Das kleine Mädchen von damals lebt

Ich bin so froh, dass es diese Seite auch gibt. Da singe ich dann laut vor mich hin und wenn du mich fragst, was es für ein Lied sei, dann kann ich es dir nicht sagen, denn es singt selbständig allein aus meinen Gehirnzellen raus. Es nimmt verschiedenste Nervenenden, die verstohlen meinem Stimmorgan Reize senden. Immer nur Melodien, keine Texte. Und sie nehmen sich alles, was sie bekommen können aus meiner Seele: Das Lustige, das Traurige, das Sentimentale, das Alberne, das Sehnsüchtige, das Kindliche, das Erotische, das Alte und das Junge. Ein Selbstbedienungsladen für die Musik in meinem Kopf. Und im Mund der Geschmack eines Faschingskrapfens und die Perlen von Sekt, die platzen im Mund wie die Blasen eines Brausepulvers.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Geschichten erzählende Natur

Verstehst du, warum ich es da ganz still brauche?

Ich höre sie sonst nicht, ich sehe sie nicht.
Das ist nicht ihr Fehler, das ist meiner.

Alleine gelingt es mir viel besser, das Licht,
das durch die Bäume fällt, in meinem Kopf festzuhalten.

Am Morgen, wenn es ganz zart den Dunst durchdringt
und einen goldenen Schimmer auf alles legt.
Oder am Abend, wenn die Sonne alles umhüllt
und in Töne von Gelb, Rot, Braun bis ins dunkle Violett die Landschaft überzieht,
bevor es in Grautönen eingefärbt wird.

Auch wenn ich dir das so beschreiben kann,
bin ich alles andere als ein Meister, es immer wahrzunehmen.
Die Erinnerung hilft mir zu üben.
Sie legt ihre Finger in meine Wunden der Unaufmerksamkeit,
wenn ich merke,
was ich übersehen habe.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Die Sprache deiner Seele

Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die kein unendliches Mitteilungsbedürfnis haben wie ich. Mit denen ist es gut schweigen. Das passt dann auch.

Als einmal einer sagte, er hätte mir alle guten Geschichten seines Lebens erzählt und was er nun machen solle, meinte ich, von vorne beginnen. Ich liebe Geschichten und sie verändern sich, jeder Tag bringt eine neue Schattierung, einmal ist sie kühler, ein andermal wärmer.

Die Art, wie du sprichst, die Details, die du wählst, der Rhythmus deiner Worte bilden Facetten deiner Seele. Die Zeit gibt ihr neue Farben, die Nuancen verschieben sich, werden schöner oder hässlicher, heller oder dunkler.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Schwimm mit mir, mein Herz

vielleicht liebe ich dich und du mich.
Vielleicht ist es nur ein Luftschloss,
denn es sind unsere Körper, die nicht von einander lassen können.
Und ich werde wieder zu weinen beginnen.

Vielleicht lerne ich mich nur durch dich kennen.
Vielleicht sind die Tränen bei dir keine bitteren.
Vielleicht zeigen sie mir nur, dass ich sein darf.
Vielleicht sind sie nur das Meer, in dem ich zuhause bin.

Und ich darf schwimmen in ihnen.
Sie wissen nichts von der Verzweiflung ihrer Brüder und Schwestern,
denn sie sind süß.
Schwimm mit mir, mein Herz.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Halt mich fest!

Bitte halte mich fest!
Ganz fest!
Lass mich nicht los!
Ich zerfließe.
Ich will mich in deinen Armen verkriechen und nicht im Bett!
Lach mich nicht aus!
Hilf mir und zeig mir, dass ich nicht verrückt bin!
Bitte!

Es macht mir Angst, nicht mehr alleine zu sein.
Es macht mir Angst, dass ich wieder alleine sein könnte.
Ich habe Angst.
Darf ich Angst haben?
Ich bin doch nicht mehr in dem Alter, um mich grundlos zu fürchten?
Warum muss ich soweit weg sein?

Ich will dich nah, ganz nah haben.
Ich will dich spüren.
Ich will dich riechen.
Ich will, dass dein warmer Körper mir wieder Leben einhaucht.
Spürst du mein Zittern?
Es wird vergehen, ganz sicher, es wird vergehen, es ist immer vergangen.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Meine Scham

Ich schäme mich, als die Zeiten rauer wurden
und mich der Sex nur mehr an Vergewaltigungen erinnerte.
Da war der Verzweiflungssex nach der Trennung noch der Beste,
auch wenn dieser brutal war.

Ich, die starke Frau, lasse zu, vergewaltigt zu werden.

Ich wehre mich nicht.

Ich wartete, bis er ging.

Das macht mir Angst.

Angst, was ich zugelassen habe.

Ich habe Angst.

Wieder ohnmächtig sein.

Furchtbare Angst.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Du lässt mich ganz

Ich fragte mich lange,
wer du sein wirst,
wie du aussehen wirst,
was für Sehnsüchte du hast.

Ob du der Gegensatz bist,
der mich anzieht,
oder der Gleiche,
der sich zu mir gesellt,
weil wir ähnliche Interessen haben.

Ich dachte wirklich,
dass darin ein Schlüssel wäre, zu begreifen,
wer du bist oder warst oder sein wirst.
Aber das ist nicht das Geheimnis,
warum ich mich von dir angezogen fühle.

Du lässt mich ganz. Der Rest ist unwichtig.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Wie außergewöhnlich wir alle sind

„Ich fühle mich wie ein Alien vom Mars“, sagte ich.

Dann gab es zwei Reaktionen, die einen sagten:
„Das stimmt doch gar nicht“
und die anderen meinten:
„Kenne ich, auch ich fühle mich oft fremd“.

Als mir das durch den Kopf ging,
begriff ich,
dass die Andersartigkeit nur ein Kennzeichen für unsere Einzigartigkeit ist.

Gerade weil wir alle anders sind, gleichen wir uns nicht wie ein Ei dem anderen.

Jetzt erst kann ich das Besondere im Gegenüber, in dir, erkennen.

Hin und wieder Verlorenheit und Einsamkeit ist der Preis,
den wir zahlen,
dass wir alle außergewöhnlich sind.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Warum liebe ich das Reisen?

Die Sonne stieg gerade über den Hügel und fiel wie zufällig durch das Küchenfenster. Sie ist mir eine treue Begleiterin und ich erkenne sie, selbst wenn sie nur durch die Wolkendecke grüßt. Auf sie kann ich mich verlassen. Sie ist das Symbol meiner Heimat, zuhause im Sonnensystem. Umso mehr überraschte mich meine Antwort. Denn es geht dabei nicht um Vertrautes.

Es ist das Fremdsein an anderen Plätzen. Nicht der andere Ort an sich, nicht das Meer oder die Berge, die Wälder oder Prärien, nein, es ist die Heimatlosigkeit, ohne Wurzeln, ausgeliefert dem Unberechenbaren. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es gibt mir das Gefühl, auf der ganzen Erde zuhause zu sein.

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie

Alt werden

Ich kann mir nicht vorstellen,
keine Lust mehr auf die Lust zu haben.
Doch wie wird sie sich verändern?
Bekommt die Sinnlichkeit eine neue Dimension?
Ich musste auch an seine Frau denken.
Haben die vielen Jahre jede Sehnsucht erstickt?
Ist sie so sprachlos,
ohne Worte wie ich in meiner Ehe?

Auszüge aus dem Roman „Gebrauchsanweisung für Marie