch gemacht habe – einmal, zweimal, dreimal. Da wurde ich mit Schweigen niedergestreckt. Ich erhielt keine Antwort, also fragte ich noch ein viertes Mal und bekam ein fertiges Bild überreicht, wer ich denn sei. Verrückt und ohne Tassen im Schrank. Zumindest damals. Doch damals war ich nicht weniger ver-rückt als heute. Ich hatte nur meine Seele beschützt, doch das interessierte sie nicht, das glaubte sie nicht. Narrisch, wie meine Mutter. So trug ich den Wahnsinn mit Stolz wie meine Mutter und für meine Mutter, die auch niemand in ihrem Sosein ernst nahm.

Ich verbog mich nicht mehr. Aber vertrauen kann ich nicht mehr so wie vor 10 Jahren. Vorsichtig bin ich geworden, werfe mit meiner Liebe nicht mehr so herum, wie die vergangenen 50 Jahre, dabei liebe ich es zu lieben. Oh Gott, wie sehr ich es liebe. Ich liebte es immer schon. Staunte immer über den anderen. War fasziniert über die Menschen in meinem Leben. Doch die Distanz erspart mir heute Tränen. Und manchmal bleib ich fern, weil mich der Neid zerfressen würde. Und der Neid meine Seele.

Zugleich fühle ich mich undankbar, denn mehr als je zuvor habe ich Freunde, gute – beste Freunde in meinem Leben wie nie zuvor. Ich danke euch. Einmal, Zweimal, Dreimal, nein Tausendmal. Doch gehe ich immer einen Schritt zurück, denn nichts ist mir wichtiger als ihr mit euren Familie. Mich brauchen ihr nicht dazu. Und immer hoffe ich, ihr wißt, auf wen Verlass ist, so 100% und ganz und gar. Und ja, ich weiß, dass nicht alle Menschen in diesen Familien so sind, so mit Verlass und Vertrauen ganz und gar. Und ja, ich weiß, dass es Schmerzen gibt in diesen Familien. Oft ist es ein Dornenstrauch, der ganze Clan, aber ja. Trotzdem sehe ich auch die einzelne Rose in diesem Familienstrauch.

Letztens ertappte ich mich dabei, wie ich jemandem sagte, dass ich ihm vertraue. Niemand, den ich besonders gut kenne, auch nicht jemand, in den ich mich blindlings verliebt hätte (was bekanntermaßen blind macht). Nein, keine Liebe, nur ein Mensch. Ein Mensch, dem ich zusah, wie er mit Menschen umgeht, mit ganz Nahen und weit Entfernten. Und ließ mich berühren. Und jede Sekunde, die ich daran denke, ist eine Träne. Gut, dass es viel mehr Sekunden ohne diesen Gedanken dazwischen gibt. Es wurde schwer, weil ich sah, dass ich für 10% seiner Familie alles geben würde, was ich habe. Die Vertrautheit aller, der Frau, der Kinder, der Katze, des Hundes, alter Freunde. Nur 10% davon. Mehr braucht es nicht zum Leben. Und sein Wissen vom Wert dieses Glücks hebelte mich endgültig aus. Er weiß von seinem Glück, er weiß, sein Glück zu schätzen. Gott sei Dank!

Jetzt dreht sich die Erde noch immer ein wenig um mich.

 

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